Svenja Geißler aus Bad Kissingen macht bereits ihre zweite Ausbildung: Nach der Wirtschaftsschule lernte sie zunächst Zahnmedizinische Fachangestellte (ZFA). Aus gesundheitlichen Gründen musste sie jedoch umschulen. "Ich wollte nicht nur im Büro sitzen, sondern weiter Kontakt zu Patienten haben", berichtet die 23-Jährige. Also entschied sie sich für eine Ausbildung zur Kauffrau im Gesundheitswesen - und fand schnell eine Lehrstelle im Reha-Zentrum Bad Kissingen der Deutschen Rentenversicherung.

Svenja Geißler ist eine von aktuell 26 Auszubildenden des Reha-Zentrums, davon acht im ersten Lehrjahr. Eingesetzt werden sie in der Rhön- und der Saale-Klinik mit zusammen rund 300 Beschäftigten. Insgesamt fünf Berufe bildet das Reha-Zentrum aus. "Im kaufmännischen Bereich und bei Medizinischen Fachangestellten sieht es gut aus, da haben wir so gut 20 Bewerbungen jedes Jahr", berichtet der stellvertretende kaufmännische Leiter Gerhard Stein.

Dagegen muss sich das Rehazentrum bei Fachkräften im Gastgewerbe, Hauswirtschafterinnen oder Köchen anstrengen. "Wir haben sogar eine Facebook-Seite für Bewerber eingerichtet", berichtet Stein. Immerhin gebe es für jeden Beruf mindestens einen Auszubildenden, aber: "In der Küche schreiben wir jedes Jahr drei bis vier Stellen aus, aber kriegen nur einen."

Bei der Suche nach Azubis arbeitet das Reha-Zentrum auch eng mit der Agentur für Arbeit zusammen: "Wir melden jede freie Stelle", berichtet Stein, und: "Die Arbeitgeber-Beratung ist hervorragend." Besonders lobt er, dass schwächere Auszubildende unterstützt werden, etwa mit Sprach- oder Fach-Unterricht am Abend. Auch Umschülerin Svenja Geißler wurde nicht nur vermittelt, sondern wird weiter betreut.

"Das Reha-Zentrum ist ein Top-Ausbildungsbetrieb und gibt auch schulisch Schwächeren eine Chance, sich zu entwickeln", lobt umgekehrt Berufsberater Thomas Schlereth von der Agentur für Arbeit in Bad Kissingen. Er freut sich über alle Arbeitgeber, die auch mal jemandem ein Praktikum ermöglichen, der noch vor wenigen Jahren keine Chance auf dem Ausbildungsmarkt gehabt hätte: Im Jahr 2007 etwa kamen auf 1429 Bewerber im Landkreis Bad Kissingen gerade einmal 683 gemeldete Stellen. Im Jahr 2014 war in der Statistik der Agentur für Arbeit Schweinfurt die Zahl der offenen Lehrstellen erstmals größer als die der Bewerber. Im jüngsten Ausbildungsjahr von Oktober 2017 bis September 2018 registrierte die Agentur für Arbeit im Landkreis Bad Kissingen 781 Bewerber und 1105 Ausbildungsstellen. Tatsächlich unbesetzt blieben Ende September im Kreis 206 Ausbildungsstellen, das sind 42 mehr als im Vorjahr.

"Die Situation für die Bewerber ist recht komfortabel", sagt Berufsberater Schlereth. Allerdings gebe es starke Schwankungen in den einzelnen Berufen: So gaben im Landkreis bei der Beratung 23 Jugendliche Industriemechaniker als ersten Berufswunsch an, aber die Betriebe meldeten nur fünf Lehrstellen, auch bei Informatikern und Softwareentwicklern gibt es weniger Stellen als Bewerber. Bei Kfz-Mechatronikern ist zumindest die Statistik etwa ausgeglichen, aber: "Wir erfahren natürlich nur das, was uns gemeldet wird", verweist Schlereth darauf, dass die Betriebe die begehrten Stellen nicht immer der Agentur für Arbeit melden.

Ganz anders sieht es bei den Branchen aus, die händeringend Nachwuchs suchen: Bau-Unternehmen etwa meldeten 33 Lehrstellen im Tief- und 74 im Hochbau. Den Tiefbau gab kein einziger Bewerber als Favorit an, beim Hochbau waren es elf. Auch der Verkauf von Lebensmitteln stand bei keinem Jugendlichen ganz oben auf der Wunschliste, gesucht wurden aber 39 Bäckerei- oder Fleischerei-Fachverkäuferinnen. "Nicht jeder bekommt seinen Traumjob", weiß Bereichsleiter Walter Seit von der Agentur für Arbeit. Also müssen viele Kompromisse schließen. Beispiel: Auf 55 offene Lehrstellen für Maler und Lackierer kamen zunächst nur fünf Jugendliche mit diesem Berufswunsch. Immerhin konnten aber 38 Stellen besetzt werden, 17 waren Ende September noch offen.

Walter Seit freut sich vor allem darüber, dass mehr als 65 Prozent der Bewerber eine Berufsausbildung starten. Mehr als 20 Prozent in der Statistik gehen weiter zur Schule oder studieren, jeweils drei Prozent würden entweder eine Berufsvorbereitung besuchen oder direkt eine Arbeit beginnen. Auch wenn sich viele Bewerber nicht mehr melden: Tatsächlich unversorgt waren Ende September wohl nur vier der 781 Bewerber, also rund 0,5 Prozent.

Auffallend ist in der Landkreis-Statistik die Zahl der Bewerber ohne Schulabschluss sinkt: 2016 waren es noch elf, heuer gerade einmal sechs. "Wir gehen davon aus, dass das auch wirklich alle sind", berichtet Berufsberater Schlereth, und: "Entgegen Parolen in der Politik ist die Zahl der Schulabgänger ohne irgendeinen Abschluss verschwindend gering." Ein weiteres Problem auf dem Land: Viele Ausbildungsstellen sind für Jugendliche schwer erreichbar.