Albertshausen bei Bad Kissingen
Wirtschaft

Einblicke in Bad Kissinger Kunstoff-Firma Takata

Die Firma Takata Plastec fertigt in Albertshausen Kunststoffteile, die zu Airbagabdeckungen, Kindersitzen und Lkw-Blenden werden. Jüngst war der IHK-Gremialausschuss zu Gast. Ein Rundgang mit Unternehmern.
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Horst Hesse, Vertriebsleiter: Ob Spoiler, Ziergitter oder Türverkleidungen - 80 Prozent aller europäischen LKW sind mit einem Kunststoffteil der Firma Takata Plastec aus Albertshausen ausgestattet. Fotos: Anja Greiner
Horst Hesse, Vertriebsleiter: Ob Spoiler, Ziergitter oder Türverkleidungen - 80 Prozent aller europäischen LKW sind mit einem Kunststoffteil der Firma Takata Plastec aus Albertshausen ausgestattet. Fotos: Anja Greiner
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Wenn man Horst Hesse glauben kann, dann ist die Welt der Kunststoffteile eine sehr bunte. Jede Spedition, sagt er, hat eine andere Farbvariante. 300 insgesamt. Die Firma TakataPlastec in Albertshausen kennt sie alle.
Hesse trägt Sicherheitsschuhe zur dunkelgrauen Anzugshose, schwarze Funktionsjacke über schwarzem Polo-Hemd, ist 49 Jahre alt und Vertriebsleiter des Unternehmens.
Wenn er voraus läuft, durch die Produktionshalle und die Fertigungshallen - "Wir fertigen große Teile, wir brauchen viel Lagerfläche" - leuchtet von seinem Rücken der Firmenname "Takata" in roter Schrift. Er sagt öfter Sätze, die anfangen mit "wir in der Takata-Familie."


Menschen, Maschine und Internet

Zu Gast in der Takata-Familie, waren in dieser Woche 15 Mitglieder des IHK-Gremialauschschusses Bad Kissingen. Vor dem Rundgang hatten sie sich in ihrer Herbstsitzung - heuer eben bei der Firma Takata - auch einen Vortrag darüber angehört, wie sich Unternehmen in Zeiten von Facebook und Goog le im Internet präsentieren sollten. Danach hatte August Schneider, Bauunternehmer der Firma Ullrichbau in Elfershausen, ein schlechtes Gewissen. "Man müsste doch mehr machen." Als es um Anpassung der Homepage für mobile Endgeräte ging, hat er mitgeschrieben.

Unternehmerische Kompetenz misst sich nicht mehr nur am Produkt und der Technik - wenngleich beides unabdingbar für den Erfolg ist. Bei Takata liegt die Kompetenz im Kunststoff: "Competence in Plastic" lautet der Leitspruch. 2001 wurde die Firma Petri-Plastec von Takata übernommen. An der Wand im Besprechungszimmer in Albertshausen hängen nun auch Zertifikate in Japanisch.

Seit der Umfirmierung in die Takata Plastec GmbH ist das Unternehmen dem Management in Nordamerika unterstellt. "Sie duzen sich jetzt alle?", sagt Mukund Lakhani, Geschäftsführer der ET Elastomer Technik GmbH in Westheim und grinst. Nicht nur die Anrede, auch die Philosophie habe sich geändert. Die Wege, sagt Hesse, seien kürzer geworden. Wo vorher beispielsweise Personalentscheidungen über drei Monate hinweg begründet werden mussten, gilt nun die Devise: Begründen, dann innerhalb von drei Monaten umsetzten, dann reflektieren, was die Maßnahme gebracht hat.


Große Verwunderung

Allein die Sache mit den Auszubildenden, die war den Amerikanern nur schwer beizubringen. Eine wie bei uns übliche Berufsausbildung, gibt es in Amerika nicht. Dementsprechend war die Verwunderung groß, warum erwachsene Menschen nun drei Jahre ersteinmal lernen sollten, einen bestimmten Beruf auszuführen. Für seine vier Azubis pro Jahr, sagt Hesse, habe er kämpfen müssen.

Insgesamt sind 390 Mitarbeiter am Standort in Albertshausen beschäftigt - gearbeitet wird in drei Schichten - zu Gesicht bekommt man bei einem Rundgang durch die Produktion nicht mehr als 15. Das wundert auch Bauunternehmer Schneider. Anfangs. Dann sagt er: "Es ist eben wie überall." Auch er hatte mal mehr Mitarbeiter und weniger Maschinen. "Aber Natursteine pflastern, das geht eben doch nur von Hand."

Ganz ohne Handarbeit geht es auch bei Takata nicht. Insgesamt 74 Maschinen stehen im Werk in Albertshausen. Die größte wiegt 4000 Tonnen, allein die Werkzeuge, die dafür benötigt werden, wiegen bis zu vier Tonnen. Die momentanen Produktionsschritte werden dann aber von den Vorarbeitern analog auf einer weißen Tafel mit grünem und rotem Edding notiert.

Als 2008 die Krise kam, sanken die Aufträge für Autos auf 50 Prozent, die für Lkw auf Null. "Wenn es aus der Wirtschaft heißt, die Investitionen werden gestoppt, dann stoppen die Speditionen sofort ihre Aufträge." Die größten Kunden sind Daimler, BMW und der niederländische Lkw-Produzent DAF. Die Krise dauerte ein Jahr. Der aktuelle Jahresumsatz beträgt 70 Millionen Euro, 60 Prozent des Geschäfts entfallen auf Lastwagen, 40 Prozent auf Pkw.
Eigentlich, sagt Hesse, hat so gut wie jeder Autofahrer schon mal ein Teil von Takata mindestens berührt. Manchmal muss man dazu hupen - die Airbagabdeckungen sind bei Ford, BMW, Opel und Porsche verbaut, manchmal die Lautsprecherabdeckungen abstauben, manchmal reicht es auch, sein Kind anzuschnallen. Seit 2011 werden Kindersitze unter eigenem Namen verkauft. Der aktuelle VW-Skandal beträfe sie nur indirekt, sagt Hesse. Über Porsche, die vom Mutterkonzern beliefert werden. Hesse kommt mit einer Innentürverkleidung um die Ecke, erklärt die Dichtraupe an den Rändern und dass die Fensterheber erst in einem anderen Werk eingebaut werden. Mit einem Blick auf die Wand gegenüber sagt er: "Es ist schon gigantisch, was an Stückzahlen so zusammenkommt."

Dort, wo die Fahrerkabine eines Lastwagen aus der Wand ragt, hängt links darüber ein Schild: "1 Million Türen für 1 Million Fahrzeuge - von Mai 2006 bis Januar 2012" steht darauf. Arbeit zum Staunen und zum Anfassen. Die Philosophie dahinter: Wer sieht, wie sein Teil am Ende verbaut wird, der versteht auch besser, was er tut.

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