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Das Wunder vom Ural

Ural Philharmonic Orchestra und der Geiger Sergej Krylov begeisterten das Publikum bei ihrem Debüt im Regentenbau.
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Wenn alles getan ist: Dmitry Liss und sein Ural Philharmonic Orchestra beenden Tschaikowskys 4. Sinfonie. Fotos: Thomas Ahnert
Wenn alles getan ist: Dmitry Liss und sein Ural Philharmonic Orchestra beenden Tschaikowskys 4. Sinfonie. Fotos: Thomas Ahnert
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Wunder dauern bekanntlich etwas länger. Bei dem Ural Philharmonic Orchestra war das Wunder, dass es sofort begann, gleich beim ersten Ton: ein Schlag, ein Trommelwirbel, dass das Publikum erschrak, noch ein Trommelwirbel, und dann brach die Musik los. Da war nichts von anfänglicher Zögerlichkeit, von Aufeinander-Warten, von "Also, bringen wir es hinter uns"-Auftakt. Da wurde sofort und aus dem Stand zielstrebig losmarschiert. Denn Gioacchino Rossinis Ouvertüre zu "La gazza ladra" beginnt mit einem Marsch.

Aber bei Licht betrachtet ist es gar kein Wunder. Dass sogar Moskauer und St. Petersburger das UPO für eines der besten russischen Orchester halten - wenn nicht sogar derzeit für das beste - konnte schon vorher zu denken geben. Dass Dmitry Liss schon seit 24 Jahren Chefdirigent des Orchesters ist, ist im Musikbetrieb eine ungewöhnlich lange Zeit, in der eigentlich schon längst Abnutzungserscheinungen aufgetreten sein müssten. Deshalb bleiben Dirigenten, wenn sie Wechselmöglichkeiten haben, auch nie so lange bei einem Orchester. Aber bei den Jekaterinenburgern scheint diese lange Zeit Kontinuität, einen langen Prozess der Entwicklung und des Reifens gebracht zu haben. Dirigent und Orchester können sich auch heute noch bei der Arbeit anlächeln.

Und tatsächlich ist die Qualität dieses Orchesters ganz erstaunlich, ist die kollektive Virtuosität enorm. Die Streicher haben eine unglaubliche Homogenität entwickelt, die Bläser sind auf den Punkt präsent und präzise Wo gibt es schon vier Hörner, die wie eines spielen können und dann auch noch leise. Dmitry Liss hat seinen Musikern das gemeinsame Atmen beigebracht, und er ist einer, der sich in seinem gestenreichen Dirigat wirklich um alles kümmert, der nichts dem Zufall überlässt. Nein, das ist kein Wunder, sondern ein absolutes Spitzenorchester. Aber vielleicht gibt es in Jekaterinburg hinter dem Ural einfach nur keinen Handyempfang, sodass die Leute viel Zeit zum Üben haben.

Mit solche Leuten kann man gestalten. Und da wären wir wieder bei Rossinis Marsch. Die Oper ist ja bei allen komödiantischen Zügen ein ziemlich brutaler Klopper. Da soll ein Dienstmädchen hingerichtet werden, weil es angeblich einen silbernen Löffel gestohlen hat. Heute würde das bestenfalls wegen Beihilfe zur Hehlerei verhandelt. Aber damals musste der Staat zumindest in der Oper noch seine No-tolerance-Position vertreten - und das geht am einfachsten mit Märschen. Nur ironisierte Dmitry Liss diese Muskelspielereien mit einer übertriebenen Lautstärke und Schärfe, die sogar den Max-Littmann-Saal - seit langem mal wieder - an eine akustischen Grenzen brachte. Und diese Gewalt wirkte umso stärker, als die berühmten Rossinischen Akzelerationen und Crescendi, die seine Ouvertüren sofort erkennbar machen, von einem ganz leisen Niveau starteten.

Die Violinkonzerte von Niccolò Paganini sind musikalisch gesehen eher bescheiden. Er suchte nicht das große romantische Konzert voller langer emotionaler Linien, sondern eine Darstellungsmöglichkeit für sich und eine Technik. Das Orchester brauchte er eigentlich nur, damit er das Ganze Konzert nennen konnte. Trotzdem durften die "Uralier" erst einmal sämtliche Themen vorstellen, bevor sie in den Rang eines Dienstboten zurücksanken - und dann gelegentlich doch wunderschöne Kontakte zum Solisten suchten.

Sergej Krylov war das andere Wunder. Er spielte das Konzert mit einer Gelassenheit und Abgeklärtheit, dass man überhaupt nicht merkte, wie schwierig es ist. Das lag auch daran, dass er wirklich jeden Ton blitzblank spielte, sodass man nie den Eindruck bekommen konnte, dass er irgendwie unter Druck stand. Er zauberte mit der linken Hand, fegte durch die Doppelgriffpassagen und Arpeggien, ließ den Bogen springen, dass es eine wahre Freude war. Da wurde die Technik zum Vergnügen. Als Zugabe legte er noch mal Paganini nach: dessen 24. Caprice. Die ist noch schwieriger als das Konzert.

Ja und dann Tschaikowskys 4. Sinfonie, auf die man sich nach dem Gehörten wirklich freuen konnte. Dmitry Liss scheint kein großer Tüftler zu sein, der das Dämonische in der Musik sucht. Er ist ein Freund von kräftigen Farben, von großen dynamischen Kontrasten. Die Raffinesse seiner Deutung lag in ihrer Klarheit. Man hörte eigentlich nichts Neues, aber alles sehr viel klarer, weil die Musik auch im tobendsten Fortissimo durchhörbar blieb. Man konnte als Hörer selbst mit den Bausteinen dieser bunten Musik spielen.

Und man konnte das offensichtlich vergnügte Engagement des Orchesters genießen, das wie das Publikum auch auf der Stuhlkante saß, das in seinem verantwortungsvollen Gestaltungsdrang fast ein bisschen ungeduldig wirkte und von Dmitry Liss sehr genau und wirkungsvoll gesteuert wurde. Es war eine kraftvolle Deutung und eine Sternstunde der Orchestervirtuosität. Den dritten Satz mit seinem schwierigen, fast durchgehenden Pizzicato für alle Streicher hat man in dem Tempo und in der Qualität zumindest im Regentenbau noch nicht gehört.

Das Publikum forderte - und bekam - zwei Zugaben: eine Polka von Peter Tschaikowsky und den Ungarischen Tanz Nr. 6 von Brahms.

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