Bad Kissingen
Unesco

Great Spas of Europe: Experten-Missionen in die Bewerberstädte

Sachverständige prüfen derzeit den Weltkulturerbe-Antrag der Great Spas of Europe. Dazu gehört auch, dass sie Bad Kissingen und die übrigen Bewerberstädte besuchen. Der Bericht der Experten dient als Grundlage für das Welterbekomitee.
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Nicht nur die Besucher im Kurgarten lassen die Bad Kissinger Kuranlagen auf sich wirken, auch von der Unesco beauftragte Experten begutachten die Stadt: auf ihre Weltkulturerbetauglichkeit. Foto: Benedikt Borst
Nicht nur die Besucher im Kurgarten lassen die Bad Kissinger Kuranlagen auf sich wirken, auch von der Unesco beauftragte Experten begutachten die Stadt: auf ihre Weltkulturerbetauglichkeit. Foto: Benedikt Borst

Es wird zwar noch etwas dauern, bis die Unesco darüber berät, ob die "Great Spas of Europe" Weltkulturerbe werden oder nicht. Trotzdem ist das Jahr 2019 für die Bewerbergruppe entscheidend. Denn dieses Jahr wurden und werden die Grundlagen gelegt, auf denen später die Entscheidung des Welterbekomitees fußt.

Die Great Spas of Europe: Das sind elf historische Kurorte aus sechs europäischen Ländern, darunter für Deutschland Bad Kissingen, Baden-Baden und Bad Ems. Seit mehr als zehn Jahren läuft die Bewerbung, Bad Kissingen ist seit neun Jahren involviert. Ende Januar hat die internationale Bewerbergruppe den endgültigen Antrag unterzeichnet und bei der Unesco eingereicht. Auf mehr als 1400 Seiten begründet die Gruppe, warum sie auf der Welterbeliste aufgenommen werden möchte. Außerdem muss jede Bewerberstadt darstellen, warum sie als Teil der Gruppe das Prädikat Weltkulturerbe verdient.

Entscheidung soll in China fallen

"Die Evaluierung eines Antrags für die Aufnahme in die Welterbeliste durchläuft ein eineinhalbjähriges Verfahren", erklärt Stephanie Laumen, Pressesprecherin der Deutschen Unesco-Kommission. Das heißt, die Unesco nimmt sich eineinhalb Jahre Zeit, um den Antrag zu prüfen, bevor sie ihre Entscheidung trifft. Für die Great Spas bedeutet das, dass sie voraussichtlich auf der 44. Sitzung der Welterbekommission im Juni/Juli 2020 in Fuzhou (China) behandelt werden. Bis dahin nehmen von der Unesco beauftragte Experten eine wissenschaftliche Bewertung der Great Spas vor. Diese Sachverständigen werden vom Internationalen Rat für Denkmalpflege (Icomos) gestellt. Im Fokus der Prüfung steht laut Deutscher Unesco-Kommission der "Outstanding Universal Value", also das, was eine Stätte als etwas international Besonderes macht.

Experten-Mission an die Saale

Die Einreichung des Antrags war ein wichtiger Schritt für die Great Spas. Der nächste wichtige Schritt steht jetzt im Herbst an. Denn es werden nicht nur die Unterlagen geprüft, sondern auch die Städte selbst: Experten von Icomos besichtigen alle elf Badeorte der Great Spas und nehmen sie unter die Lupe. Aufgabe der Experten ist dabei auch die Managementpläne, die Erhaltungspraktiken und das Besuchermanagement zu bewerten- also die Pläne, wie mit den möglichen Welterbestätten später einmal umgegangen werden soll.

Wie die Deutsche Unesco Kommission mitteilt, finden die Besichtigungen der Great Spas Bewerberstädte zwischen Juli und September statt. Konkrete Informationen, also wann die Sachverständigen sich in Bad Kissingen aufhalten, wie dieser Besuch abläuft und wer daran teilnimmt, werden nicht öffentlich gemacht. Weder Unesco und Icomos Deutschland, noch die Stadt Bad Kissingen geben dazu Auskunft.

Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Dr. Christoph Machat erklärt, warum die Experten-Missionen vertraulich behandelt werden: "Der Besuch dient der Meinungsfindung auf höchstem Niveau", sagt er. Er finde ohne Öffentlichkeit statt, damit sich die Icomos-Fachleute ein authentisches Bild machen können und keinem politischen Druck ausgesetzt sind.

Gebäude sollen authentisch sein

Machat ist seit 1978 auf nationaler und seit 1984 auf internationaler Ebene für Icomos tätig. Er gehörte lange dem Icomos Vorstand in Deutschland an und hat an 29 Unesco-Weltkulturerbe-Missionen als Experte teilgenommen. "Die Kollegen prüfen: Ist das, was in den Antragsunterlagen steht, auch wirklich da", erklärt er. Immer wieder gebe es Fälle, bei denen in den Unterlagen Dinge beschrieben werden, die sich in der Realität ganz anders darstellen. Besonders wichtig bei der Bewertung: "Die Authentizität der Gebäude", betont Machat. Es geht darum, den Erhaltungszustand und die Echtheit der Kulturstätten zu bewerten. Die Besuche finden in kleinem Kreis statt, Teilnehmer sind neben den Icomos-Leuten vor allem lokale Experten.

Ja, Nein oder Nachbessern

Nach Ende der Besichtigungen verfassen die Experten einen Bericht. Icomos international wiederum schreibt anhand des Berichts über die Besichtigung und anhand der wissenschaftlichen Bewertung eine Empfehlung an die Unesco. "Ich bin neugierig, was die Kollegen sagen werden und wie es weitergeht", sagt Machat. Bei den Great Spas of Europe handle es sich um eine komplexe, langwierige und teure Bewerbung.

"Die Empfehlung von Icomos bildet die Entscheidungsgrundlage für das Welterbekomitee", erklärt Stephanie Laumen von der Deutschen Unesco-Kommission. Mit dieser Empfehlung sei bis Jahresende zu rechnen.

Im Idealfall empfiehlt Icomos, die Great Spas vorbehaltlos als Weltkulturerbe anzuerkennen. Genauso kann es aber auch sein, dass sie nicht empfohlen werden oder dass noch Nachbesserungen am Nominierungsantrag verlangt werden. Das kann unter Umständen bedeuten, dass sich die Bewerbergruppe noch verändert, also dass Bewerberstädte gestrichen werden oder dass andere Kurorte hinzukommen.

"Bis spätestens 31. Januar 2020 erhalten die zuständigen Stellen in Deutschland einen ersten Zwischenbericht von Icomos und können gegebenenfalls weitere erforderliche Unterlagen und Informationen nachreichen", erläutert Laumen das Procedere. Sechs Wochen vor Sitzung des Welterbekomitees werde die Icomos-Empfehlung im Rahmen der Sitzungsvorbereitung veröffentlicht.

Icomos: Experten im Auftrag der Unesco

Icomos Der internationale Rat für Denkmalpflege ist eine internationale Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Paris. Gegründet 1965, setzt er sich weltweit für die Pflege und den Erhalt von Denkmälern sowie zur Bewahrung historischen Kulturerbes ein.

Gliederung Icomos hat Nationalkomitees in mehr als 120 Ländern sowie 25 internationale, wissenschaftliche Fachkomitees.

Beratung Icomos berät die Unesco zu denkmalpflegerischen Fragen, insbesondere bei Weltkulturerbestätten.

Great Spas Zur Bewerbergruppe gehören Bad Kissingen, Baden-Baden, Bad Ems, Marienbad, Karlsbad und Franzensbad (Tschechien), Bath (England), Spa (Belgien), Vichy (Frankreich), Baden bei Wien (Österreich) und Montecatini Terme (Italien). Die Great Spas argumentieren, dass die Kurbäder des 19. Jahrhunderts bedeutsamer Teil der europäischen Kulturgeschichte sind. Die Great Spas setzten Impulse in der Medizin, im Tourismus sowie in der Freizeitindustrie, zudem förderten sie demokratische Entwicklungen.

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