Bad Kissingen
Interview

Great Spas of Europe: Experte für Littmanns Kurbauten

Christian Teichmann hat viele markanten Kurgebäude in Bad Kissingen saniert. Er erklärt, warum Max Littmann an der Saale sehr fortschrittlich gebaut hat.
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Architekt Christian Teichmann wandelt iN Bad Kissingen auf den Spuren von Max Littmann. Foto: Benedikt Borst
Architekt Christian Teichmann wandelt iN Bad Kissingen auf den Spuren von Max Littmann. Foto: Benedikt Borst
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Architekt Christian Teichmann, Partner im Büro Grellmann Kriebel Teichmann, ist ein bekennender Max Littmann Freund. Seit mehr als 20 Jahren hat der bald 60-jährige Würzburger in Bad Kissingen mit den Gebäuden des Baumeisters zu tun. Denn auch die von Littmann entworfenen Bauwerke kommen in die Jahre und müssen irgendwann überarbeitet werden. Seit 1996 hat Teichmann die Wandelhalle und den Regentenbau saniert, aktuell ist er für den Umbau des Kurhausbades verantwortlich. Von 2013 bis 2017 leitete Teichmann außerdem die Sanierung des Luitpoldbades (ausnahmsweise nicht von Littmann errichtet). Teichmann hat damit einen großen Teil der Gebäude wieder auf Vordermann gebracht, mit der die Stadt Unesco-Weltkulturerbe werden will.

Sie wandeln seit Jahren auf Littmanns Spuren. Welche Beziehung haben Sie zu dem großen Baumeister aus München?

Christian Teichmann: Ich halte ihn für einen sehr guten Kollegen, der hier in Bad Kissingen viel realisieren durfte. Wir haben 1996 eines der ersten öffentlichen, europaweiten Ausschreibungsverfahren gewonnen und Weg zu Max Littmann gefunden, als der Freistaat Bayern den Regentenbau und die Wandelhalle generalsanieren ließ. Das war für uns der Anlass, sich mit Max Littmann näher zu beschäftigen. Littmann wird heute als Schulbeispiel angesehen für den Neoklassizismus innerhalb der modernen Architektur. Davon haben Sie in Bad Kissingen mit Kurtheater, Regentenbau, Wandelhalle, Kurhausbad einige Bauten.

Sehen Sie ihn als Vorbild?

Max Littmann ist für unser Büro ein gutes Vorbild, weil er seine Bauten durch eine vornehme Zurückhaltung und trotzdem feierlich ausgestattet hat. Max Littmann hat es mit sehr wenigen und sehr einfachen Mitteln geschafft, ein feierliches Ensemble zu gestalten. Er war ein mutiger Architekt, der sehr viele Konstruktionen weit voraus gedacht hat.

Feierlich und einfach. Wo sieht man das konkret in Bad Kissingen?

Das kann man sehr schön an der Wandelhalle sehen. Die ist mit 3500 Quadratmetern die größte Europas. Sie steht als Betonbau von außen ganz schlicht und einfach da. Durch die große Arkadenreihe, den Sichtbeton mit den eingegossenen Ornamenten und den großen Glasöffnungen steht sie im Kurpark, als wäre sie eine offene Halle. Wenn ich in der Wandelhalle stehe, habe ich eine ganz schlichte Eleganz. Da habe ich ein dünn verputztes Betontragwerk und die Decken von Littmann, die zum Teil verblasst waren und die wir wieder restauriert haben. Und so hat Littmann dieses riesengroße Gebäude in diese wunderbare Kurparklandschaft integriert. Wenn ich drinnen stehe und erlebe diese Brunnenhalle, da hat sie wie ein Dom etwas ganz feierliches, obwohl sie mit einfachen Mitteln gebaut ist.

Was schauen Sie sich von Max Littmann ab?

Wir arbeiten bei uns im Büro zu 80 Prozent in der Denkmalpflege. Alter Bau - Neues Leben. Da ist es die Kunst der jetzt tätigen Architekten, dass sie auch eine vornehme Zurückhaltung und einen sensiblen Umgang mit dem Baudenkmal an den Tag legen. Trotzdem dürfen wir unsere Zeit nicht verleugnen. Das muss High-Tech sein und so funktionieren, wie es von den Gebäuden in unserem Jahrtausend verlangt wird.

Wandelhalle, Regentenbau, Luitpoldbad, Kurhausbad und Neumann Flügel. Wie schaffen Sie es den klassischen Charakter dieser Kissinger Wahrzeichen zu erhalten, bei all den DIN Normen, Vorschriften und Brandschutzbestimmungen?

Da fragen Sie richtig. Balthasar Neumann hatte fünf Materialien, mit denen er alles gebaut hat. Max Littmann hatte vielleicht 150 Baumaterialien und heutige Architekten haben 15 000. Sich zurückzubesinnen auf die klassischen Materialien, ist nicht verkehrt. Außerdem müssen Architekt und Bauherr Rückgrat haben und sagen, die DIN Norm gibt es zwar, aber wir haben hier ein Baudenkmal.Jede DIN bleibt auch die Ausnahme im Einzelfall. Es kann auch einmal ein bisschen ziehen, bevor ich zum Beispiel ein historisches Fenster total vergewaltige und zu einer Dreifachspiegel-Isolierverglasung umbaue.

Ich stelle mir das teilweise wie eine OP am offenen Herzen vor: Der Regentenbau gehört zu den 20 akustisch besten Konzertsälen in Europa. Wie kann man den sanieren und modernisieren, ohne etwas kaputt zu machen?

Der Regentenbau war von all den Kissinger Bauwerken mit Abstand das anspruchsvollste. Wenn die Akustik verloren gegangen wäre, weil ich ihn DIN gerecht umbaue, hätte ich nach Südamerika auswandern können, weil die Kissinger ihr Zugpferd verloren hätten. Er ist nicht technisch der beste Saal, aber ein klassischer Schuhkarton - also eine Holzkiste, die wie ein Geigenkasten funktioniert. Wenn Sie zum Beispiel neue Brandschutzpanele einziehen, verengen Sie den Raum hinter der Holzschalung. Dann haben Sie gleich eine andere Akustik. Wir haben sie in enger Abstimmung mit den Akustikern durchgeführt, jedes neues versteckt liegendes Bauteil vorher rechnen lassen. Die Sanierung ist richtig heikel gewesen.

Aber sie ist geglückt.

Richtig. Ich will damit nur zeigen, wie fortschrittlich Max Littmann gebaut hat.

Kommen wir zum Thema Great Spas of Europe. Sie haben einen großen Teil der Gebäude saniert, die den Kern der Unesco-Bewerbung Bad Kissingens ausmachen. Wie schlagen die sich im Vergleich zu anderen Welterbestätten?

Ja das stimmt. Wir haben im Bewerbungsgebiet einige der repräsentativsten Gebäude sanieren dürfen. Littmann hat es geschafft, die Stilelemente, die er immer wieder verwendet, in Bad Kissingen ganz eigenständig darzustellen. Die Wandelhalle gibt es so gar nicht mehr in Deutschland. Der Regentenbau hebt sich hervor durch zwei Dinge: Die Hinterbühne mit den Säulenreihen, also das was auf den Autobahnschildern Bad Kissingen zeigt. Das zweite ist die große, nach außen geschwungene Vorhalle noch vor dem Vestibühl. Obendrauf die Pausenterrasse mit der nach hinten geschwungenen Fassade. Insgesamt ein Alleinstellungsmerkmal, das sich organisch in die Saale-Landschaft einfügt. Ich würde mich sehr freuen, wenn es Bad Kissingen schafft. Die Stadt hat eine große Anlage. Von der Wandelhalle bis zum Regentenbau sind es knapp 500 Meter. Wenn man die Gesamtanlage betrachtet ist das trotzdem sehr kurzweilig. Jeder Raum ist anders.

Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass die Stadt anerkannt wird?

Ich glaube, Bad Kissingen hat durchaus eine Chance mit dem Areal, mit dem es sich bewirbt. So eine von einem Fluss durchflossene Parkanlage, die ja auch ein Denkmal ist, mit dieser Geschichte, mit dem großen Luitpoldbad drinnen und mit den Kurbauten und Konzertsälen gegenüber, also insgesamt die Themen Gesundheit und Kultur - da fällt mir nicht auf Anhieb ein, wo man so eine Funktion so gebündelt und mit solchen einmaligen Bauten hat. Vor allem weil die Bauten heute noch so dastehen, wie zur Bauzeit.

In Bad Kissingen gibt es einige Leerstände und in die Jahre gekommene Gebäude. Was würden Sie da gerne noch anpacken?

Ich wollte eigentlich immer gerne das Postgebäude und den Schlachthof sanieren. Das sind zwei Projekte, die viel Spaß machen würden. Beim Kurtheater werden wir uns natürlich bewerben, wenn es denn einmal kommt. Da haben wir mit unserem Littmann-Wissen auch eine Chance, die Ausschreibung zu gewinnen.

Das Gespräch führte unser Redaktionsmitglied Benedikt Borst.

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