Nüdlingen
Historie

Das ehemalige "HJ-Heim" wurde abgerissen

Das Gebäude Wurmerich 55 in Nüdlingen wurde abgerissen. Im Dorf es das Haus nur das "HJ-Heim", aber warum eigentlich? Wir sind der Geschichte auf den Grund gegangen.
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In den letzten Wochen wurde das  Gebäude Wurmerich 55 in Nüdlingen abgerissen. Anlass genug, einmal der Geschichte des sogenannten "HJ-Heims" auf den Grund zu gehen. Hier plant die Gemeinde wie in Haard Sozialwohnungen zu bauen.Manfred Schäfer
In den letzten Wochen wurde das Gebäude Wurmerich 55 in Nüdlingen abgerissen. Anlass genug, einmal der Geschichte des sogenannten "HJ-Heims" auf den Grund zu gehen. Hier plant die Gemeinde wie in Haard Sozialwohnungen zu bauen.Manfred Schäfer
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Der Gemeinderat Nüdlingen hat bereits vor zwei Jahren beschlossen, das seit vielen Jahren fast leer stehende gemeindliche Gebäude Wurmerich 55 abzureißen und das Areal für den Sozialen Wohnungsbau zu verwenden. Zu gleicher Zeit beschloss das Ratsgremium, das ehemalige Lehrerwohnhaus in Haard, Burgstraße 5, ebenfalls abzureißen und - wie beim Objekt Wurmerich 55 - Förderanträge für den Sozialen Wohnungsbau zu stellen. Beide Anträge wurden von der Regierung bewilligt.

Das Gebäude Wurmerich 55 in der Jahnstraße wurde von den Ortsbürgern meist noch als "HJ-Heim" bezeichnet, denn in den 30er Jahren, als die NSDAP auch in der Gemeinde Nüdlingen zur allein bestimmenden Partei geworden war, gab es den Plan, das Haus für die "politische Ausrichtung" bzw. Indoktrination, zu verwenden. Doch das Gebäude stand bei Kriegsbeginn 1939

unvollendet da und der Bau wurde, wie es in der Chronik heißt: "Aus Materialmangel und wegen Finanzierungsschwierigkeiten", eingestellt. Im Jahr 1941 wurde versucht, wenigstens die Hausmeisterwohnung bezugsfertig zu erstellen, da die Dorfjugend in dem halbfertigen Bau ihren Unfug trieb. Sämtliche Fensterscheiben sollen zu Bruch gegangen sein.

Erst Ende 1944 wurde das Gebäude dank der Hilfe der Vereinigten Kugellager-Fabriken (Schweinfurt) fertiggestellt. Es ergab sich ein Wohnhaus mit acht Wohnungen. Obwohl es keine Zentralheizung und keine Bäder gab und die Wände unzureichend isoliert waren, wurden in den letzten Kriegsjahren und auch in der Nachkriegszeit die acht Wohnungen - oft von Flüchtlingen - bewohnt.

Einer der letzten Zeitzeugen

Der ehemalige 2. Bürgermeister Egid Thomas, geb. 1930, dürfte einer der letzten Zeitzeugen sein, der sich an seine Kindheit in der NS-Zeit noch gut erinnern kann. Er war selbst Hitler-Junge und erzählt, dass in der freien Natur Geländespiele und Wettkämpfe, sowie viele Arten vormilitärischer Ausbildung gelehrt wurden. Die Jugendlichen, auch er, seien begeistert von den Kriegsspielen gewesen. "Es hat sich herausgestellt, dass die Jugend leicht verführbar war", sagt Egid Thomas selbstkritisch. Die Waffen waren zum Beispiel selbst gefertigte Schwerter aus Holz. Zuweilen gab es auch über die Ortsgrenzen hinaus gehende Kämpfe, zum Beispiel gegen die Bad Kissinger HJ.

Kommunale Baumaßnahmen

Von Altbürgermeister und Ehrenbürger Adalbert Kiesel, geb. 1939, kann man stets Verlässliches über die ortsgeschichtliche Vergangenheit erfahren. Er zitiert aus der Nüdlinger Chronik: "Von ganz besonderer Bedeutung für die Durchführung dringender Bauvorhaben der Gemeinde war die Abtretung von Gemeindewald an der Flurgrenze Rottershausen zur Errichtung eines Munitionslagers (Muna) im Jahre 1937." Es wird in der Folge ausgeführt, dass Nüdlingen für den abgetretenen Waldboden von etwa 95 Hektar eine Entschädigung von 1000 Reichsmark (RM) pro Hektar erhielt. Hinzu kam noch der Waldwertpreis, der vom Forstamt Bad Kissingen festgesetzt wurde. Mit der Entschädigungsteilzahlung von ca. 125 000 RM konnte die Nüdlinger Wasserleitung restfinanziert werden (ca. 75 000 RM). Der Restbetrag von gut 50 000 RM ging auf ein Sperrkonto und sollte für den Rathausneubau verwendet werden. Das Rathaus wurde dann 1938 begonnen und 1939 fertiggestellt. Die Baumaßnahmen für das "HJ-Heim" wurden bei Beginn des 2. Weltkriegs beendet.

Das "HJ-Heim" nach dem Krieg

Als in den letzten Jahrzehnten das große Haus im Wurmerich 55 allmählich leer wurde, befasste sich der Gemeinderat mehrfach mit einer künftigen Nutzung. Kein Problem gab es mit dem Untergeschoß, das an den rührigen Kleintierzuchtverein vermietet wurde. Der Rest des Hauses stand - bis auf eine Wohnung - leer. Für eine sachgerechte Sanierung fehlte das Geld. Es gab stets andere, dringendere "Baustellen", bis der Gemeinderat 2017 beschloss, zusammen mit dem ebenfalls maroden Lehrerwohnhaus in der Haarder Burgstraße, Anträge auf Förderung im Sozialen Wohnungsbau zu stellen.

Abriss mit großer Sorgfalt

Manfred Schäfer, der im elterlichen Haus in der Jahnstraße 7, direkt gegenüber dem Gebäude Wurmerich 55, lebt, hatte sich seit langer Zeit bemüht, Tatsachen über das "HJ-Heim" in Erfahrung zu bringen.

Als sich die beauftragte Baufirma vor Wochen mit dem Abriss des Gebäudes befasste, kam er aus dem Staunen über die äußerst sorgfältige Trennung der diversen Materialien nicht heraus. Zahlreiche Fotos und Videos hat Manfred Schäfer vom Abriss "geschossen". Bei passender Gelegenheit möchte er sie interessierten Ortsbürgern zeigen. Es war für ihn faszinierend, dass er nach dem Abriss des Nachbarhauses Wurmerich 55 plötzlich direkt in die Hochstraße schauen konnte. Er weiß natürlich, dass der Blick durch den anstehenden Neubau nicht so bleiben wird.

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