Bad Kissingen
Kultur

Fulminanter Einstieg in den 30. Bad Kissinger Orgelzyklus

Burkhard Ascherl, der das Eröffnungskonzert selbst spielten wollte, musste aus gesundheitlichen Gründen absagen.
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Dekanatskantor Matthias Braun aus Bad Neustadt sprang für Burkhard Ascherl ein und eröffnete den 30. Bad Kissinger Orgelzyklus.  Gerhild Ahnert
Dekanatskantor Matthias Braun aus Bad Neustadt sprang für Burkhard Ascherl ein und eröffnete den 30. Bad Kissinger Orgelzyklus. Gerhild Ahnert
Da stutze man doch kurz und kam ins Grübeln, als Stadtpfarrer Gerd Greier bei der Begrüßung in der Stadtpfarrkirche die überraschende Zahl nannte: 30. Bad Kissinger Orgelzyklus - den es zu eröffnen gelte. Ist das schon so lange her, dass Regionalkantor Peter Rottmann diese Konzertreihe ins Leben rief, die Stadtkantor Burkhard Ascherl 1993 mit der Einweihung der neuen Schuke-Orgel in der Herz-Jesu-Stadtpfarrkirche übernahm?

In der zweiten Hälfte der 80er Jahre - das war die Amtszeit von Oberbürgermeister Georg Straus - muss in der Stadt eine starke kulturelle Aufbruchsstimmung geherrscht haben: Nicht nur der Orgelzyklus wurde aus der Taufe gehoben, sondern auch der Kissinger Sommer, der Theaterring, der Musikring, und die Dauerausstellung "Jüdisches Leben in Bad Kissingen" wurde eröffnet.
Naja, sei's drum. Jetzt also Kissinger Orgelzyklus zum 30.

Burkhard Ascherl, der das Eröffnungskonzert selbst spielten wollte, musste aus gesundheitlichen Gründen absagen. Aber wo Pech ist, ist eben auch Glück. Er fand einen Einspringer, der ihn bestens vertrat: Seinen Kollegen aus Bad Neustadt, Dekanatskantor Matthias Braun. Er hatte ein Programm mitgebracht, das man als deutsch-französisch gemischt bezeichnen könnte - mit bekannten und kaum bekannten Namen.

Matthias Braun entging nicht ganz dem bekannten Problem der Stadtpfarrkirche: Natürlich verleitet die Schuke-Orgel mit ihren reichen Möglichkeiten zum Hinlangen, aber dagegen hat der Teufel die Überakustik des hohen Kirchenschiffs gesetzt. Da stößt die Musik schnell an die Grenzen der Durchhörbarkeit. Ein Burkhard Ascherl weiß das und kann sich durch verkürzte Anschlagsdauer darauf einstellen. Aber Gäste lassen sich halt überraschen. Und so wurde der Einstieg in das Konzert auch ziemlich mulmig mit dem Maestoso aus der der Sonate Nr. 2 B-dur von Camillo Schumann, das von sich aus schon sehr spätromantischh-klangmächtig ist. Die anderen drei Sätze wurden durchsichtiger. Aber dadurch wurde auch deutlich, dass die Schlussfuge über B-A-C-H vom Komponisten gut gemeint war, aber etwas zerbröselte.

Das französische Fach war zweimal vertreten und brachte mit "O filii et filiae" österliche Gedanken ins Programm: Zum einen mit dem Offertorium op. 49/2 von Alexandre Guilmant, in dem Matthias Braun geschickt die Umspielungen der Melodie nutzte, um der Musik Schwung zu verleihen, in dem er mit differenzierter Registrierung von Nähe und Ferne erzeugte und sehr stark auf die harmonische Raffinesse des Werkes zielte. Zum anderen das Cantabile aus der e-moll-Sonate "O Filii" von Nicolas-Jacques Lemmens, in dem sich die Melodie aus einem geheimnisvollen Beginn heraus in differenzierten Blöcken immer mehr steigerte - sich berechenbarer als bei Guilmant, aber nicht weniger Eindrucksvoll.

Da konnte der Kölner Carl Sattler, Spätromantiker wie Camillo Schumann, nicht mithalten mit seinem Präludium und Doppelfuge über "Das Grab ist leer" op. 28a. Natürlich basiert der Satz auf einem österlichen Freudengesang mit finalem Halleluja. Aber muss Freude so plakativ sein, dass man als Zuhörer an seine Grenzen des Erkennens gerät und dem Schalldruck zum Opfer fällt? Da hätte sich Sattler vielleicht ein bisschen bescheiden können. So war's vor allem laut.

Ein wohltuender Kontrast waren dazu die abschließenden drei Sätze aus Louis Viernes 1. Orgelsinfonie. Da konnte man bei dieser leichthändigen Spielmusik des Allegro vivace wieder das Schmunzeln lernen und im starken rhythmischen Schwingen des Finales nicht nur Strukturen, sondern auch Melodien erkennen. Da hätte Carl Sattler mal zuhören sollen.

Sieger nach Punkten wurde aber wieder einmal - nicht allzu überraschend - Johann Sebastian Bach mit Präludium und Fuge G-dur BWV 541, eine seiner bekanntesten Orgelkompositionen. Natürlich lag das sicher auch daran, dass sich in den letzten 200 Jahren gesicherte Spiel- und Registrierungstraditionen herausgebildet haben. Trotzdem spielt nicht jeder das Präludium so frisch und federnd und gleichzeitig so virtuos wie Matthias Braun mit einer hellen, klärenden, übersichtlichen Registrierung.

Und so richtig gute Laune machte die Fuge, vielleicht erstaunlicherweise. Denn Bach hat dieses Thema bereits im Eingangssatz seiner Kantate "Ich hatte viel Bekümmernis" BWV 21 verwendet. Aber das Thema ist, wenn man es leichthändig, fast ein bisschen witzig spielt, durchaus geeignet, "viel Vergnügen" zu erzeugen. Denn dass für eine Fuge erstaunlich schlichte Thema aus fünf identischen Achteln, zwei Sechszehnteln und einem abschließenden Achtel trägt den elastischen Vortrieb schon in sich. Und dadurch, dass es immer wieder zwar versetzt, aber mehrschichtig nebeneinander her läuft, gewinnt diese Fuge eine unerwartete Durchhörbarkeit - wenn man sie so präzise spielt wie Mattias Braun. Als Zugabe spielte er Jacques Offenbachs "Barcarolle". Auch das kann Orgel, wenn man's kann.
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