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Bad Bocklet
Sterben

Das letzte Bett: Ein Hospiz-Apartment in der Provinz

Im Azurit Pflegezentrum wurde das erste Hospiz-Apartment des Landkreises errichtet. Hier finden Sterbenskranke und Angehörige Beistand bis zum Tod. Der Bedarf an solchen Einrichtungen ist hoch. Die Politik muss handeln, fordert Palliativarzt Dr. Reinhard Höhn.
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Die Hausschuhe von Franz S. stehen vor dem leeren Hospiz-Bett. Fotos: Benedikt Borst
Die Hausschuhe von Franz S. stehen vor dem leeren Hospiz-Bett. Fotos: Benedikt Borst
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Für Franz S. (Name geändert, Anm. d. Red.) geht es nur noch ums Lindern, nicht mehr ums Heilen. Der 96-Jährige wurde noch vor wenigen Tagen im St.-Elisabeth-Krankenhaus in Bad Kissingen behandelt. "Er ist immer davon ausgegangen, dass er wieder nach Hause kommt", schildert Dr. Reinhard Höhn, Leiter der Palliativmedizin im Eli und Vorsitzender des Hospizvereins Bad Kissingen. Dann die Diagnose: Zwei Tumore haben in den ganzen Körper gestreut. Franz S. wird in absehbarer Zeit sterben.

Unterversorgung auf dem Land

Ende vergangener Woche hat Franz S. das wahrscheinlich letzte Zimmer bezogen, in dem er leben wird. Der Raum wirkt freundlich, es gibt einen Fernseher, eine Gästecouch für Angehörige, auf dem Telefon ist lachender Smiley angebracht. Höhn: "Es wird ein paar Tage dauern, bis er sich eingewöhnt hat." Nach und nach bringen Verwandte Sachen, die Franz S. gehören. Dann wird das Zimmer etwas heimischer. Das ist wichtig, denn viele Kranke möchten die letzten Tage im häuslichen Umfeld verbringen. "Dieser Platz ist gedacht, bis ans Lebensende", sagt der Palliativmediziner.

Franz S. ist der erste Patient, der das neue Hospiz-Apartment im Pflegezentrum Azurit in Bad Bocklet bewohnt. Es ist landkreisweit die einzige Einrichtung, in der todkranke Menschen stationär, hospizlich versorgt werden können. Die nächsten Hospize finden sich laut Höhn in Würzburg, Fulda, Aschaffenburg und Meiningen. "Die Wartezeiten sind dort so lang, da kriegt man keinen unter", berichtet er.

Lange Wartezeiten

Das habe einen Grund, sagt Höhn. "Bei uns fehlen Hospize." Ländliche Gebiete sind unterversorgt, solche Einrichtungen finden sich überwiegend in Ballungsgebieten. Das liegt sowohl an gesetzlichen Bestimmungen (siehe Infokasten), als auch an wirtschaftlichen Zwängen. "Der geforderte Aufwand an Personal und Ausstattung würde sich nicht rechnen", erklärt er. Der Mediziner kritisiert, dass die Politik nicht genug unternehme, um die Versorgungslage zu verbessern. Es sei Aufgabe der Politik, die erforderlichen Mittel bereitzustellen.

Die Bad Kissinger Bundestagsabgeordnete Sabine Dittmar (SPD) hat Verständnis für die Forderung. Sie begrüßt die Einrichtung des Hospiz-Apartments im Azurit. "Im ländlichen Raum haben wir viel Nachholbedarf", sagt die Gesundheitspolitikerin. Das Thema sei in Berlin angekommen. Im Rahmen der Sterbehilfedebatte im Bundestag und im Rahmen des neuen Versorgungsstrukturgesetzes (der Gesetzesentwurf wird erwartet) verspricht Dittmar sich Verbesserungen bei der Finanzierung. "Für meine Begriffe gehören Palliativmedizin und Hospiz mit rein."

Drängendes Problem

Das Hospiz-Apartment in Bad Bocklet war noch gar nicht offiziell eröffnet und Reinhard Höhn hatte bereits drei Anfragen von Patienten aus der Region. "Die Probleme werden größer, es besteht dringender Handlungsbedarf", betont er. Höhn hofft, dass die Zusammenarbeit zwischen dem Hospizverein und dem Azurit Pflegezentrum Bad Bocklet Nachahmer in der Region findet. Vielleicht könne die Politik das Hospiz-Apartment als Modellprojekt unterstützen. Mehr finden Sie hier.


Versorgung sterbenskranker Patienten in Deutschland

Palliativmedizin Die Palliativmedizin versucht Schmerzen zu lindern, wenn eine Krankheit nicht mehr geheilt werden kann und der Tod des Menschen absehbar ist. Ziel ist es, ein beschwerdefreies Dasein zu ermöglichen. Patient und Angehörige werden seelsorgerisch und psychologisch betreut.

Palliativstation Es gibt nach Angaben des Deutschen Hospiz- und Palliativ-Verband 231 Palliativstationen an deutschen Krankenhäusern, unter anderem in Schweinfurt und Bad Neustadt. Die Patienten werden so behandelt, dass sie nach Hause entlassen und dort ihre restliche Zeit verbringen können.

Ambulant Schwerstkranke und sterbende Patienten möchten die letzte Zeit zuhause oder in gewohnter Umgebung (Pflegeheim) verbringen. Sie werden von ambulanten Hospizdiensten betreut. Davon gibt es deutschlandweit rund 1500.

Hospiz In Deutschland gibt es 179 stationäre Hospize. In wenigen Betten werden todkranke Menschen bis zum Schluss versorgt.

Quote In Bayern wird von einem Bedarf von einem Hospizbett je 60 000 Einwohner ausgegangen. Ein Hospiz braucht acht Betten, um anerkannt und von der Krankenkasse abgerechnet zu werden. Das bedeutet, dass ein Hospiz nur in Ballungsgebieten mit mehr als 480 000 Einwohnern möglich ist. Der Landkreis Bad Kissingen hat 102 865 Einwohner (Stand Dezember 2013).

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