Bad Kissingen
Gericht

Drogen: ein Gramm zu sozial

Ein 19-Jähriger aus dem Landkreis hat für sich und seine Kumpels immer wieder Drogen eingekauft.
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Zwischen Sommer 2016 und Frühjahr 2017 soll ein junger Mann immer wieder Drogen gekauft und weitervertrieben haben. Dafür musste er sich nun vor dem Bad Kissinger Amtsgericht verantworten. Das nachgestellte Symbolfoto zeigt Drogenhändler. Symbolfoto: Frank Leonhardt/dpa
Zwischen Sommer 2016 und Frühjahr 2017 soll ein junger Mann immer wieder Drogen gekauft und weitervertrieben haben. Dafür musste er sich nun vor dem Bad Kissinger Amtsgericht verantworten. Das nachgestellte Symbolfoto zeigt Drogenhändler. Symbolfoto: Frank Leonhardt/dpa
Sie seien äußerst praktisch und hilfreich für die Ermittler - die sozialen Medien, meint der Richter. "Vielleicht rechtfertigt das das "Sozial" in "soziale Medien". Chat-Protokolle haben der Kripo entscheidende Anhaltspunkte geliefert. Handy statt Handschlag: Weil ein 19-Jähriger aus dem Landkreis seine Drogen-Geschäfte per Whatsapp ausgemacht und somit feinsäuberlich dokumentiert hatte, war sein Geständnis beinahe gesetzt. Die Verhandlung vor dem Schöffengericht am Kissinger Amtsgericht konnte dennoch nicht alle der 24 Fälle aufklären, wegen denen der Abiturient auf der Anklagebank saß.
Zwischen Sommer 2016 und Frühjahr 2017 soll der junge Mann immer wieder Drogen gekauft und weitervertrieben haben. Laut Anklage hat er die Drogen im Landkreis mit Gewinn hin und her gedealt. Anfang 2016 steckte er schon einmal in einem Verfahren. Wegen einer anderen Sache ist er seinen Führerschein inzwischen los.
Weißes Shirt, kurze Jeans, das Abi gerade in der Tasche. "Das war nicht das Intelligenteste, was ich da getrieben habe", sagt der junge Mann. Bald wird er 20. Mit welcher Ausbildung es für ihn nach den Prüfungen jetzt weitergehen wird, weiß er noch nicht genau. Vielleicht in Richtung Jura oder Wirtschaft, erzählt er der Jugendgerichtshilfe. Mit den Drogen sei jedenfalls Schluss, meint er. "Ich war zu der Zeit in diesem Kreis drin. Mir war nicht 100 Prozent bewusst, was ich da so treibe." Verantworten muss er sich heute trotzdem vor dem Gericht.


Weiterverkauf ohne Gewinn

"Man kann sagen, das waren Freundschaftsdienste", sagt der 19-Jährige. Gras, Ecstasy, Amphetamine: ein paar Gramm für ihn selber, eine größere Lieferung für Freunde, Pillen für seine Kumpels. Gewinn wollte er nie machen, beteuert er. "Das waren größtenteils Freunde von mir. Das ging hin und her." Am Ende des Prozesses wird das Urteil fast genauso viele Fälle des Handelns wie des Erwerbs listen. Eine Angelegenheit bleibt jedoch unklar: Wie kamen die 57 Gramm Gras unter den Sitz seines Motorrads?


Unter dem Sitz des Motorrads

Der Angeklagte behauptet: "Ich bin bloß gefahren." Gekauft habe jemand anderes. Aber wer? Mit seinem Motorrad wollten er und ein Kumpel Stoff holen, darunter ein Päckchen mit 57 Gramm Gras. Auf dem Heimweg wurden sie prompt von einer Streife der Brückenauer Polizei kontrolliert. Das Marihuana war versteckt unter dem Sitz des Motorrads.
Wie es da hin kam, will der Richter wissen? "Nicht durch meine Hand jedenfalls", sagt Zeuge Nummer vier. Der hat sein Urteil wegen dieser Einkaufsfahrt bereits kassiert. Knapp sieben Gramm hatten die Beamten damals bei dem 21-Jährigen gefunden. "Das andere war definitiv nicht meins", sagt er. Das Päckchen mit den 57 Gramm will heute niemandem gehören. Eine "dritte Person" habe die Übergabe arrangiert, rückt der Zeuge gerade noch heraus. Mehr bekommen Staatsanwalt, Verteidiger und Richter nicht aus dem Zeugen heraus. Wem die Drogen gehören, ist für das Gericht - nach einer kurzen Beratungspause - keine Frage.


Schluss mit den Gefälligkeiten

"Der Angeklagte ist der Besitzer - im worteigenen Sinn", sagt der Richter. "Er ist drauf gesessen." Sitzen gelassen habe der mittlerweile seine "Freunde", berichtet die Jugendgerichtshilfe. Die hatte sich in der Woche vor der Verhandlung mit dem 19-Jährigen für ein Gespräch getroffen. Zukünftig will er überlegter handeln, habe er ihr versichert. Auch, dass er seine Fehltritte als Phase werte. Er habe aus Gefälligkeit gehandelt. Als "immer sehr sozial" beschrieb ihn seine Mutter, die mit dem Vater und dem Stiefvater des 19-Jährigen von den Publikumsplätzen aus mit ihm durch die Fünf-Stunden-Verhandlung gehen. Die Jugendgerichtshilfe hält den Abiturienten für einsichtig und empfiehlt dem Gericht, das Jugendstrafrecht anzuwenden.
"Vielleicht hat er zu sehr anderen aushelfen wollen", sagt sein Verteidiger. Auch ihm habe sich der 19-Jährige als "sozial denkend" dargestellt. Dass es darum ging, ein Gewerbe aus den Drogen-Geschäften zu machen, glaubt auch der Staatsanwalt nach der Verhandlung nicht mehr. Statt der geforderten Woche Dauerarrest setzt das Gericht das Urteil auf 200 Stunden gemeinnützige Arbeit fest. Ein Jahr lang muss er bei Drogen-Tests seine Abstinenz nachweisen. Dazu soll er etwa 1000 Euro für Wertersatz bezahlen. Sein Handy wird eingezogen.
Weil er bei der Kurierfahrt Drogen intus hatte, kassiert er zusätzlich ein zweimonatiges Fahrverbot und eine Geldstrafe in Höhe von 1000 Euro. Der 19-Jährige will die Kurve kriegen: "Ich hab mein Verhalten geändert. Das wird nicht mehr vorkommen."
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