Bad Kissingen
Endlichkeit

Der Tod macht keine Pause: Wie geht man mit dem Verlust eines geliebten Menschen um?

Nicht nur an Allerheiligen denken die Menschen an ihre Verstorbenen. Ganz unterschiedliche Wege haben Betroffene gefunden, mit ihrer Trauer umzugehen. Unterstützen kann die Christian-Presl-Stiftung.
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Foto: Anja Vorndran
Foto: Anja Vorndran

Er schläft nie. Tag und Nacht und in jeder Situation wartet er auf seine Gelegenheit, einen lieben Menschen mit auf den Weg zu nehmen: Gevatter Tod macht keine Pause. An Allerheiligen und in der trüben Jahreszeit denken Familien und einzelne Personen noch mehr an ihre verstorbenen Angehörigen und an die Endlichkeit des Daseins als sonst.

Auf Bildern und in Filmen tritt der Tod meistens als Sensenmannskelett, die schwarze Kapuze tief ins Gesicht gezogen und manchmal mit einer Sanduhr in der Knochenhand auf. Albrecht Dürer stellte den Tod als König mit einer Krone auf dem Schädel und auf einem Pferd, mehr Gerippe als Tier, reitend dar. "So habe ich ihn mir nie vorgestellt", sagt Margarete Tapply, deren Mann im Alter von 91 Jahren nach einem Unfall gestorben ist. "Wenige Tage vor seinem Tod ließ sich im Baum vor dem Haus ein Bussard nieder", erinnert sie sich. Als ihr Mann friedlich eingeschlafen war und sie das Fenster öffnete, war der Ast, auf dem kurz vorher der Vogel gesessen hatte, leer. "Ich habe immer daran geglaubt, dass er die Seele mit in den Himmel genommen hat", sagt die 84-Jährige. Dieser Gedanke tröstet sie.

Der Tod kann überraschend auftreten, ein Unfall, eine kurze schwere Krankheit, ein Gewaltverbrechen oder Selbstmord. "Mein bester Freund hat sich das Leben genommen, und ich habe es nicht verhindern können", sagt Peter Klein, dessen Name von der Redaktion geändert wurde, da er aus Rücksicht auf die Familie anonym bleiben möchte. Noch heute, vier Jahre ist die Selbsttötung her, spürt der 56-Jährige Ohnmacht und Trauer, vermischt mit Wut. "Wenn ich von weitem jemanden sehe, der ähnliche Haare und die Figur meines Kumpels hat, sehe ich ihn vor mir und für einen Moment glaube ich, er lebt." Dieser Bruchteil einer Sekunde lässt sein Herz höher schlagen - vor Freude. Vielleicht ist es doch nicht wahr, vielleicht ist doch ein anderer zum Grab getragen worden, vielleicht hat sein Freund, der Freigeist, der sich nach dem Tod seiner Frau nie wieder wirklich gefangen hat, alles inszeniert, um auszusteigen. Dann, angesichts der Realität, fällt die Gedankenwelt der Hoffnung zusammen.

Das Kopfkino spult immer denselben Film ab: Die Mail im Büro am Montagmorgen mit der Bitte sich um die Beerdigung zu kümmern, die zweitägige Suche, die Ortung des Handys und dann die Nachricht, dass der Tote in einem Hotel in Hamburg sein Spezl ist. "Hinweise auf ein Fremdverschulden liegen nicht vor", steht im Polizeibericht. Ein Jahr zuvor konnte Klein seinen Freund noch retten, da stand er schon am Flussufer, bereit hineinzusteigen und unterzugehen. Ein zufälliger Anruf und lange Gespräche hielten den damals 45-Jährigen vom Freitod ab. "Danach hat er alles akribisch geplant", ist Klein überzeugt, "er hat sich einfach noch ein Jahr geschenkt". Nach dem Krebstod seiner Frau, beschäftigte sich sein Freund mit dem Thema Selbsttötung, das wurde später bekannt. Er hielt Schmerztabletten zurück, die er mit Alkohol schluckte. "Das habe ich alles erst nach seinem Tod erfahren", so Klein, "er hatte die Art und Weise wie er aus dem Leben geht recherchiert."

Hinweise, durch Zufall entdeckt, in Gesprächen mit entfernteren Freunden ans Licht gebracht, lieferten ein Bild des Plans. Sein Kumpel, der Rastlose, der komplizierte Denker, der Zweifler, wählte nicht die Therapie, er wählte den Tod. "Das macht mich manchmal wütend", sagt Klein, "vielleicht hätten Medikamente ihm helfen können." Bis heute quält ihn der Gedanke, nicht genug getan zu haben.

Hilfe für Menschen in Trauer bietet in Bad Kissingen die Christian Presl-Stiftung. Der junge Mann, nach dem die Stiftung benannt ist, kam 2005 bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Aus Trauer und Betroffenheit gründete die Familie zwei Jahre später die Stiftung. Hier finden Trauernde, egal welchen Alters, Begleitung und Trost. "Trauernde kommen nicht einfach so vorbei, wir haben auf uns aufmerksam gemacht", erinnert sich Maritta Düring-Haas, die die Stiftung mit aufgebaut hat. Sie arbeitet mit einer weiteren Sozialpädagogin, Cornelia Weber, und Rosemarie Stüwe, Assisstentin in der Verwaltung, zusammen. "Mit dem Verstorbenen in Verbindung bleiben, das ist wichtig", lautet die Erfahrung der Sozialpädagogin. Und, "Trauer verläuft nicht stetig nach oben, Trauer ist wellig." Das heißt, es gibt, Zeiten die sind besser und Zeiten, da fallen die Menschen in ein tiefes Loch.

Früher hieß es, man müsse loslassen und nach vorne schauen, so Düring-Haas, "aber das gelingt nicht, "die Menschen, die gegangen sind, gehören zu unserer Biografie, sie haben unsere Vergangenheit geprägt und beeinflussen unser Leben auch in der Zukunft." Wichtig für Angehörige sei, einen eigenen Weg zu finden mit der Trauer umzugehen. Das kann auch die Pflege des Grabes sein.

Gibt es einen Unterschied zwischen trauernden Kindern und Erwachsenen? Kinder trauern schon ab dem Säuglingsalter", sagt Maritta Düring-Haas, Leiterin der Christian Presl-Stiftung. Säuglinge nehmen Stimmungen wahr: Wenn in einer Familie aufgrund eines Verlustes Trauer herrscht, dann reagieren Säuglinge und kleine Kinder mit Verhaltensänderungen wie Angst, Aggressionen, Ess- oder Schlafstörungen. Düring-Haas rät, Kindern die Situation zu erklären und einzubeziehen. Kinder hätten feine Antennen, sie merken, wenn etwas nicht in Ordnung ist und "sie sind dankbar, wenn sie die Möglichkeit bekommen mitzumachen."

Eine Blume niederlegen

Man kann schon mit einem kleinen Kind an das Grab eines Angehörigen gehen und es eine Blume niederlegen lassen. Kinder können ein Bild von dem Ort malen, an dem der Verstorbene ihrer Meinung nach ist: Das kann ein Haus, ein Baum, ein Auto, ein Stern, das Meer oder was auch immer sein. An diesem Ort - das gilt auch für viele Erwachsene - kann man dem Verstorbenen begegnen. Kinder können den Hebel von Trauer zu Freude auch schneller umlegen als viele Erwachsene.

Übrigens: trauer.infranken.de ist das Trauerportal von inFranken.de. Dort finden Sie Todesanzeigen, Gedenktafeln, Ratgeber zur Trauerhilfe und haben die Möglichkeit, eine Anzeige aufzugeben.

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