Maßbach
Theater

Die entstaubten Sabinerinnen

Rolf Heiermann bringt den alten Schwank "Der Raub der Sabinerinnen" ins Theater Maßbach. Das Publikum erwartet kreative Unberechenbarkeit.
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Der Raub der Sabinerinnen neu in Szene gesetzt.  Thomas Ahnert
Der Raub der Sabinerinnen neu in Szene gesetzt. Thomas Ahnert
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Es schwebt durch die deutsche Bühnenluft ein Theaterstück, dessen Titel jeder kennt, das aber kaum jemand gesehen hat, weil es selten aufgeführt wird. Schon die Bezeichnung "Ein deutscher Schwank" verspricht nichts Gutes. Und dann gilt es ganz einfach als verstaubt, weil es in einer Zeit und Welt spielt, die wirklich vorbei ist: "Der Raub der Sabinerinnen" der Brüder Franz und Paul Schönthan. Das Stück, das 1884 in Stettin seine Premiere erlebte, erfuhr noch einmal eine Wiederbelebung durch die Bearbeitung von Curt Goetz und eine Verfilmung von Verfilmung von 1954 sowie eine Musicalfassung von 1970 (leider mit Happy End), aber im Großen und Ganzen legte sich der Staub über die Textbücher.
Jetzt hat man in Maßbach den Mut gehabt, den Staub von den Büchern zu blasen und den Text wieder auf die Freilichtbühne zu bringen. Und das ist wirklich gut so. Vielleicht liegt es an der historischen Distanz, dass man das Stück heute mit anderen Augen sieht, dass man erkennt, wie klug es aufgebaut ist, wie raffiniert die Handlung strukturiert ist, wie geistreich und konsequent die Texte sind, wie viel Situationskomik und Ironie in ihnen steckt, dass da eine enorme Lust am Theater herauskommt. Und man merkt plötzlich, was so vielen, so beliebten französischen Boulevardkomödien fehlt: kreative Unberechenbarkeit, Überraschungen.

Natürlich fängt das Ganze berechenbar an. Gymnasialprofessor Dr. Martin Gollwitz allein zu Haus. Die Frau ist auf Kur. Nur die theatersüchtige Hausangestellte Rosa betreut ihn. Und die findet dummerweise Gollwitzens "Jugendsünde": das Römerdrama "Der Raub der Sabinerinnen", das er als Student geschrieben hat. Natürlich kommt eine Wanderbühne in die Stadt, und Direktor Emanuel Striese fällt natürlich dieses Manuskript in die Hand: Der wittert ein Geschäft, obwohl er qualitative Bedenken gegen das Stück hat: Und so schlittert Gollwitz unaufhaltsam in die Katastrophe. Der auffallende Unterschied des Schönthanschen Textes zu den meisten anderen, vor allem französischen Komödien. Es ist nicht nur ein Problemstrang, der durch das ganze Stück gezogen und erst am Ende entwirrt wird. Es ist ein ständiges Ver- und Entwirren von Problemen und Ausflüchten und Lügen und Neuanfängen, dass man auch als Zuschauer gut zu tun und viel zu lachen hat.
Rolf Heiermann hat das Stück für die Maßbacher Freilichtbühne bearbeitet. Er hat nicht nur verlustfrei vier (Neben-)Rollen gestrichen und sie trotzdem gerettet, indem er ihre Beiträge geschickt in einen knappen Briefwechsel verpackte. Sondern er hat vor allem den Schluss kürzend geändert, ohne seine Turbulenz zu beschädigen. Und er hat ihn noch perfider gemacht, als er bei den Brüdern Schönthan schon ist. Dort wird der katastrophale Misserfolg des Stückes nach dem 2. Akt dadurch in einen Triumph umgedreht, indem man einfach das Stück wechselt, und mit den letzten Aufzügen des beliebten Volksstückes "Hasemanns Töchter" von Adolph L'Arronge weitermacht. Es ist schon schlimm genug, dass das im Publikum niemand bemerkt.
Heiermann ist noch radikaler: Er lässt nach dem 2. Aufzug die Frau des Theaterdirektors vor den Vorhang vor das krawallierende Publikum treten und es loben: dass es in seiner Intelligenz erkannt habe, dass es sich bei dem "Raub der Sabinerinnen" um eine Komödie handelt. Plötzlich ist der Dampf raus, plötzlich darf und soll gelacht werden. Auch hier wird die Pleite zum Triumph, allerdings auf Kosten der Tragödie. Zum Glück wird nicht jede Tragödie, über die man lacht, zur Komödie. Aber Heiermann bringt's konsequent zu Ende. Plötzlich stehen alle als Schauspieler in römischen Kostümen im Alkoven des Gollwitzschen Wohnzimmer und erstechen sich im Zeitraffer, bis niemand mehr übrig ist. Der Rest ist Lachen.
Rolf Heiermann hat eine hinreißende Inszenierung geschaffen, in der trotz hohen Tempos und steigender Hektik alles seine Zeit und seinen Platz hat. Er hat mit einer sehr genauen Personenregie eine ausgezeichnete Mitte zwischen Typisierung und Charakterisierung gefunden, hat seinen Leuten ihre kleinbürgerliche Ängstlichkeit ebenso gelassen wie ihre Ausbruchsversuche. Und er hat Franz Lehárs Operettenmusik geschickt zu choreographierten Einlagen genutzt.
Und sein Team setzt das Konzept des verdeutlichenden Spiels eins zu eins um: raumgreifend im kleinbürgerlichen Wohnzimmer (Bühne: Robert Pflanz) und mit ebenso kleinbürgerlich-überdeutlicher Sprache. Wobei Marc Marchand als Theaterdirektor Striese dankenswerterweise gar nicht erst versucht, den sächsischen Tonfall des Originals zu treffen, sondern sich auf dem vertrauteren Boden des Berner Dialekts bewegt - der kann genauso betulich sein. Seine Liebeserklärung an die "Schmiere", an sein Theater wird zu einem innigen Moment des Innehaltens. Es sind hoch präzise Darstellungen, die alle liefern: Georg Schmiechen als getriebener Hauptbedenkenträger Professor Martin Gollwitz, der sich immer mehr in Lügen verstrickt wie auch sein Schwager Leopold Neumeister (Lukas Redemann); Silvia Steger als mit Zuckerbrot und Peitsche ihren Mann kontrollierende Friederike Gollwitz wie auch Marianne Neumeister (Katharina Försch), die eher zu Heimtücke gegenüber ihrem ach so geliebten Mann neigt. Und schließlich Sandra Lava als Hausmädchen Rosa, die zwischen Verschlagenheit und Angst ihr eigenes Süppchen kocht. Das ist das Raffinierte, was diese Inszenierung belebt: Zum erklärten Sympathieträger macht sich niemand. Das hält die Sache offen.
Nein, der Mut hat sich wirklich gelohnt: eine wunderbare, humorvolle Unterhaltung für mehr oder weniger laue Sommerabende.
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