Aura an der Saale
Erfolgreicher Wandel

Das "Kinderhaus" ist in Aura angekommen

Aus dem Gastrobetrieb "Ruine Aura" wurde das "Kinderhaus Aura" für verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche. Hat sich dieser gewagte Schritt ausgezahlt?
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Sozialpädagoge Karlheinz Friedel in Therapieraum, wo die Einzeltherapien und Gruppensitzungen mit den Kindern sowie die Besprechungen der Betreuer stattfinden. In der Hand hält der Familientherapeut einen Redestab. Vorne Gegenstände, die als Symbole dienen, um Gefühle und Geschehnisse verdeutlichen zu können.Steffen Standke
Sozialpädagoge Karlheinz Friedel in Therapieraum, wo die Einzeltherapien und Gruppensitzungen mit den Kindern sowie die Besprechungen der Betreuer stattfinden. In der Hand hält der Familientherapeut einen Redestab. Vorne Gegenstände, die als Symbole dienen, um Gefühle und Geschehnisse verdeutlichen zu können.Steffen Standke

Der leere, noch mit Lampen versehene Rahmen über der Pforte, der Zuschnitt des früheren Gastraums mit Theke: Einiges erinnert an das einstige Café-Restaurant gegenüber der nie vollendeten Klosterkirche bei Aura. Seit einem Dreivierteljahr gehört es Kindern und Jugendlichen. Genauer: Solchen, die mit psychischen und sozialen Problemen kämpfen. Den Schritt von der "Ruine Aura" zum "Kinderhaus Aura" hat Besitzer Karlheinz Friedel nie bereut.

Es war am 4. September 2018, als die ersten drei jungen Bewohner ins "Kinderhaus" einzogen. Der Verein "Netzwerk für soziale Dienste" wollte hier bis zu sechs verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 18 Jahren unterbringen und betreuen. Das schien zu passen, denn Friedel gehört nicht nur das Anwesen, in dem er selbst aufwuchs. Der 62-Jährige ist auch Vorsitzender des sozial, pädagogisch und heilpädagogisch tätigen Vereins mit Sitz in Salz bei Bad Neustadt. Zuvor hatte er erfolglos nach einem Gaststättenbetreiber gesucht. Ex-Pächter Matthias Büttner hatte sich Ende 2017 zurückgezogen.

"Das Haus mit seinen drei Einzel- und zwei Doppelzimmern haben wir schnell vollbekommen", erinnert sich Friedel. Das sei kein Wunder, denn es herrsche "Riesenbedarf bei der Jugendhilfe". Psychische Störungen und Belastungen bei Kindern und Jugendlichen würden massiv zunehmen.

Zurzeit leben drei Jungs im Alter von zehn und elf Jahren im Gebäude; dazu kommen zwei Mädchen, Alter 15 und 17. Bis auf ein Kind stellt das die Urbesetzung vom September dar. "Wir haben es an eine andere Einrichtung abgegeben, weil es eine andere Art Betreuung als die hier praktizierte benötigt", sagt Friedel. Wahrscheinlich kommt demnächst ein 17-Jähriger hinzu. Alle Bewohner stammen aus dem nördlichen Franken, also auch mal aus dem Main-Tauber-Kreis oder dem Großraum Nürnberg. Auch beim sechsköpfigen Betreuerteam hat sich seit dem Einzug wenig geändert; ein Mitglied wechselte nach sechs Wochen aus persönlichen Gründen.

Die Kinderhaus-Bewohner sollen am etwas abgelegenen Ort vor allem eines finden: Innere Ruhe und Stabilität, aber auch neue Lust am Leben. "Die Kinder müssen spüren, dass sie wertgeschätzt werden, dass sich Erwachsene in ihre Welt einfühlen wollen." Gerade den Mädchen mit ihren meist "stillen Störungen" wie Angst, Depressionen und selbstschädigendem Verhalten (Ritzen) tue die Beschaulichkeit gut.

Die Bewohner frühstücken gemeinsam, machen sich dann auf in ihre jeweilige Schule. Sie teilen sich den Küchendienst, kochen zusammen, räumen das Geschirr auf. Sie versorgen die auf dem Anwesen lebenden Hühner und Katzen. Wie in einer gut funktionierenden WG.

Karlheinz Friedel ist es wichtig, dass das Kinderhaus und seine Arbeit "nicht als Insel, sondern als ruhiger Bestandteil der Region" wahrgenommen werden. Im Oktober 2018 veranstaltete das Team den ersten Tag der offenen Tür. "Etwa 250 Leute waren da, nicht nur Offizielle. Wir haben reges Interesse und viel Wohlwollen gespürt." Ähnlich sei es kürzlich im Auraer Gemeinderat gewesen, in dem Friedel seine Arbeit vorstellte. Das Sommerfest am 20. Juli und das Apfelfest am 22. September sollen die Verbindungen weiter festigen.

Der 62-Jährige fühlt sich im eingeschlagenen Weg bestätigt. "Das Haus hat wieder einen Sinn für die Menschen bekommen. Dass es ein heilsamer Ort ist, war mir immer bewusst. Es war heilsam für die Gäste und ist es jetzt für die Kinder."

Ein potenzieller Gaststättenpächter habe sich im vergangenen Dreivierteljahr nicht mehr gemeldet, sagt Friedel, der selbst gelernter Koch und Gastronom ist. Insofern steht die Frage nicht, das Lokal "Ruine Aura" wiederzubeleben. Aber die Auraer könnten das Haus ja beim Sommer- und beim Apfelfest in seiner ursprünglichen Funktion erleben - beim Essen und Trinken.

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