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Bad Kissingen
Film

"Die wussten alles über mich"

Drei DDR-Bürger aus drei Generationen sind für einen Kinofilm vor die Kamera geholt worden und sprechen gemeinsam über ihre Arbeit für westliche Geheimdienste. Einer von ihnen ist Norbert Grohmer aus Bad Kissingen.
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Norbert Grohmer vor dem Filmplakat. Am Mittwoch, 5. Februar, wird "Meeting of Spies - Das Treffen der Spione" gezeigt. Foto: Thomas Ahnert
Norbert Grohmer vor dem Filmplakat. Am Mittwoch, 5. Februar, wird "Meeting of Spies - Das Treffen der Spione" gezeigt. Foto: Thomas Ahnert

Der Film ist eine absolute Premiere, der am Mittwoch, 5. Februar, um 19 Uhr, im Universum Kino Palast Bad Kissingen gezeigt wird: "Meeting of Spies - Das Treffen der Spione" ist kein Actionfilm à la James Bond, sondern Realität, ein echtes Zeitdokument. Der Regisseurin und Produzentin Anke Ertner ist es zum ersten Mal gelungen, drei DDR-Bürger aus drei Generationen vor die Kamera zu holen, die gemeinsam über ihre Arbeit für westliche Geheimdienste sprechen: Eberhard Fätkenheuer für den CIA, Raimund August als Org-V-Mann, also als Zulieferer für die "Organisation Gehlen", den Vorläufer des BND, und Norbert Grohmer für den BND.

Der Norbert Grohmer, der lange Jahre das Spielbank-Restaurant, den Klaushof geführt hat und vor Kurzem die "Eintracht" in Reiterswiesen übernommen hat!? Was konnte denn ein Wirt und gelernter Koch dem BND so Wichtiges verraten? Schließlich waren die Speisekarten auch in der DDR schon immer öffentlich. Man muss seine Biographie ein bisschen kennen, um die Frage beantworten zu können.

In Bitterfeld geboren

Norbert Grohmer wurde 1953 im Chemierevier von Bitterfeld geboren. Schon sein Vater war Gastronom, saß damals aber ein, weil er beim Volksaufstand am 17. Juni aufgefallen war. Schon für den siebenjährigen Jungen war klar, dass er Koch werden wollte; und er wurde das zielstrebig. Kam in die Küchen der gehobenen Häuser, arbeitete auch mehrere Jahre im "befreundeten" sozialistischen Ausland. Mit 22 Jahren hatte er bereits seinen Meistertitel "mit Auszeichnung", gewann Wettbewerbe. Als er sich in Weimar niederließ, hatte er sich einen Namen gemacht. Er wurde geholt, wenn in Berlin, Leipzig oder Wandlitz Staatsgäste zu verköstigen waren. Und damit war er an der Quelle aller Informationen. "Ich habe sehr viele Leute kennengelernt und sehr viele Hintergründe. Und man hat sehr viel gesehen, was andere Leute eigentlich nicht sehen."

Da hat er mitbekommen, wie sich die DDR-Oberen und ihre Gäste benommen haben: Da ging es auch um Franz-Joseph Strauß und Schalk-Golodkowski, um Honecker und den jungen Putin, den eigentlich keiner so richtig kannte", und viele andere. Vor allem in den Hinterzimmern gab es jede Menge Mauscheleinen und Absprachen in Politik und Industrie: "Da wurden Computerdaten verschoben, auch ganze Computer, wurden in andere Länder geliefert - also nicht gerade in den Westen. Es ging um Atomraketen und Truppenverlegungen und andere brisante Themen."

Irgendwann 1979 muss Norbert Grohmer der Überdruss gepackt haben, und er vollzog einen ziemlich ungewöhnlichen Schritt: "Nicht der BND ist auf mich zugekommen, um mich zu akquirieren, sondern ich auf ihn." Das geschah damals über seine Mutter, die als Rentnerin zur Verwandtschaft in den Westen reisen konnte, und nicht nur den ersten Kontakt herstellte, sondern später auch in präparierten Verstecken die Berichte über die Grenze schmuggelte. Einen Führungsoffizier hatte der kochende Spion nicht, er brauchte keinen. Denn der BND hat ihm fast nie konkrete Aufträge erteilt. Die Pullacher nahmen alles, was von ihm kam. Das klappte auch deshalb lange gut, weil Nobert Grohmer als SED-Mitglied auch in der Partei Karriere machte - allerdings im Einvernehmen mit dem BND. Da schöpft man nicht so schnell Verdacht. "Ich habe das wirklich aus Überzeugung gemacht."

Mehrfach Besuch in der Wohnung

Lange wusste Norbert Grohmer nicht, wer ihn verraten hat. Das erfuhr er erst, als er Einblick in seine Stasi-Akten bekommen hatte. Ende 1985 hatte sich Hansjoachim Tiedge, beim Kölner Verfassungsschutz ausgerechnet für die Abwehr der DDR-Spionage zuständig, in eben diese DDR abgesetzt, und hatte als Gastgeschenk auch Namenslisten dabei. Die Auswertung dauerte eine Weile, aber dann begann die Überwachung: "Die wussten alles über mich. Die müssen auch mehrfach in meiner Wohnung gewesen sein."

Am 20. September 1988 kam die eigentlich schon länger erwartete Enttarnung. Bereits ein Jahr vorher war ihm aufgefallen, dass ihm immer häufiger Autos folgten, die zufällig denselben Weg hatten wie er. Was ihn wirklich überraschte, war die Verhaftung selbst: "Das war genau wie in einem James-Bond-Film. Als ich langsam an einem haltenden Bus vorbeifuhr, kam plötzlich von vorne ein Auto und versperrte mir den Weg. Ein zweites blockierte ihn auf der linken Seite, ein drittes versperrte ihm den Rückweg." Er wurde aus seinem Wartburg gezogen, in das Auto neben ihm gestopft, und ab ging's in eine Villa außerhalb von Erfurt zum Verhör. Das war schon die Berliner Stasi - die Sache wurde hoch gehängt.

Am nächsten Tag wurde er mit einigen anderen Häftlingen in Hand- und Fußfesseln in einem Barkas, dem DDR-typischen Kleinbus, angekettet. Wohin die Reise ging, wusste er nicht, denn das Fahrzeug hatte keine Fenster. Für das Erfurter Zentrum war die zu kurz, also Hohenschönhausen das Stasi-Zentralgefängnis, oder Bautzen? Es wurde Hohenschönhausen.

Elf Monate U-Haft verbrachte er dort in einer Einzelzelle im Keller unter spärlichsten Bedingungen. Allerdings: "Über das Essen konnte ich nicht klagen", sagt ausgerechnet einer der DDR-Premiumköche. Physische Folter hat Norbert Grohmer nicht erfahren, aber psychische, nicht nur wegen der Unterbringung in Einzelhaft. Er hatte definitiv nichts zu tun: "Da konnte man nur die Karos auf der Bettwäsche zählen, um den Verstand nicht ganz zu verlieren." Seine Haltung der Aussageverweigerung musste er im Laufe der Zeit aufgeben. Denn die Stasi hatte auch seine Mutter verhaftet. Und ihre Aussagen, die ihm natürlich vorgehalten wurden, musste er bestätigen, um sie nicht zusätzlich zu gefährden. "Meiner Frau habe ich nie ein Wörtchen über meine Nebentätigkeit gesagt, und das war gut so." Aber die Sippenhaft schlug zu. Carin Grohmer, die in der Erfurter HO-Organisation schnell Karriere gemacht hatte, wurde vor die Alternative gestellt, entweder ihren Mann zu verstoßen oder degradiert zu werden. Sie entschied sich für das Einräumen von Regalen. "Was wäre denn auch mit den Kindern passiert, wenn sie auch verhaftet worden wäre?"

Neun Jahre Haft

Das Militärobergericht in Berlin verurteilte ihn schließlich zu neun Jahren Haft wegen staatsgefährdender Spionage. Der Richter musste bei Volksgerichtshofpräsident Roland Freisler gelernt haben: "Der brüllte schon, bevor er durch die Türe in den Saal gekommen war." Dann ging es ab nach Bautzen, aber nicht in das Hauptgefängnis, sondern in "Bautzen 2", vom Volksmund "Mielkes Privathotel" genannt.

Vom Fall der Mauer haben die Häftlinge dort überhaupt nichts mitbekommen.

Am 20. Dezember wurden einige von ihnen wieder in einen Barkas verladen. Was die Häftlinge völlig irritierte: Der Kleinbus hatte Fenster. Auf der Fahrt nach Berlin erfuhren sie von ihrer Freilassung und vom Fall der Mauer - beides nur schwer zu glauben. Norbert Grohmer, der gerade noch vor der Frage gestanden hatte, wie er die nächsten neun Jahre durchstehen sollte, stand plötzlich vor ganz anderen Herausforderungen. Er war zwar frei, musste aber wieder absolut bei null anfangen. Es dauerte noch ein Jahr, bis seine Frau in den Westen ausreisen durfte und die Familie wieder zusammen war. Der BND kümmerte sich zwar um die Anerkennung der Berufspapiere, aber der Weg zurück in die Gastronomie führte über die Banken. Und den musste er alleine gehen. Politische Häftlinge aus der DDR waren nicht unbedingt die Wunschkunden. Aber letztendlich hat's geklappt. Über Unterhaching und Würzburg kam die Familie Grohmer nach Bad Kissingen. Dass sie damals von der Staatlichen Lotterieverwaltung als "Ossis" den Zuschlag für das Spielbankrestaurant bekamen, hat sie angesichts der vielen Bewerbungen überrascht.

Ein kleines hypothetisches Gedankenspiel: Wo stünde Norbert Grohmer heute, wenn 1990 nicht die BRD die DDR, sondern die DDR die BRD geschluckt hätte. Egal, welche Arbeit er nach neun Jahren hätte aufnehmen können, er hätte auf jeden Fall versucht, wieder zu spionieren - freilich nicht für den dann aufgelösten BND, sondern vielleicht für den CIA. "Ich wäre auf jeden Fall drüben geblieben. Ich habe nie den Willen gehabt abzuhauen." Dass er Mitglied der SED war und es sogar bis in die Parteileitung geschafft hat, hat seiner beruflichen Karriere nicht geschadet. Daraus lasse sich aber nicht folgern, dass er sich heute politisch in der Linken verortet: "Nein, absolut nicht. Die SED war ja auch nicht meine politische Heimat." Sieht sich Norbert Grohmer als Opfer der Geschichte? "Nein! Ich habe immer gewusst, worauf ich mich einlasse."

Termin Der Film "Meeting of Spies - Das Treffen der Spione" wird am Mittwoch, 5. Februar, um 19 Uhr, im Universum Kino Palast Bad Kissingen gezeigt.

Um 20.30 Uhr beginnt eine Podiumsdiskussion mit den drei ehemaligen Agenten.

Die Moderation übernimmt die Regisseurin und Produzentin Anke Ertner.

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