Bad Kissingen
Festival

Der Kissinger Winterzauber ist eröffnet

Das Bad Kissinger Jugendmusikkorps hat ein Konzert mit dem Titel "Kulturerbe-Musik" gegeben.
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"Kulturerbe-Musik" war das Motto des Abends mit dem Jugendmusikkorps. Zu hören war  sinfonische Blasmusik. Foto: Thomas Ahnert
"Kulturerbe-Musik" war das Motto des Abends mit dem Jugendmusikkorps. Zu hören war sinfonische Blasmusik. Foto: Thomas Ahnert
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Schon traditionell hat das Jugendmusikkorps der Stadt Bad Kissingen das "Festival zur 4. Jahreszeit" mit einem Konzert im Max-Littmann-Saal des Regentenbaus eröffnet. "Kulturerbe-Musik" war der Abend mit sinfonischer Blasmusik überschrieben. Das bot sich an angesichts der Bestrebungen der Stadt, in das Weltkulturerbe der Unesco aufgenommen zu werden.

Im Grunde genommen ist ja auch das Jugendmusikkorps ein Erbstück. "Wir sind 206 Jahre alt", meine eine Musikerin, die ihr Orchester zu Beginn kurz vorstellte. Wer in die Gesichter der jungen Musiker schaute, wollte das nicht so recht glauben. In der Tat sind es die Uniformen, in denen das Musikkorps auftritt. Die trugen die Soldaten im großherzoglich-würzburgischen Regiment des Fürsten Ferdinand von Toskana, wenn sie 1812 in den Krieg zogen. Der wesentliche Unterschied zu heute - abgesehen davon dass die jungen Kissinger nicht mit Vorderladern, sondern mit Blasinstrumenten bewaffnet sind, wenn sie aufmarschieren: Ferdinand wäre vor Empörung erstarrt, wenn er erfahren hätte, dass von den 73 jungen Leuten 33 Mädchen sind. Da hat die Bundeswehr gute Vorarbeit geleistet.

"So wie es das materielle Weltkulturerbe der Unesco gibt, gibt es auch das immaterielle Weltkulturerbe", meinte Stadtmusikdirektor Bernd Hammer. Im April des vergangenen Jahres war vom Europarat die Aufforderung ausgegangen, das Kulturerbe wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken, wieder zu entdecken, was die Europäer ausmacht. Hammer: "Das sind große Worte, aber wir arbeiten daran." Zum immateriellen Erbe gehörten auch die Blasmusik, die Chöre, Tanz, alles Wissen, handwerkliche Fähigkeiten, sogar das Brotbacken in Deutschland.

Entsprechend bunt und weltläufig war das Programm. Die jungen Leute hatten sich viel vorgenommen, keine 14 Tage nach dem großen Elternkonzert an gleicher Stelle. Und das steckte ihnen vielleicht noch ein bisschen in den Knochen und Fingern, denn das einleitende Medley aus Gioacchino Rossinis "Schönsten Melodien" begann noch ein bisschen verhalten, aber spätestens bei dem abschließenden Galopp aus der Oper "Wilhelm Tell", dem "Marsch der Schweizer Soldaten", war das musikalische Feuer entfacht. Obwohl das gleich wieder unter den Deckel musste bei "Halleluja und Ave Maria", dem berühmt-beliebten Gemeinschaftswerk von Leonard Cohen und Charles Gounod, das sehr ruhig, mit warmem klang und langen emotionalen Bögen musiziert war.

Heinrich Schäffers "Die Post im Walde" wurde zum Abschiedslied. Denn das JMK begleitete einen der ihren: Der Trompeter Robin Hillenbrand war beim Elternkonzert als Mitglied und Orchestersprecher aus Altersgründen ausgeschieden. Jetzt konnte man hören, was eine gute Ausbildung und einige Jahre Erfahrung ausmachen können: Er spielte die Solostimme mit souveräner Ruhe, weichem, singendem Ton und plastischen Phariserungen. Bei "La La Land" von Justin Hurwitz hörte man sofort den Filmkomponisten heraus - und in der Tat erhielt der Streifen 2017 den Oscar für die beste Filmmusik - kein Wunder bei dem schönen, dichten, aber recht gut durchhörbaren Klangfarbenspiel, bei dem erstmals auch Xylophone zum Einsatz kamen. Bei den "Israeli Folk Songs" von Eva Fodor, zwei Tänzen nach Motiven aus dem arabischen Raum, waren es vor allem die ungewohnten Harmonien und Rhythmen, die das Spielen und Zuhören reizvoll machten.

Joe Tempests "Final Countdown" eröffnete mit musikalischer Heftigkeit den zweiten Teil mit einem scharfen Einstieg der Perkussionisten und dem melodischen Aufbau aus dem tiefen Blech heraus zu einem schwungvollen Musizieren mit zum Teil gewagten virtuosen Läufen in allen Registern. Und die "New York Overture" des Holländers Kees Vlak setzte diesen Vortrieb fort in der Schilderung des brodelnden, lärmigen, hektischen Lebens einer Großstadt, wobei er seine thematischen und rhythmischen Vorbilder Gershwin und Bernstein nicht verschwieg.

"Wenn uns die Leute nach einem Konzert fragen, warum wir keinen Marsch gespielt haben, dann wissen wir, dass wir etwas falsch gemacht haben", sagte Bernd Hammer. Aber ob man den "Fliegermarsch" von Hermann Dostal wirklich dem immateriellen Weltkulturerbe zurechnen kann - auch wenn er der Traditionsmarsch der Bundesluftwaffe ist - darüber ließe sich diskutieren. Dass man aus ihm das Streben nach Freiheit mit Hilfe des Fliegens heraushören kann, kann nicht davon ablenken, dass die Absicht der Musik schon immer in die andere Richtung ging, nicht nur in den dunklen Jahren. Gespielt war die Musik wirklich gut, mit souveränen Rhythmus- und Tempowechseln, und kurz vor Ende begann das Publikum auch, den Takt mitzuklatschen. Aber man wurde auch das Gefühl nicht ganz los, dass diese Musik mit ihren verhältnismäßig einfachen Strukturen aus dem sinfonischen Gesamtniveau herausfiel.

Dann was folgte, war noch einmal anspruchsvoll: zur allgemeinen Überraschung erst einmal ein Potpourri aus Italopop Classics, gleichsam ein Gruß nach Massa, lauter Arrangements von italienischen Schlagern, die man alle mitpfeifen könnte, ohne schnell draufzukommen, wie sie heißen. Und dann eine rhythmisch mitreißende Verquickung von Chuck Rios "Tequila" und Miriam Makebas berühmten Tanz "PataPata". Und dann wurde es doch noch weihnachtlich mit einem Trio aus "Kling, Glöckchen, kling", "Jingle Bells" und dem triumphalen Abschluss von "Tochter Zion". Und dann, als alle ihren Tschako wieder aufgesetzt hatten und fertig waren zum Abmarsch - aber das ist Tradition - "Lili Marleen".

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