Bad Kissingen
Konzert

Ein Ansatz, der das Publikum überraschte

Was im Rahmen des Ebracher Musiksommers als traditionelles Barockkonzert angekündigt war, war allemal für eine Überraschung gut.
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Barockkonzert mit einem Orchester, bestehend aus Mitgliedern des berühmten Gewandhauses Leipzig unter Leitung von Gerd Schaller. Gerhild Ahnert
Barockkonzert mit einem Orchester, bestehend aus Mitgliedern des berühmten Gewandhauses Leipzig unter Leitung von Gerd Schaller. Gerhild Ahnert
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Wenn die Winde stärker und die Temperaturen niedriger werden, wenn es mit Riesenschritten auf den Herbst zugeht, gibt es in Bad Kissingen immer einen kleinen Aufschub: Dann kommt der Ebracher Sommer noch einmal in den Regentenbau, dann dirigiert Gerd Schaller eine Gruppe des Leipziger Gewandhausorchesters mit einem barocken Programm. Und da man beim Namen dieses Orchesters aus guten Gründen automatisch auch an Johann Sebastian Bach denkt, stand er auch im ersten Teil des Konzerts auf dem Programm, zunächst mit der bekannten Orchestersuite Nr. 1 C-dur BWV 1066.

Das ist ein Werk, das das Ensemble schon sehr oft gespielt hat, in das sich im Laufe der Zeit Routinen einschleichen. Aber Gerd Schaller kannte keinen Pardon. Mit einem starken gestischen Einsatz hatte er schon zur ersten Wiederholung in der Ouvertüre seine Vorstellungen von frischen Tempi durchgesetzt, sodass sich eine schöne Mischung aus Klangpracht und Unterhaltung entwickeln konnte, dass man das Miteinander und Gegeneinander von Streichern und Bläsern genießen konnte - kleinere Ungenauigkeiten waren verschmerzbar. Was Schaller sehr gut herausarbeitete, waren die plastischen rhythmischen Strukturen der Sätze, sodass ihre Herkunft von der höfischen Tanzmusik immer nachvollziehbar war - auch wenn man dazu nicht mehr tanzen kann.

Bachs 3. Brandenburgisches Konzert BWV 1048 ist in gewisser Weise ein Sonderling. Denn da spielt kein Orchester, sondern ein Streicher-Nonett, begleitet vom Continuo: Da ist jeder Solist. Die drei Geigen, drei Bratschen und drei Celli haben jeweils eine eigene Stimme, was natürlich eine Personalreduzierung ermöglicht, aber gleichzeitig auch eine enorme Verdichtung des Satzes. Auch hier waren die Tempi so flott gewählt, dass die Musik trotz ihrer Dichte und phasenweise klanglichen Wucht ein bisschen abzuheben begann. Dadurch wirkte natürlich der Kontrast zu dem kurzen Mittelsatz, in dem nur das Cembalo eine kleine Überleitungskadenz spielt, umso stärker.

Keine allzu großen Erwartungen hatte man gegenüber dem zweiten Teil des Konzerts: Antonio Vivaldis "Tetralogie" der "Vier Jahreszeiten" hat man eigentlich für ein Leben schon oft genug gehört. Was sollte da noch groß zu erleben und zu hören sein. Aber hinterher musste man sich eingestehen, dass sich das Kommen alleine dafür schon gelohnt hatte. Denn es war alles anders. Vor allem der Solist: Sebastian Breuninger ist im "Brotberuf" Konzertmeister des Gewandhausorchesters. Man kennt sich also, aber man schenkte sich nichts. Der Geiger spielte nicht wie der typische Orchestermusiker, der auch einmal allein ganz vorne stehen will, sich aber trotzdem bei den Kollegen nicht unbeliebt machen will. Sondern Breuninger hatte einen Ansatz, der das Publikum überraschte und das Orchester forderte, aus seiner Routine einmal auszubrechen.

Es war nicht nur angenehm auffallend, dass Breuninger wirklich alle von Vivaldi vorgesehenen Töne spielte, was bei diesen vier Konzerten keineswegs selbstverständlich ist. Sondern vor allem, wie er sie spielte. Er hatte nicht nur den Notentext genau studiert, sondern auch die vier Sonette, die Vivaldi selbst geschrieben und seiner Musik unterlegt hat. Und er wusste genau, was er tat, dass es darum geht, kleine Geschichten zu erzählen und nicht virtuosen Pomp zu verbreiten. Breuninger erreichte, das, indem er ganz persönlich wurde, kammermusikalisch leise. Und angesichts der Tatsache, dass Vivaldis Orchestermusik - nicht nur diese vier Konzerte - in den letzten Jahren immer stärker exerziert und exekutiert wurde, tat es richtig gut, sich einmal auf Breuningers geradezu romantische Deutung einzulassen. Auch wenn die historisch informierten Puristen die Hände über dem Kopf zusammenschlugen. Aber Breuninger hat ja Recht. Denn die vier Konzerte sind ja keine staatstragende Repräsentations- oder absolute Musik. Vivaldi erzählt ja von sehr persönlichen Sichtweisen auf die Jahreszeiten, beschreibt Gefühle. Und die lassen sich mit einem distanzierten Spiel nicht vermitteln.

Leopold Mozart hätte seine Freude gehabt

So war es letztlich auch nicht überraschend, dass sich Breuninger einer sehr freien Agogik bediente und sehr differenziert mit Klangfarben und ihren Abtönungen ins Leise arbeitete. Und er spielte an vielen Stellen, was sicher die Puristen auch überraschte und erschütterte, mit viel Vibrato. Allerdings nutzte er es nicht, um die Töne dynamisch aufzumotzen, sie lauter zu machen, sondern um sie in ihren Klangfarben differenzierter zu gestalten. Leopold Mozart mit seiner strengen Violinschule hätte seine Freude gehabt.

Es hatte einen gewissen Charme zu beobachten, wie sich das Orchester angesichts von Sebastian Breuningers recht freier Spielweise von seiner barocken Routine verabschieden musste. Aber es gelang Gerd Schaller sehr schnell, die Truppe auf die nötige Flexibilität einzustellen, sie sich zueigen zu machen. Und der Solist spielte auch sehr stark in das Orchester hinein. So entwickelte sich auch nicht nur im solistischen Begleiten der Violinen, sondern insgesamt auf der Basis des sehr präsenten Continuo eine plastische Erzählhaltung. Es war eine neue Erfahrung, die "Vier Jahreszeiten" so kammermusikalisch leise und doch so intensiv zu hören. Als Zugabe spielte Sebastian Breuninger mit zwei Kollegen den ersten Satz aus Bachs Sonate für Violine und B.c. BWV 1023.

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