Bad Kissingen

Das Leben dieser Bad Kissinger dreht sich um die Töpferscheibe

Familie Reiss unterhält seit 40 Jahren ein Familienunternehmen. Der Markt rund um das Steinzeug ist hart umkämpft
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Karin Reiss beim Drehen des Tons. Foto: Bastian Reusch
Karin Reiss beim Drehen des Tons. Foto: Bastian Reusch
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Die Keramik ist der älteste bekannte künstliche Werkstoff der Menschheit. Schon im vierten Jahrtausend vor Christus wurde beispielsweise die Töpferscheibe erfunden, das Porzellan im China des siebten nachchristlichen Jahrhunderts. Ein Beruf entwickelte sich, der die Strömungen der Jahrhunderte überdauerte, und noch heute halten Keramiker eigene Märkte ab und stellen Nutz- oder Kunstgegenstände aus Ton her. Natürlich haben sich die Wege der Produktion verfeinert, neue Techniken, Wissen sowie Produktpaletten kamen hinzu. Dennoch ist das Tätigkeitsfeld beispielsweise des Scheibenkeramikers kein anderes als das in der bisherigen Geschichte.

Seit nunmehr 40 Jahren betreibt Familie Reiss um Mutter Karin nun schon ihre Werkstatt in Bad Kissingen.

Sohn Marcel, seines Zeichens Töpfermeister, hat sich 2004 als Selbstständiger mit in den Werkstatträumen angesiedelt. Auf die Frage, wie es um den Beruf des Keramikers steht machen beide keinen Hehl daraus, dass es aktuell kaum Lehrlinge oder Lehrstellen gibt. "Es ist ein hartes Brot geworden, da oftmals nicht der passende Absatz vorhanden ist und die Betriebe einfach niemanden für die Ausbildung suchen", meint Manfred Reiss, Karins Ehemann. Seine Frau fügt hinzu, dass sie den Eindruck habe, dass viele Jugendliche auch nicht mehr wirklich arbeiten wollten. Das merke man bei Praktikanten, doch sei Keramiker von Natur aus sehr arbeitsintensiv. Der niedrige Lohn in der Ausbildung und die hohen Anforderungen an Kenntnissen unter anderem im chemischen Bereich trage ihr Übriges dazu bei.

Doch heißt Keramiker sein mehr als nur Fachkenntnisse anzuhäufen. "Wer seine Kreativität ausleben will, der kann in diesem Beruf sicherlich glücklich werden", meint Marcel Reiss, dessen Vater die Keramik sogar als "offene Weite" bezeichnet. Marcel habe für sich selbst gemerkt, dass ihn die Arbeit in einem großen Schweinfurter Industrieunternehmen nicht mehr erfüllte, so entschied er sich für einen anderen Weg. Der Zugang zum Keramiker ist ebenso vielseitig wie der Beruf selbst. Neben der betrieblichen Ausbildung gibt es die Möglichkeit des Studiums sowie verschiedene Fachrichtungen reichend von der Scheiben- bis hin zur Industriekeramik. "Allerdings ist auch die Erfahrung ein guter Lehrmeister, da man in lediglich einer der drei Ausbildungen nicht alle Facetten kennenlernen kann. Beispielsweise dauert es ewig, bis man mit der Töpferscheibe richtig drehen kann. Mittlerweile ist das bei mir allerdings schon fast ein wenig meditativ", so Marcel Reiss.

Ein eigener Laden gehört ebenfalls zur Werkstatt in Bad Kissingen, doch liegt die Haupteinnahmequelle der Keramiker woanders. "Wir existieren durch die Keramikermärkte", meint Manfred Reiss. Für diese muss man sich in jedem Jahr erneut bewerben, um auch ausstellen zu dürfen. Langweilig wird es auf diesen Märkten ebenfalls nicht, die Erzählungen von Familie Reiss erinnern manchmal ein wenig an einen Abenteuerroman. Von Übernachtungen im firmeneigenen Bus, um Hotelkosten zu sparen bis hin zu im Sturm abhebenden Marktständen reichen die Geschichten. An dieser Stelle offenbart sich, dass bei aller Konkurrenz der Zusammenhalt unter den Keramikern groß ist. "In Römhild ist der Stand eines Holländers fliegen gegangen und auf einem anderen gelandet. Er hatte leider keine Betriebshaftpflicht, dann wurde halt auf dem Markt für den Kollegen gesammelt", erinnert sich Manfred Reiss. Wenn das Wetter allerdings passabel ist, wird auf den Märkten vornehmlich versucht, die Ware an den Mann/die Frau zu bringen. Dafür ist jeder Keramiker auf der Suche nach einem ´Rennerartikel´ der sich bei wenig Herstellungsaufwand praktisch von selbst verkauft. An dieser Stelle ist nun die Kreativität gefragt. "Man ist da als Keramiker schon gefordert zu überlegen und auch mal das ein oder andere auszuprobieren", so Karin Reiss. Ihr Sohn Marcel hat seine Nische gefunden: "Ich stelle keramische Windspiele mit integrierten Kugellagern her, die werden auch nicht nachgemacht, da es zu kompliziert ist. Ich habe da einen Freund mit Werkstatt, der für mich die Lager herstellt."

So schaut der im Vergleich zu den Kollegen mit 43 noch junge Keramiker durchaus optimistisch in die Zukunft. "Es will ja auch keiner mehr machen, beispielsweise wegen der abzuarbeitenden Wochenenden. Ich bin ungefähr 20 Wochenenden im Jahr nicht da, aber in gewissem Sinne auch ein freier Mann", stellt Marcel Reiss klar. Doch betont er im gleichen Atemzug, dass man dafür natürlich die richtige Partnerin braucht, die das auch alles mitträgt.

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