Münnerstadt
Kultur

"else!" lässt Sprache klingen

In der Marienanstalt wurden die Gedichte von Friedrich Rückert auf ungewöhnliche Art lebendig.
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Nabizada Safiullah (links) und Tillman Kluge spielen orientalische Musik.Fotos: Björn Hein
Nabizada Safiullah (links) und Tillman Kluge spielen orientalische Musik.Fotos: Björn Hein
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Fremde Sprachen haben etwas Faszinierendes an sich, wenn man sie hört. Selbst wenn man sie nicht versteht, so kann man doch der Melodik lauschen. Man merkt anhand der Betonung, worauf der Sprecher sein Augenmerk legt. Ist der Sprachfluss ruhig, so lässt sich darauf schließen, dass der Sprecher im Gleichgewicht ist, ist sie abgehackt, dass der Sprecher aufgeregt ist. Laute Sprache kann Zorn andeuten, leise Sprache Trauer oder Unterwerfung. Erst wenn man hört, aber nicht unmittelbar versteht, lässt sich eigentlich ermessen, wie schön eine Sprache sein kann.

Persische Gedichte

"Weltversöhnung durch Sprache", das wollen die Macher des Projekts "else!" in der Marienanstalt in Münnerstadt. Im Rahmen des "Projekts Welcome" konnten Besucher die Gedichte des Schriftstellers Friedrich Rückert anlässlich dessen 225. Geburtstag in einer ganz besonderen Form genießen. Jens Müller-Rastede las sie auf Deutsch. Doch "else!" wäre nicht "ganz anders", wenn dass schon alles gewesen wäre. Auch die persischen Gedichte, die im 14. Jahrhundert vom Gelehrten Hafis in der Sprache Dari verfasst wurden und als Vorlage für Rückerts Werke diente, wurden von einem Muttersprachler gelesen. Prädestiniert für diesen Part war Azhand Kabeer Nahim aus Münnerstadt, der als Afghane die persische Sprache Dari muttersprachlich beherrscht.
Die deutsche Übersetzung des großen Dichters Hafis hatte schon Johann Wolfgang Goethe zutiefst inspiriert. Doch nicht dieser deutsche Dichterfürst, sondern eben Friedrich Rückert war es, der sich wie kein zweiter deutscher Dichter mit Hafis auseinandersetzte, das Dari in seiner schriftlichen Form erlernte und die Gedichte Hafis auf unnachahmliche Art und Weise ins Deutsche übertrug.
Man bekam einen guten Eindruck, wie das Dari auf Rückert gewirkt haben muss. Mit viel Sinn fürs sprachliche Detail trug Nahim das persische Original vor. Die rund 50 Zuhörer in der Marienanstalt konnten in die Sprache versinken und sie ganz auf sich wirken lassen. Auch wenn die meisten so gut wie nichts verstanden, zeigten allein schon die eindrucksvolle Melodik und die Leidenschaft, mit der Nahim sprach, dass es sich hier um besondere Gedichte handeln musste. Auch Müller-Rastede wusste die deutschen Übertragungen Rückerts mit gefälliger Melodik vorzutragen.
Bernd Sieg ging zwischen den einzelnen Gedichten immer wieder auf den Lebenslauf Friedrich Rückerts ein, der vor 225 Jahren in Schweinfurt geboren wurde und als Begründer der deutschen Orientalisik gilt. Die Besucher erfuhren einerseits viel darüber, wie sich der Westen in der Zeit des 18. und 19. Jahrhunderts mit der Kultur des Orients beschäftigte. Andererseits konnten sie auch einmal den Originalzeilen des persischen Nationaldichters Hafis lauschen. Eine Gelegenheit, die sich einem nur sehr selten bietet. Und so waren die Besucher von der Darbietung auch begeistert.

Einblick ins Leben anderer

"Unser Ansinnen war es, in Münnerstadt mehr interkulturelle Kontakte aufzubauen und zu pflegen", sagt Mia Hochrein vom Projekt "else!": "Alte Denkboxen sollen aufgebrochen werden, wir müssen einfach mehr global denken". Wichtig ist ihr, mit den Abenden beim "Projekt Welcome" Kontakt zwischen den in der Gemeinschaftsunterkunft in Münnerstadt wohnenden Asylbewerbern und den Münnerstädtern aufzubauen, neue Sichtweisen zu entwickeln und Einblick in das Leben des jeweils anderen zu bekommen.
Ein Ansinnen, das auch die Organisatorin des Abends, Bärbel Fürst, mit allen Kräften unterstützt. Sie gibt ehrenamtlich Deutschunterricht in der Gemeinschaftsunterkunft und setzt sich für mehr Integration ein. Denn am Willen dazu fehlt es ihrer Meinung nach. "Es gibt viele Dinge, mit denen auch die Stadt Münnerstadt dazu beitragen könnte, damit die Asylbewerber mehr in das alltägliche Leben integriert werden", sagt Fürst. Die Asylanten nähmen Deutschland oft als ein Land wahr, das ihnen die kalte Schulter zeige. Dabei hätten viele der Asylbewerber einen langen Leidensweg hinter sich. Doch auch wenn sie hier in Deutschland seien, sei dieser nicht vorbei. Integration sei kaum möglich, Deutschkurse würden kaum angeboten. Und oft hätten die Asylbewerber nur wenig Kontakt zur Bevölkerung. Deshalb freute sich Fürst auch, dass bei der Veranstaltung sehr viele Asylbewerber dabei waren und man so in Kontakt mit den Münnerstädtern kam.
Das "Welcome-Projekt" kam bei den Besuchern sehr gut an. Für ein ganz besonderes Flair sorgten auch Tillman Kluge und Nabizada Safiullah, die mit ihrer orientalischen Musik begeisterten. Und es zeigte sich auch, dass das Projekt "else!" seinen Namen ganz zu Recht hat. Vieles war anders: der Eintritt frei - Spenden willkommen, die Atmosphäre trotz der "Baustellenromantik" gemütlich und geradezu heimelig, der Vortrag auf hohem Niveau. Und dass die Vortragenden zum größten Teil aus Münnerstadt kamen, war auch so ganz anders als bei anderen kulturellen Veranstaltungen, bei denen die Akteure oft von weit her anreisen. Das "Projekt Welcome" wird weitere Veranstaltungen anbieten, bei denen sich Ausländer und Deutsche näher kommen können.




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