Bad Kissingen
Gedenkfeier

Erinnerung an die Reichspogromnacht in Bad Kissingen

Am jüdischen Gemeindehaus fand eine Kranzniederlegung statt, mit der an die Ereignisse vom 9. auf den 10. November 1938 erinnert wurde.
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Gedenkfeier am jüdischen Gemeindehaus  Foto: Gerhild Ahnert
Gedenkfeier am jüdischen Gemeindehaus Foto: Gerhild Ahnert
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Eine große Gruppe von Menschen hatte sich am Donnerstagmorgen am jüdischen Gemeindehaus versammelt, um eines der finstersten Kapitel in der dunkelsten Geschichte Deutschlands und Bad Kissingens zu erinnern: Vor 80 Jahren tobte in der "Reichspogromnacht" ein Sturm der Gewalt und Verwüstung durch das Land. "Als in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 Fensterscheiben zerstört wurden, die Synagogen Opfer von Brandstiftern und Plünderern wurden, jüdische Mitbürger Ausschreitungen erlebten, verhaftet, in Konzentrationslager verbracht wurden, misshandelt, sogar ermordet wurden, dann war das nicht irgendein Pogrom, abstrakt, entfernt, sondern mitten in Deutschland, auch hier in Bad Kissingen. Betroffen waren Menschen, die in Bad Kissingen wohnten, die bekannt waren: der Nachbar, der Mitschüler, de Arbeitskollege, der Mitarbeiter, der Vereinsbruder - der Mitmensch", sagte Bürgermeister Toni Schick, der die Gedenkansprache hielt: "Reichskristallnacht, Reichspogromnacht, das ist der schauerliche Klang einer namengewordenen Verbrechensnacht."

Bezeichne der Novemberpogrom von 1938 den Höhepunkt der Diskriminierung der Juden in Deutschland und den Übergang zur massiven Judenverfolgung im Dritten Reich, so sei der Holocaust der Endpunkt auf diesem Weg mit dem Ziel der Vernichtung der Juden in Europa. Toni Schick: "Wir versammeln uns heute an symbolträchtiger Stelle, nämlich an der Stelle, an der die Neue Synagoge, 1902 eingeweiht, stand. Sie wurde ein Opfer der Brandstifter, brannte aus, wurde geschändet und 1939 abgerissen. Ihre Nicht-mehr-Existenz ist ein Mahnmal für die Reichspogromnacht in Bad Kissingen." Die "virtuelle Rekonstruktion" der Neuen Synagoge mache immer wieder auch deutlich, "welches eindrucksvolle Gebäude Bad Kissingen mit der Neuen Synagoge verloren hat." Bei dieser Rekonstruktion gehe es allerdings um mehr: "Sie will an die jüdische Kultur und das jüdisch-christliche Zusammenleben in Bad Kissingen erinnern."

Die Kissinger Nazis mussten nach der Reichspogromnacht allerdings noch dreieinhalb Jahre warten, bis sie ihren moralischen und menschlichen Pyrrhussieg feiern konnten. Am 29. Mai 1942 meldete die Saale-Zeitung: "Bad Kissingen judenfrei. Wie vom Bürgermeister der Stadt (Adam Wolpert) mitgeteilt wird, hat am 20. Mai 1942 der letzte Jude Bad Kissingen verlassen." 1933, zu Beginn des Dritten Reiches, lebten 171 gemeldete Bürger jüdischen Glaubens in der Stadt. Sie bildeten eine der größten jüdischen Kultusgemeinden in Bayern. Über 70 von ihnen starben an den Folgen der Deportation oder wurden ermordet.

Hinter jeder Zahl ein Schicksal

"Hinter all den Zahlen und Namen", so der Bürgermeister, verbergen sich Schicksale, Schicksale von Menschen, die vor 1933 in Deutschland eine Vergangenheit hatten und glaubten, auch eine Zukunft in Deutschland zu haben - Schicksale von Familienverbänden, die sich nach und nach auflösten oder zerschlagen wurden."

"Heute stehen wir am Jahrestag der Reichspogromnacht, 80 Jahre später, noch immer fassungslos vor dem Holocaust an die Juden in Europa", sagte der Bürgermeister. Die "Warnung vor den Anfängen" habe spätestens seit der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Zeit und besonders seit dem Wiederaufflackern des Neofaschismus in Deutschland einen festen Platz in der öffentlichen Diskussion. Die Auseinandersetzung mit der Judendiskriminierung und Judenverfolgung in Deutschland dürfe jedoch nicht zum Wählerstimmenfang missbraucht werden. Alle müssten hier Verantwortung zeigen und nicht erneut Misstrauen und Missverständnisse säen. "Bleiben wir wachsam und fangen wir damit bei uns selbst an", appellierte Toni Schick an die Zuhörer. "Lassen wir kein ,Mobbing" zu. Weder in unserem privaten noch in dem beruflichen oder politischen Alltag im Umgang mit unseren Mitmenschen. Hüten wir uns vor dem Wegsehen. Denn wo fängt individuelle Schuld an?"



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