Bad Kissingen
Musik

Donnerwetter!

Der Kissinger Sommer begann mit ungewöhnlich vielen Bravorufen.
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Da applaudiert auch der Dirigent: Richard Goode und Omer Meir Wellber. Gerhild Ahnert
Da applaudiert auch der Dirigent: Richard Goode und Omer Meir Wellber. Gerhild Ahnert
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Hat ein Kissinger Sommer schon einmal so gut gelaunt begonnen. Hat es bei einem Eröffnungskonzert schon einmal so viel Auftrittsapplaus für das Orchester gegeben? Gut, die Kissinger wissen inzwischen, wer die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen ist und was sie von ihrem Festivalorchester erwarten können. Aber dass auch Omer Meir Wellber, der Dirigent, mit einer deutlichen Erhöhung der Befallfrequenz begrüßt wird, das war nun wirklich neu.

Natürlich lag Spannung in der Luft, auch über dem Podium. Denn zum einen hatte das Orchester seinen Solisten verloren: Radu Lupu hatte letztlich doch abgesagt.Aber dann musste er die Türe doch schließen. Aber Pech und Glück zugleich: Richard Goode, fast gleiches Alter, gleiches Kaliber, sagte spontan zu, denn Nach Bad Kissingen musste er ohnehin kommen wegen seines Recitals am heutigen Abend. Das bedeutete aber auch eine Programmänderung: Mozart statt Beethoven und Beethoven statt Mozart: Klavierkonzert C-Dur KV 503 und 7. Sinfonie.

Die größere Spannung lag allerdings darin, dass sich Dirigent und Orchester erst vor drei Tagen überhaupt kennen gelernt hatten und mit der Probenarbeit begonnen hatten. Aber man hatte als Beobachter der Szene sehr schnell den Eindruck, dass das Liebe auf den ersten Blick gewesen sein muss, dass sich da zwei gefunden haben, die sich mögen. Denn Omer Meir Welber ist ein Dirigent, der mit sehr klaren Konzepten vor ein Orchester zu treten pflegt und der in seinem Dirigat diese Konzepte auch lesbar machen kann, der weniger auf einzelne Einsätze, sondern auf Ausdruck dirigiert. Und die Bremer sind ein Orchester, die sehr genau nicht nur aufeinander, sondern auch nach vorne schauen und sehr spontan reagieren. Die Ergebnisse waren durchaus verblüffend.

Wie gleich zu Beginn die Ouverüre "Ex animo" des Georgiers Josef Bardanashvili, ein tolles Stück. Er zitiert immer wieder rudimentär Beethoven, um die kurzen melodischen Linien in einzelne Klänge zu verfremden. Das kling zunächst simpel, aber Bardanashvilis enormer Klangsinn produziert unglaubliche Farben und Effekte von größter Delikatesse. Natürlich ist das nichts zum Mitpfeifen. Aber die Spannung , mit welcher Überraschung es weitergeht und wie diese Töne überhaupt zusammengesetzt werden, wächst zunehmend statt nachzulassen - eine Musik, die enorme Anforderungen an die Konzentration der Musiker stellt und das Publikum mit hineinzieht.

Bei Mozarts C-Dur-Konzert knisterte es wirklich, und es war für die Zuhörer außerordentlich spannend, denn da gerieten zwei Generationen und zwei Konzepte aneinander, die in der knappen Probenzeit noch nicht ganz zueinander gefunden hatten, sodass das Konzert ein bisschen zum Labor wurde. Auf der einen Seite Omer Meir Wellber, der es offenbar gerne flott und kräftig gehabt hätte - und entsprechend kraftvoll, wie ein Säulenportal zu einer Freimaurerloge begann auch die lange Orchestereinleitung. Auf der anderen Seite der 76-Jährige Richard Goode, der in sich ruht, der niemandem mehr etwas beweisen muss, der gerne in die Innerlichkeit geht - ohne freilich das Orchester zu ignorieren.

Omer Meir Wellber fand eine verblüffend gute Lösung. Er behandelte und begleitete Richard Goode nicht als Pianist, sondern als Sänger (Goode neigt ja auch zum Mitsingen) und führte ihn, ständig unter Beobachtung haltend, an einer langen, aber am Ende eben doch verankerten Leine. Der Effekt war ein mehrfacher. Zum einen wurde deutlich, wie opernhaft, von Sängern her gedacht, Mozart das Konzert angelegt hat, das man auch als Ouvertüre zur "Zauberflöte" hören könnte. Zum anderen bekam Richard Goode seinen Willen, introvertiert sein zu dürfen, seine eigenen Klangideale zu entwickeln, aber auch einzupassen.

Und plötzlich hörte man, was an diesem Konzert so neu war, was sich in Mozarts Verständnis des Solisten tatsächlich geändert hatte: Der Solist wandelt sich vom Gegenüber des Orchesters zum herausgehobenen Mitspieler, das Virtuose tritt in den Hintergrund zugunsten des Expressiven - eine Entwicklung, die nicht bei Beethoven, sondern bei Brahms ihren Höhepunkt fand. Der letzte Satz, das Allegretto, wurde zum Signal, dass man sich endgültig geeinigt hatte. Die Spannung durfte wieder absinken.

Klar, dass Richard Goode angesichts der vielen Bravos noch eine Zugabe spielte: die wunderbar und kunstvoll verzierte Sarabande aus der Partita Nr. 1 B-dur von Johann Sebastian Bach.

Ja, und dann Beethovens 7. Sinfonie! Man hatte ja mit viel gerechnet, aber nicht damit: Sie wurde ein Beleg dafür, wie gut sich Orchester und Dirigent schon nach drei Tagen verstanden. Die Sinfonie ist ein Werk, das die Bremer schon vor einiger Zeit mit Paavo Järvi erarbeitet haben. Die steckt ihnen natürlich in Kopf und Fingern. Und dann schafft es Omer Meir Welber, ihnen ein völlig anderes Konzept zu vermitteln - und gut gelaunt realisiert zu bekommen - das sich schon durch die Dauer unterscheidet: Paavo Järvi braucht sieben Minuten länger. Das erhöhte Tempo, vor allem im Finale macht durchaus Sinn: Denn so treten tiefere Strukturen und Zusammenhänge hervor, die vorher völlig ungehört waren - wobei er allerdings auch immer wieder andere melodische Betonungen als Järvi setzt, neue, andere Facetten entdeckt. Und da er in den Bremern ein Orchester hatte, das alles mitmachte, das keine virtuosen Grenzen zu kennen schien und dass dem Tempo nicht im Geringsten die Klarheit opfern musste, bekam er ein absolut mitreißendes Ergebnis. Das Publikum rückte geradezu fassungslos auf die Stuhlkante. Es kätte leicht noch zwei Stunden be dieser "Apotheose des Tanzes" zuhören können.

Die Zugabe war ein Kuriosum: die Ouvertüre zu dem Lustspiel "Der Rauchfangkehrer oder Die unentbehrlichen Verräter ihrer Herrschaften aus Eigennutz" von Antonio Salieri.

Kommentar dazu von Thomas Ahnert:

Nachfolger gesucht?

Das war ein Gedanke, der einem bei einem Konzert eigentlich nie durch den Kopf geht: Das Verhältnis zwischen der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und ihrem Künstlerischen Leiter Paavo Järvi dauert nun schon 15 Jahre, und ein Ende ist nicht in Sicht. Muss ja auch nicht. Und wenn, dann wäre das kein Zeichen eines Scheiterns, sondern veränderter Interessen - im Musikbetrieb ist das vollkommen normal.

Aber wenn der Tag X doch einmal kommen sollte, dann dürften die Bremer am Freitagabend den Nachfolger gefunden haben: Omer Meir Wellber. Es gibt kaum ein Orchester und einen Gastdirigenten, die auf Anhieb so gut zusammenpassen, die sich so gut verstehen und so engagiert an einem Strang ziehen.

Man muss es sich klar machen: Omer Meir Wellber und die Bremer sind sich drei Tage vor dem Konzert das erste Mal über den Weg gelaufen, hatten nur drei Tage Zeit, sich kennenzulernen und Ergebnisse zu proben. Und dann liefern die Bremer eine Beethoven-Sinfonie, die vollkommen anders ist (nicht im qualitativen Sinn) als die, die Paavo Järvi ihnen in die DNA gebrannt hat. Da muss soviel Offenheit und Spontaneität im Spiel sein, soviel gemeinsame Interessenlage, dass man als Zuhörer, der diese Begeisterung erlebt, halt auch mal auf derartige Gedanken kommt...

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