Bad Kissingen
Sommerinterview

Dr. Lothar Lürken: Bedarf an Intensivpflege wächst

Dr. Lothar Lürken hat die Intensivpflegestation "Aware Care" in der Klinik Bavaria mit aufgebaut und leitet sie seit dem Start. Wir haben mit ihm über erste Erfahrungen, die Philosophie dahinter und die Erweiterung gesprochen.
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Auf der Dachterrasse der Aware Care Station hoch über Bad Kissingen können sogar beatmete Patienten frische Luft und Sonne genießen. Redakteur Ralf Ruppert hat dort und auf der Intensivstation mit deren Leiter Dr. Lothar Lürken gesprochen. Fotos: Benedikt Borst
Auf der Dachterrasse der Aware Care Station hoch über Bad Kissingen können sogar beatmete Patienten frische Luft und Sonne genießen. Redakteur Ralf Ruppert hat dort und auf der Intensivstation mit deren Leiter Dr. Lothar Lürken gesprochen. Fotos: Benedikt Borst
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Zum Jahresbeginn hat die Klinik Bavaria ihr Kerngeschäft Rehabilitation um eine neurologische Intensivstation erweitert. Für rund zwei Millionen Euro wurden vorerst elf Intensiv-Plätze geschaffen, die auch für beatmete Patienten geeignet sind. Dr. Lothar Lürken wechselte dafür von der Intensivstation des St. Elisabeth-Krankenhauses an die Bavaria. Im Sommerinterview spricht der Leiter der "Aware Care" über den Therapieansatz und die Pläne für die Zukunft. Für den 58-Jährigen ist die Leitung der Station ein "Traumjob".



Herr Dr. Lürken, Sie waren schon am Aufbau der Aware Care-Station beteiligt. Was hat Sie an dieser Herausforderung gereizt?
Lothar Lürken Es war die völlig neue Konzeption, die die Familie Presl mit dieser Station geplant hatte, nämlich Patienten, die einer intensivmedizinischen Betreuung bedürfen, trotzdem eine wohnliche Atmosphäre zu bieten, in der sie sich wohl fühlen können. Dementsprechend stellen wir hier nicht nur die aus der Akutmedizin heraus bekannten organbezogenen Hilfen in den Vordergrund, sondern auch das seelische Befinden eines Patienten, sprich das Fühlen, das Sehen, das Empfinden.

Welche Philosophie verfolgen Sie?
Die neurologische Früh-Rehabilitation, wie wir sie hier anbieten, beruht vor allem auf dem Team-Gedanken. Es ist die therapeutische Betreuung mit krankengymnastischen, mit physio- und ergotherapeutischen Maßnahmen genauso wichtig wie musik- oder tiergestützte Therapie und anderes. Wir sehen uns sowohl als Ärzte, als auch von der pflegerischen Seite als diejenigen, die die Voraussetzungen für die restlichen Therapeuten schaffen.

Wie wird das konkret umgesetzt?
Wir treffen uns einmal in der Woche zum gemeinsamen Teamgespräch, in dem sich alle an der Betreuung beteiligten Berufsgruppen über die Patienten und ihre Fortschritte und Probleme austauschen. Es ist nur gemeinsam ein Erfolg zu erreichen. Außerdem versuchen wir, die Angehörigen schon sehr früh, in alle therapeutischen Maßnahmen mit einzubeziehen.

Wir sind gerade in einem Patientenzimmer der Aware Care, was ist hier anders?
Wir haben hier mehrere Unterschiede gegenüber einem üblichen Patientenzimmer, vor allem einer Behandlungsbox auf einer üblichen Intensivstation: Das erste, was Sie sehen, ist die sehr große Räumlichkeit. Wir haben viel Platz um die Betten herum, zum einen für die Pflege und die Hilfsmittel, zum anderen wollen wir den Patienten ein Raumgefühl geben, in dem sie sich wohlfühlen.

Worauf wurde bei der Gestaltung geachtet?
Die Wände sind weiß, die Hölzer sind explizit in einem sehr hellen Ton gewählt, um die Helligkeit des Tageslichtes, das über große Fenster in unsere Zimmer fällt, nutzen zu können und den Patienten nicht das Gefühl zu geben, dass sie in einem rein funktionalen Raum sind, sondern in einem Wohnraum. Die Technik ist hinter Holzverkleidungen quasi versteckt, der Monitor ist das einzige, was für uns als Hinweis für die notwendige Überwachung erkennbar ist.

Außerdem haben Sie ein sehr angenehmes Raumklima...
Wir haben keine Heizung, sondern eine Klima-Decke, die den Raum im Sommer kühlt und im Winter angenehm warm gestaltet, ohne dass wir Probleme mit Staubentwicklung oder mit einer Klimaanlage haben. Zudem besteht für jedes einzelne Zimmer eine separate Lüftungsanlage, die uns einen schnellen Wechsel der Filter beim Patientenwechsel ermöglicht, ohne in das gesamte System eingreifen zu müssen.

Sie haben sogar eine Disko-Kugel und einen Beamer an der Decke: Wie wird beides genutzt?
Die Disko-Kugel ist vom Namen sicherlich eine solche, wir nutzen sie aber hauptsächlich in der Farbe weiß, um am Abend einen Sternenhimmel zu simulieren. Mit dem Beamer können wir den Patienten Erinnerungen aus ihrem Leben vor dem Unfallereignis oder vor dem Schlaganfall einspielen, zum Beispiel Urlaubsfilme, die uns Angehörige mitbringen. Gleichzeitig kann man hier mit Soundtechnik und Beduftungseinrichtungen auch die Wahrnehmung der übrigen Sinne ansprechen und somit die Reserven, die der Patient noch hat, aktivieren.

Welche Erfahrungen haben Sie damit bisher gemacht?
Durchaus unterschiedliche, je nach Patient kommt sehr auf das Verletzungsmuster und auf den Wachheitsgrad der Patienten an. Wir erleben immer wieder, dass Patienten, gerade wenn sie aus bewusstseinsgestörteren Verhältnissen in die wacheren Phasen hineinkommen, durch Bilder aus der Vergangenheit, Bilder aus ihrer Erinnerung sich geborgener fühlen und wir deshalb einen deutlich besseren Zugang zum Patienten bekommen und sie auch nicht unbedingt schneller, aber intensiver wieder in ihr Leben zurück finden.

Es ist zwar nahe liegend, dass das Wohlbefinden eine große Rolle bei der Heilung spielt, aber ist das auch wissenschaftlich belegt?
Wir wissen heute, dass nicht nur die Rückgewinnung der Organ-Funktionen den Regenerationsgrad des Patienten bestimmt, sondern dass es sehr wohl auch weitere Faktoren gibt, die sich mehr in der Gefühls-, in der Wahrnehmungsebene befinden, die Besserungen mit sich bringen. Gerade bei Patienten mit Gehirnerkrankungen oder -verletzungen wissen wir, dass von der ersten Minute an die Rückgewinnung von verloren gegangenen Fähigkeiten auf der einen Seite, zum anderen aber auch das Trainieren von noch vorhandenen Fähigkeiten extrem wichtig ist und man deshalb möglichst frühzeitig damit beginnen sollte. Das ist bei manchen Verletzungen nicht ohne weiteres möglich, weil die Patienten noch viel technische Unterstützung brauchen. Genau das versuchen wir, auf unserer Station zusammen zu führen. Auf der anderen Seite wissen wir auch, dass Patienten, die sich in einer für sie ansprechenden Atmosphäre befinden, sehr viel mehr mit den Therapeuten und den betreuenden Personen kommunizieren.



Die Medizin soll zu allererst dem Menschen dienen, aber man muss auch auf die wirtschaftliche Seite achten: Rechnet sich der höhere Aufwand, weil etwa Folgeerkrankungen vermieden werden?
Es gibt hier zwei Sichtweisen: Zum einen können wir intensivmedizinische Leistungen in unser Haus übernehmen, dadurch bieten wir den Akut-Einrichtungen eine frühere und trotzdem qualifizierte Übernahme der Patienten an. So haben die Akuthäuser selbst mehr Kapazitäten für andere Akutfälle. Das ist ein Effekt. Die zweite Sichtweise ist der Effekt für den Patienten: Wir können hier vielleicht keine schnellere Entlassung erreichen, aber wir können erreichen, dass Patienten danach nicht auf eine stationäre pflegerische Versorgung angewiesen sind, sondern in ihre heimatliche Umgebung zurück kehren können oder dass zumindest die Fähigkeit, sich selbst zu pflegen, sich selbst zu organisieren, deutlich gesteigert wird. Insofern können auch Folgeerkrankungen oder Wieder-Aufnahmen in Akut-Häuser verhindert werden.

Welche Patienten kommen zu Ihnen, welche Krankheitsbilder behandeln Sie?
Wir sind ein neurologisches Fach-Krankenhaus, insofern haben alle unsere Patienten im Vordergrund eine neurologische Diagnose. Diese kann verschiedene Ursachen haben, entweder ein Unfall mit Schädel-Hirn-Verletzung. Oder eine Gefäßerkrankung, die letzten Endes zu einem Hirnschlag oder einer Hirnblutung geführt hat. Oder der dritte Bereich: Neurologische Erkrankungen, die den gesamten Körper betreffen, eben auch das Gehirn. Meine jüngste Patientin ist 22 Jahre alt, unser ältester Patient war 93, wir decken das gesamte Spektrum außer der Kinder- und Jugendmedizin ab. Der Trend geht deutlich zu den Gefäßerkrankungen und den daraus resultierenden Hirnschlägen oder -blutungen, die von den Akuthäusern in relativ frühen Phasen zu uns verlegt werden.

Ist im Betrieb etwas anders gelaufen, als Sie es erwartet haben, wird bei der anstehenden Erweiterung etwas anders gemacht?
Da das nicht meine erste oder zweite berufliche Station ist, hatte ich deutlich mehr Probleme erwartet, als sie sich letzten Endes in der Umsetzung auf der Station ergeben haben. Wir waren schon nach wenigen Wochen in der Ablauf-Routine angekommen, was sicherlich auch daran liegt, dass wir viele sehr erfahrene Pflegekräfte von Intensivstationen haben gewinnen können. Auffällig ist bei unserem Patienten-Klientel das Thema multiresistente Keime. Mehrfach-Infektionen haben deutlich zugenommen, so dass wir im Erweiterungsplan eine höhere Anzahl an Zimmern für Patienten, die aus hygienischen Gründen eine Isolation benötigen, einplanen werden.

Wie geht es weiter? Ist der Ausbau auf 20 Betten der Endausbau oder wird die Bavaria irgendwann zu einer großen Aware Care?
Die Frage müssen sie als allererstes der Geschäftsführung stellen, aber nach aktueller Planung werden wir uns zunächst auf diese 20 Betten konzentrieren. Es ist nicht ganz einfach, qualifiziertes Personal in allen Bereichen, ärztlich wie pflegerisch wie therapeutisch, für eine so anspruchsvolle Aufgabe zu finden. Wir haben uns mit der Geschäftsführung vorgenommen, die Erweiterung nur so umzusetzen, wie wir auch qualifiziertes Personal anbieten können. Wir werden also nicht versuchen, um jeden Preis zu wachsen, sondern wir werden uns an den Gegebenheiten ausrichten. Aber die Zukunftsperspektive ist: Unsere Station und unser Angebot werden gebraucht und mehr gebraucht als bisher. Dem wollen wir gerne nachkommen.

Das Gespräch führte Ralf Ruppert.

Privat Dr. Lothar Lürken ist 58 Jahre alt und stammt aus der Nähe von Aachen. Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Söhne. Seit 2010 wohnt er in Bad Kissingen, aktuell im Stadtteil Kleinbrach.

Beruf Seine Approbation als Arzt legte Lürken 1984 ab. Er bildete sich als Facharzt für Anästhesie, Intensiv- und Notfallmedizin weiter. 1995 wechselte er zum medizinischen Dienst. In dessen Bundesverband war er unter anderem für die Qualitätsprüfung an Kliniken zuständig und legte Standards für Rehabilitation und Pflege fest. Von 2001 bis 2008 war Lürken Geschäftsführer eines Schwerpunkt-Krankenhauses in Sachsen-Anhalt. 2008 wechselte er zurück ans Patientenbett, zunächst im sächsischen Zschopau, ab 2010 als Leiter der Intensivstation des Eli. Dr. Lürken ist auch im Qualitätsmanagement und bei der Zertifizierung medizinischer Einrichtungen aktiv.
Klinik Die Klinik Bavaria hat rund 340 Betten im Rehabilitationsbereich. Um die neue Aware Care (zu deutsch: bewusste, sorgsame Pflege oder Versorgung) einrichten zu können, wurde eigens ein "Neurologisches Fach- und Privatkrankenhaus" gegründet. Im Januar nahm die Station mit elf Intensiv-Betten, 36 Mitarbeitern im Pflegebereich, sechs Therapeuten und drei Ärzten die Arbeit auf. Ab Herbst steht die Erweiterung um neun auf 20 Betten an.


 
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