Bad Kissingen
Konzert

Ein Dank an Nathan, den Leisen

Aus aller Welt kamen die Geiger, um "ihrem Professor Mendelssohn" zum 70. Geburtstag zu gratulieren.
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Es war ein Abend mit viel Musik und vielen Emotionen, an dessen Ende die Musiker ihren Geigenprofessor Nathan Mendelssohn feierten. Links seine Frau Nadezhda. Foto: Ahnert
Es war ein Abend mit viel Musik und vielen Emotionen, an dessen Ende die Musiker ihren Geigenprofessor Nathan Mendelssohn feierten. Links seine Frau Nadezhda. Foto: Ahnert
Ein Konzert zum 70. Geburtstag, das bekommt nicht jeder geschenkt. Da muss es schon besondere Gründe geben. Bei Nathan Mendelssohn, dem Geigenprofessor, lag es auf der Hand, dass seine Schüler ihm ein Konzert zu seinem 70. Geburtstag schenkten, dass sie zum Teil von weither in den Rossini-Saal kamen, um ihren Lehrer mit ihrer Musik zu ehren.
Da müssen ziemlich enge und dauerhafte Beziehungen entstanden sein.

Angereist aus aller Welt

Denn wirklich jung waren die Gratulanten mit Ausnahmen alle nicht mehr. Dafür ist aus allen etwas geworden, spielen alle neben ihrer solistischen Tätigkeit in verantwortlichen Positionen großer Orchester, sei es im Orchester der Metropolitan Opera New York oder im Israel Philharmonis Orchestra, in Doha, Strasbourg, La Coruna oder Athen. Oder sie sind in Deutschland geblieben. Die meisten hat Nathan Mendelssohn schon an der berühmten Uspensky-Schule des Konservatoriums von Taschkent oder in Samarkand unterrichtet. Erst 2000 hat er sich mit seiner Familie in Bad Kissingen niedergelassen. Aber die Kontakte nach Unterfranken waren über seinen Bruder schon eher da. Und so mancher erinnerte sich mit einem gewissen Schmunzeln, wie heute etablierte Musiker wie Daniel Khlaikov oder die Beckirova-Zwillinge als Teenager quer durch den Landkreis konzertierten. Seitdem profitiert ein wenig die Städtische Musikschule von ihm, aber vor allem ist er international unterwegs. Nur weiß das kaum jemand in Bad Kissingen.

Gespannter Beobachter

Denn Nathan Merndelssohn macht nicht viel Gerede um sich. Wie in dem Konzert. Kerzengerade, ohne auch nur zu zucken, saß er in der ersten Reihe Mitte, zwischen seiner 96-jährigen Mutter und seiner achtjährigen Enkelin und schaute seinen Leuten hochkonzentriert auf Finger und Bogen. Schwer zu sagen, ob ihm alles gefallen hat, ob alles so geworden oder geblieben ist, wie er es seinen Leuten einmal beigebracht hat. Sein Mienenspiel verriet da nichts, aber er muss zufrieden gewesen sein.

Vergnügen und Lockerheit

Es war schon interessant, in so einem Rahmen nicht nur den Lehrer zu erleben, sondern auch die Ergebnisse, der Frage nachgehen zu können, was Mendelssohn seinen Schülern übergreifend beigebracht hat. Und da fiel gleich eines auf: Alle spielten mit großem Vergnügen, sogar mit virtuoser Lockerheit, weil sie in der schwierigen Anfangsphase das Geigenspiel nicht als Last empfinden mussten. Alle verfügen über eine grundsolide technische Stabilität, die nichts verwischt, die jeden Ton zu seinem Recht kommen lässt, die souveräne Freiräume schafft für die Gestaltung auch schwierigster Passagen. Und schließlich haben alle gelernt, dass die spielentscheidende Hand nicht die linke Greifhand, sondern die rechte Bogenhand ist. Alle haben einen ökonomischen, aber hocheffizienten und emotionalen Strich.

Jeder behielt seinen Charakter

Und niemand wurde in eine Mendelssohnschablone gepresst. Alle haben ihren Charakter bewahrt, wie sich im ersten, dem virtuosen Teil zeigte, durch den Michael Kibardin führte. Daria Azova, die Jüngste, aktuelle Schülerin und "Jugend- musiziert"-Bundespreisträgerin war bei Wieniawskis Scherzo-Tarantella natürlich noch ein bisschen verhalten. Kosta Vasiliadi ließ bei seinem 5. Ungarischen Tanz von Brahms bei aller Genauigkeit auch ein bisschen mediterranes Laissez-faire durchscheinen.

Heiteres Spontanorchester

Ada Cherkasskaja spielte mit wunderschönem Ton drei Tangos von Piazzolla, aber den rhythmischen Pfiff zauberte Nadezhda Mendelssohn am Klavier - die souveräne Begleiterin des Abends. Virtuose Renommierstücke spielten auch die anderen; Vladen Chernomor Sarasates "Caprice basquaise", Daniel Khalikov Bartóks Rumänische Tänze und Alia Beckirova - ihre Schwester Lilya war wegen Mutterschutz verhindert - eine unglaublich präzise, klangschöne Carmen-Fantasie von Sarasate. Der zweite Teil fiel dann unter Vergnügen pur. Da hatten sich die Gratulanten mit Freunden und weiteren Ehemaligen zu einem kleinen Kammerorchester verstärkt und spielten mit wechselnden Solisten Bachs Doppelkonzert, einen Satz von Ennio Morricone, Mahlers Adagietto aus der 5. Sinfonie, Sarasates Zigeunerweisen (bestechend gut: Ruslan Asanov) und ein Konzert für vier Violinen und B.c. von Vivaldi. CD-reif war das natürlich nicht, sondern sehr spontan und dementsprechend unabgesprochen. Wenn man aus Begeisterung musiziert, spielt man gerne ein bisschen lauter. Aber dafür wurde auch im Orchester viel gelächelt.
Nathan Mendelssohn, der - allerdings nach Aufforderung - das Vivaldi-Konzert dirigiert hatte, strahlte am Ende und machte es erwartungsgemäß knapp: Er dankte seinen Schülern und seiner Frau - und dem Publikum: "Bleiben Sie gesund, und gute Fahrt nach Hause!"
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