Bad Kissingen
Kommentar

Geisterstunde in Sachen Demokratie

Die Wahl der Bürgermeister im Bad Kissinger Stadtrat sorgte für Überraschungen.
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Die Bürgermeisterei ist in Bad Kissingen immer noch Männersache: Oberbürgermeister Kay Blankenburg mit seinem 1. Stellvertreter Anton Schick (rechts) und seinem 2. Stellvertreter Thomas Leiner (links). Foto: Ahnert
Die Bürgermeisterei ist in Bad Kissingen immer noch Männersache: Oberbürgermeister Kay Blankenburg mit seinem 1. Stellvertreter Anton Schick (rechts) und seinem 2. Stellvertreter Thomas Leiner (links). Foto: Ahnert
Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Man war ja eigentlich davon überzeugt, dass die Wahl der beiden weiteren Bürgermeister eine ruhige Sache werden würde: 2. Bürgermeisterin Karin Renner (CSU), 3. Bürgermeister Anton Schick (DBK).

Aber es galt zweitens. Nach dem ersten Wahlgang zum 2. Bürgermeister gab es die erste Überraschung: Da hatten nicht nur Schick 13 und Renner 14 Stimmen, sondern auch Thomas Leiner (CSU) 4 Stimmen, obwohl er überhaupt nicht nominiert worden war. Das waren für spontane Wahlentscheidungen eigentlich zu viele. Aber warum war vorher niemand aufgestanden und hatte Leiner vorgeschlagen (er hätte sich sogar auch selber vorschlagen können)? Warum hatte niemand den Mut gehabt. Deutete sich da der Versuch an, die Wahl von Karin Renner gegen die öffentlich erklärte Position der CSU zu verhindern?

Wenn ja, dann war die Stichwahl der erste Teilerfolg: Anton Schick bekam eine Stimme mehr als Karin Renner. Sie trug's mit Fassung. Das ist halt Demokratie.

Aber dann wurde es doch ein bisschen gespenstisch. Denn als Oberbürgermeister Kay Blankenburg die Wahl zum 3. Bürgermeister aufrief, da preschte ausgerechnet der Stadtratsneuling Florian Keßler (DBK) nach vorne, griff sich das Mikrofon, lobte Thomas Leiner und schlug ihn dieses Mal offiziell für den Posten vor. Natürlich kann im Stadtrat jeder jeden vorschlagen, aber wäre es in einem Kollegialorgan nicht erwartbar gewesen, er hätte sich herausgehalten? Denn offiziell hatte sich die CSU im Rahmen ihres Ermessensspielraumes für Karin Renner ausgesprochen. Und warum musste ein DBK-Mitglied in fremden Gewässern noch Personalpolitik machen, nachdem sein Fraktionskollege Anton Schick ohnehin schon den höchsten, zu dieser Zeit zu besetzenden Repräsentationsposten der Stadt bekommen hatte.

Wollte oder sollte Keßler für die CSU-Fraktion den Spaltpilz spielen? Wenn die ersten vier Stimmen für Thomas Leiner so überraschend gewesen wären, hätte der zugunsten des Fraktionsfriedens ja auch die Kandidatur ablehnen können. Nachdem Klaus Zehe (FW) seinen Kollegen Sigismund von Dobschütz vorgeschlagen hatte, konnte CSU-Fraktionssprecher Michael Heppes Karin Renner nur noch einmal wie Sauerbier anbieten.
Der erste Wahlgang sah für sie nach einem Erfolg aus: Sie bekam 14 Stimmen, Thomas Leiner 11, Sigismund von Dobschütz 6. Aber die Stichwahl muss sie dann endgültig als Demütigung empfunden haben. Da bekam sie mit 12 Stimmen sogar zwei weniger als im ersten Wahlgang, Thomas Leiner die anderen 19. Wenn die Wahl der Versuch war, Karin Renner als Bürgermeisterin zu verhindern, ohne ein Visier öffnen und sich bekennen zu müssen, war er damit gelungen, erfolgreich abgeschlossen.

Natürlich ist auch das Demokratie, aber es war kein guter Start für Michael Heppes, der in der nächsten Zeit in seiner Fraktion viel Werbung für Individualität in Gemeinsamkeit treiben muss. Aber für sich persönlich hat er eine gute Entscheidung getroffen. Er ist nach einer für ihn sicherlich enttäuschenden, in manchen Stadtteilen sogar sehr enttäuschenden Oberbürgermeisterwahl nicht dem Charme des Titels und der vermeintlichen Macht des Amtes erlegen. Er hat nicht selbst für den Posten des 2. Bürgermeisters kandidiert. Denn da hätte er nach dem Loyalitätsgebot der Gemeindeordnung strikt die Positionen des Oberbürgermeisters vertreten müssen, gegen die er im Wahlkampf zum Teil noch angekämpft hat. Da hätte er gar kein eigenes Profil entwickeln können und dürfen.

Das Amt des Fraktionssprechers bietet ihm da ganz andere Möglichkeiten, auch wenn es für ihn als Stadtratsneuling eine ziemliche Ochsentour ist, denn er muss plötzlich über alles Bescheid wissen, sich zu allem äußern können.

Aber auch die Kissinger CSU profitiert davon. Denn sie hat, wenn sie sich dazu verstehen will, zum ersten Mal nach der Amtszeit von Georg Straus (1984 bis 1990) sechs Jahre Zeit, einen Kandidaten in aller Ruhe aufzubauen. Sie kann zum ersten Mal sich von dem Ruf befreien, immer nur stadtratsferne Notnägel aus dem Hut zu zaubern: Edmund Wilhelm, Karl-Heinz Laudenbach (der hat immerhin gewonnen, ist aber nie wirklich in seiner Fraktion angekommen), Nikolaus Fuchs und Michael Heppes. Sollten beide Kandidaten von 2014 sich entschließen, 2020 noch einmal bzw. wieder anzutreten, dürfte der Wahlkampf entschieden spannender werden als der letzte.
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