Bad Kissingen
Interview

Dieser Rhöner tauschte eine Karriere bei den Scorpions gegen die Liebe

Jürgen "Doobie" Fechter aus Fuchsstadt trommelte zwei Jahre bei den heutigen Superstars. Verpatzte Chance? Das sagt "Doobie" dazu.
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"Doobie" J. Fechter kennt seinen Platz im Scorpions-Stammbaum. Johannes Schlereth
"Doobie" J. Fechter kennt seinen Platz im Scorpions-Stammbaum. Johannes Schlereth
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"Doobie" J. Fechter lebt in Wildflecken. Döner, Pizzeria und ein Supermarkt. Was hätte er für ein Leben führen können? Als er 19 Jahre alt war, wollte ihn eine band unbedingt haben: die heutigen Superstars Scorpions. Zwei Jahre trommelte er mit den "Jungs" um Klaus Meine durch ganz Europa, immer ganz kurz vor dem weltweiten Durchbruch. Den hätte Fechter miterleben können, wenn da nicht die Liebe gewesen wäre. Er tauschte Weltkarriere, Ruhm und Geld gegen das Herz einer Frau ein. Und wie das Leben so spielt: Die große Liebe hielt nur ein halbes Jahr und die Scorpions hatten einen Neuen. Ein Gespräch mit Jürgen "Doobie" Fechter über großartige Anfänge, Niederlagen und wie es im Leben einfach immer weitergeht.

Herr Fechter, wie kamen Sie von Wildflecken aus an die Band aus Hannover?
Doobie J. Fechter: Das ist eine längere Geschichte. Ursprünglich komme ich aus Fuchsstadt, als ich ein Kind war, sind meine Eltern und ich nach Wildflecken gezogen. Dort arbeiteten sie in US-Bars. Da gab es immer Live-Musik. Das hat mich als Kind schon gereizt. Also habe ich mir zu Weihnachten mein erstes Drum-Kit gewünscht. Das Schlagzeugspielen habe ich mir selbst beigebracht. Ich habe Platten gehört und viel rausgehört. Bald hatte ich meine erste Band. Wir haben das immer so gemacht, dass wir zu Auftritten anderer Bands gekommen sind und gefragt haben, ob wir auch mal spielen dürfen. Das Ende vom Lied war: Wir haben fast alle an die Wand gespielt. Irgendwann bin ich beim Zeitungslesen auf eine Annonce gestoßen, den Text weiß ich heute noch auswendig: "Deutsche Band mit einer LP sucht einen Drummer". Es waren die Scorpions. Ich habe mir bei einem Kumpel die Platte geliehen und gemerkt: Verdammt, sind die gut. Schaffe ich das überhaupt? Dann bin ich nach Hannover gefahren - nicht zum Casting, damals hieß das Vorspielen - und gleich genommen worden.

Wie lange dauerte es bis zum ersten gemeinsamen Auftritt?
Oh, das ging sehr schnell. Wir haben von Montag bis Freitag acht Stunden täglich geprobt. Das war hoch professionell: Keine Drogen, nichts. Am Samstag hatte ich dann meinen ersten Gig mit der Band in Regensburg. Während des Sets habe ich mich immer wieder fragen müssen, wie der Song geht. Ab da an ging es weiter voran: Clubs, Discotheken, Bars. Wir haben überall gespielt, auch mal in Premich und Heustreu. 1975 waren wir dann mit The Sweet auf Tour. Das war unglaublich, wir haben für sie eröffnet und im Laufe der Tour haben sie gemerkt, dass wir besser waren. Die Tour hat uns zwar einen riesen Schub gegeben, aber fast hätte es eine Schlägerei zwischen uns und Sweet gegeben. Witzig in dem Zusammenhang ist auch, dass auf der Tour unser Bassist sich einmal verfahren hat und ein Roadie von Sweet einspringen musste.

Welche Tourerlebnisse mit den Scorpions bleiben Ihnen besonders in Erinnerung?
Eins war definitiv die Brondby-Halle in Kopenhagen. 12000 Teenies waren da, und haben auf Sweet und uns gewartet. Die Halle war so groß, dass Sattelschlepper rein gefahren sind. Wir wurden zu den Garderoben chauffiert, die auf der anderen Seite des Gebäudes waren. Von da ging eine Treppe zur Bühne runter. Als wir auftreten sollten, hat man nur das Kreischen gehört. Das war so laut und undefiniert - wir waren froh, als wir angefangen haben. Überhaupt waren die Erlebnisse in den Hallen immer grandios. Als Jugendlicher war man auf Konzerten - etwa in Offenbach. Da hat unter anderem Grand Funk gespielt. Als ich das gesehen habe, wollte ich unbedingt auch auf dieser Bühne stehen. Als wir mit den Scorpions dort gespielt haben, hatte ich Gänsehaut: Ich durfte die selben Räume wie meine Idole benutzen. Krass war auch ein Auftritt in Bad Homburg. Wir waren dem Veranstalter zu laut, also hat er die Menge auf uns gehetzt. Ich saß dann mit einem Hammer hinter meinem Schlagzeug und habe "Wehe!" gerufen.

Rockstars und Drogen - ein beliebtes Bild: Wie sah es bei den Scorpions aus?
Das war alles hoch professionell. Maximal vor dem Auftritt ein Bier oder einen Kurzen, um in Stimmung zu kommen. Wir haben mit Alice Cooper, Manfred Mann und Sweet getourt - es ist nie stark ausgeartet. Klar gab es immer mal ein bisschen Party, aber eben nicht zu viel: Man musste ja am nächsten Tag wieder spielen. Diese Professionalität hat sich wirklich durchgezogen: Wir kamen von der Tour, hatten einen Tag Pause, dann ging es wieder ans Proben. Uns ist nichts in den Schoß gefallen, das war alles erarbeitet.

Konnte man denn schon von der Musik leben?
Naja, der einzige, der damals davon leben konnte war der damalige Gitarrist Uli. Er gab Gitarrenunterricht, der Rest bekam Unterstützung von den Frauen oder den Eltern.

Wie kam für Sie 1975 das Ende bei den Scorpions?
Ich hatte eine Freundin in Hannover, wo ich hingezogen bin. Wir waren damals ja nur auf Tour und ich verliebt. Sprich: Ich wollte nicht mehr groß weg. Die Jungs aus der Band haben versucht, mich zu ködern: "Du bekommst das Wunschschlagzeug, Doobie", haben sie gesagt. Aber ich war verliebt und mein Entschluss stand. Ich war dann noch beim Vorspielen für meinen Nachfolger dabei. Natürlich haben sie mich gefragt, wen ich am besten finde, letztlich wurde mein Nachfolger dann Rudy Lenners. Nach einem halben Jahr war dann Schluss mit meiner Freundin. Ich bin dann zurück nach Wildflecken und habe überlegt, was mache ich jetzt.

Sie waren draußen und zurück in Wildflecken, die anderen genossen Weltruhm - was war das für ein Gefühl?
Der Erfolg wurde ja sichtbar mehr, es wäre blöd zu sagen, ich wäre nicht sauer gewesen über meine Entscheidung. Aber man kann es ja nicht ändern . Mein Motto ist: weitermachen - und das habe ich gemacht: Wir haben die Band Spot gegründet und gemerkt, es funktioniert. Es war ähnlich wie bei den Scorpions. Wir waren Vorband und die Hauptband, Accept war sauer, weil ihnen unser Erfolg nicht gepasst hat. Da gab es Diskussionen, ob wir Marshall-Türme auf der Bühne haben dürfen. Letztlich durften wir - aber nach der Show ist es ausgeartet, da sind Flaschen geflogen und der Gitarrist von Accept hat seine Gitarre an der Wand zerschlagen. Danach wollte ich erst mal nicht mehr viel mit Musik am Hut haben. Ich bin dann über Umwege bei der Band Viva gelandet. Auch da waren wir sehr schnell bekannt und tourten mit Bon Jovi. Die Professionalität der Scorpions hat uns dabei sehr geholfen. Wir hatten einen eigenen Sattelschlepper, während andere Bands noch mit dem VW-Bus tourten. Es war eine geile Zeit, ich saß mit Bon Jovi, den Bandmitgliedern von Cinderella und so weiter immer im Rainbow , eine der auch heute noch angesagtesten Kneipen in Los Angeles. Starallüren gab's da keine, es war eher eine "nette-Jungs-von-nebenan" Atmosphäre.

Wie ging es für Sie mit Viva weiter?
Das war die Zeit, als dann Drogen aufkamen. Ich erinnere mich daran, dass wir einen Sänger gesucht haben. Wir lagen völlig abgedriftet auf unseren Betten und hatten einen Rekorder im Arm. Als es klopfte, kam ein Sänger herein und wir haben nur Play gedrückt und ihn aufgefordert zu singen. Wir haben uns dann zerstritten und jeder ist allein nach Hause geflogen.

Haben Sie noch Kontakt zu ihren ehemaligen Bandkollegen?
Zu den Scorpions habe ich nur noch wenig Kontakt. Ich bin auf der Gästeliste und hoffe, dass wir uns am Freitag sehen werden. Die Jungs leben zwar ein anderes Leben als ich, aber sind trotzdem alle sehr herzlich und ich bin für sie immer noch Teil der Familie.

Das Gespräch führte Johannes Schlereth


Infobox:
Scorpions im Luitpoldpark: Am 3. August rockt die Band aus Hannover den Kissinger Luitpoldpark im Rahmen der Crazy-World Tournee.

Tickets:
Karten für den Auftritt gibt es noch bis 13 Uhr in der Geschäftsstelle der Saale-Zeitung in der Theresienstraße. Auch an der Abendkasse besteht noch die Möglichkeit Tickets zu kaufen.


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