Bad Kissingen
Abschied

Eine Pädagogin sagt "Tschüss"

Studiendirektorin Gerhild Ahnert wechselt in den Ruhestand. Sie behandelte ihre Schüler stets als eigenständige Individuen. Als ständige Vertreterin des Schulleiters hat sie die Geschicke des Gymnasiums mit- bestimmt.
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Englisch-Unterricht mit einer Beigabe Geographie. Gerhild Ahnert in der 7c. Foto: Thomas Mäuser
Englisch-Unterricht mit einer Beigabe Geographie. Gerhild Ahnert in der 7c. Foto: Thomas Mäuser
Bad Kissingen — Jack-Steinberger-Gymnasium, es ist 9 Uhr. "Look at the Cover, can you discribe, what you see?" In der Klasse 7c hat die Englisch-Stunde mit Gerhild Ahnert begonnen. Es geht um einen Krimi, "Bad Company" von Richard Mac Andrew. Bis zum Schuljahresschluss wird die Klasse das Buch fertig haben. Und dann Abschied von ihrer Lehrerin nehmen. Gerhild Ahnert wechselt in den Ruhestand.
Eigentlich wollte sie einst etwas ganz anderes werden. Gerhild Ahnert hatte eine Uni-Karriere im Blick - im Bereich englische Literatur. Aus finanziellen Gründen hat sie damals abgebrochen, die Promotion sausen lassen. Das Lehramt schien ihr mehr Sicherheit zu bieten.
Bereut hat sie das nie. "Ich habe schnell gemerkt, wie viel Spaß das Unterrichten macht, wesentlich mehr als die Arbeit an der Uni", sagt Gerhild Ahnert heute. Als nach zwei Jahren im Schuldienst die Rückkehr an die Universität möglich gewesen wäre, war das für sie kein Thema mehr.
Den Schülern war und ist es nur recht. "Sie ist die beste Englischlehrerin an der Schule", sagt die 13-jährige Laura aus der 7c. "Bei ihr lernt man was, der Unterricht macht Spaß", ergänzt Genrikh (13), "sie macht alles mit dem Fernseher."

Fächerübergreifend

Tatsächlich, der Bildschirm läuft, zeigt eine Karte von England. Gesucht wird der Ort, in dem der Krimi spielt. Geschickt verbindet Gerhild Ahnert ihren Englisch-Unterricht mit Geographie. "Das macht sie immer, dass sie Stoffe aus verschiedenen Fächern verbindet", sagt einer aus der Klasse.
Dass man selbst auch stets mitlernt, war Gerhild Ahnert schnell klar: "Die Arbeit trägt dazu bei, immer auf der Höhe der Zeit zu sein." Zum Beispiel bei den neuen Medien. Die setzt sie konsequent ein. Vor Schulaufgaben gibt sie ihren Schülern per Stick alles mit, was relevant ist. "Ich habe meinen Laptop immer dabei", sagt sie, "um schnell das Wissen parat zu haben, das der eine oder andere Schüler vergessen hat."
Eines hat sie schnell gelernt. Dass sich trotz pädagogischer Zusatzausbildung nicht jeder für das Lehramt eignet. Ihre Erkenntnis: "Man muss eine innere Autorität ausstrahlen, damit die Schüler einen akzeptieren. Und man muss Humor haben."
Dass Gerhild Ahnert Autorität genießt, bestätigt der 13-jährige Jonathan. "Jeder in der Schule, der zu Frau Ahnert gerufen wird, hat Schiss, weil er meistens nicht so gute Sachen angestellt hat." Aber im Unterricht sei sie ganz entspannt und mache auch Witze. Allerdings sollte sie nach Jonathans Meinung öfter mal Vokabeln abfragen.
Das macht Gerhild Ahnert auf ihre eigene Weise. Nie hat sie vergessen, wie sie selbst als Schülerin das Abfragen vorne an der Tafel gehasst hat. Als Lehrerin konnte sie es besser machen, in Form eines Vokabel-Quiz, von dem auch ihre ehemaligen Schülerinnen und Schüler noch heute schwärmen.
Aber es gibt auch Wermutstropfen. Nicht immer ist Gerhild Ahnert damit einverstanden, was "von oben" verordnet wird. Da wären zum Beispiel die Lehrpläne. Wurde früher im Gymnasium möglichst viel Allgemeinbildung vermittelt, so müssen die Schüler heute eher lernen, wo man etwas nachschlagen kann. Kompetenz-Orientierung nennt sich das, "etwas, das wir alle verfluchen".

Idealform Kollegstufe

Das G8-Modell liegt ihr wie vielen ihrer Kollegen nicht: "Die ideale Form war die Kollegstufe mit 13 Klassen", sagt sie. "Damals haben wir die Schüler als Erwachsene entlassen, heute gehen die Eltern mit zur Uni, um die Anmeldung zu unterschreiben."
Schüler, das sind für Gerhild Ahnert Individuen und kein "Schülermaterial". Vor allem junge Menschen in der Pubertät sind sehr dankbar, wenn man sie als eigenständige Persönlichkeiten behandelt. Und sie erkennt durchaus an, dass ein junger Mensch intelligenter sein kann als sie.
Der Wechsel in die Schulleitung im Jahre 1997 war für sie ein zweischneidiges Schwert. So gerne sie junge Menschen unterrichtet, früher hatte sie oft drei Deutsch- und drei Englischklassen. Da blieben nur die Ferien zum Korrigieren der Schülerarbeiten. Heute hat sie weniger Klassen. Dafür sind Verwaltungstätigkeiten hinzugekommen. Und eine "Redakteursstelle". Als der 125. Geburtstag des Gymnasiums anstand, war sie so ziemlich die Einzige im Redaktionsteam der Festschrift, die mit einem Computer umgehen konnte. So wurde sie 1996 zur Chefredakteurin bestimmt. Seitdem ist sie auch Redakteurin des Jahresberichts.
Seit 2006 ist Gerhild Ahnert ständige Stellvertreterin des Schulleiters. Aber schon zuvor ermöglichte ihr die Mitarbeit im Direktorat, das Gymnasium mitzugestalten. Der Stolz auf "ihre" Schule ist ihr anzumerken, wenn sie Gäste durch die Räume führt.

Mit Herzblut beim Theater

Neben Deutsch und Englisch gehört Dramatisches Gestalten zu Gerhild Ahnerts Fächerspektrum. Womit wir beim Theater wären. Die Theatergruppe des Gymnasiums hat sie mit viel Herzblut geleitet. Auch weil es einem die Schüler näherbringt. Man bekommt ein ganz anderes Verhältnis, und das haben auch die Schüler geschätzt. Außerdem lassen sich in der Theatergruppe soziale Kompetenzen fördern. Dass das Mitspielen in der Theatergruppe Spaß macht, bestätigt der 13-jährige Raphael.
Längst hat Gerhild Ahnert die Erfahrung gemacht, dass Schüler, deren Zeugnis das Mitwirken in der Theatergruppe zu entnehmen ist, bessere Chancen bei Vorstellungsgesprächen haben. Personalchefs wissen offenbar sehr wohl, dass diese jungen Leute gelernt haben, sich auszudrücken, keine Bange haben, vor Menschen zu sprechen.
Dem Ruhestand sieht Gerhild Ahnert gelassen entgegen, auch wenn sie manchmal fürchtet, schneller alt zu werden, wenn sie nicht mehr von den jungen Leuten gefordert wird. Eine Vielzahl von Hobbys wird ihr die Zeit jedoch nicht lang werden lassen. So will sie den von ihr organisierten Bad Kissinger Schreibwettbewerb für 15- bis 25-Jährige, den es mittlerweile im 9. Jahr gibt, in etwas veränderter Form weiterführen.
Und den Kontakt zu ehemaligen Schülern wird sie auch weiter pflegen. Da kommen die Rückmeldungen, die ihr sagen, dass sie ihre Arbeit gut gemacht hat. Wenn die Ehemaligen Gerhild Ahnerts modernen Unterricht in guter Erinnerung behalten haben. Wenn sie davon erzählen, dass sie Gerhild Ahnert als kollegiale Partnerin geschätzt, sich auf ihren Unterricht gefreut haben.
Und die Schüler der 7c? Auf die Frage, ob sie es bedauern, dass ihre Lehrerin nun in den Ruhestand wechselt, folgt ein spontanes, lautes und einstimmiges "Ja"!

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