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Bad Kissingen
Demonstration

Corona-Widerstand in der Bad Kissinger Fußgängerzone

Etwa 40 Menschen gingen gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie auf die Straße. Sie forderten unter anderem "Finger weg vom Grundgesetz"
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Gegen "Maulkorb-Erlass" und das nach Ansicht der Veranstalter unnötige Schüren von Angst demonstrierten etwa 40 Kissinger vor wechselnden Zuhörer. Foto: Sigismund von Dobschütz
Gegen "Maulkorb-Erlass" und das nach Ansicht der Veranstalter unnötige Schüren von Angst demonstrierten etwa 40 Kissinger vor wechselnden Zuhörer. Foto: Sigismund von Dobschütz
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Bereits zum zweiten Mal rief am Samstag in der Bad Kissinger Fußgängerzone eine Gruppe von Demonstranten zum Widerstand gegen die staatlich verordneten Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie auf. Die drei Redner - Shop-Leiter Sebastian Rübner (35), Psychotherapeut Günter Wimschneider (63) und Lehramtsstudent Christopher Freibott (30) - verwehrten sich während der zweistündigen Veranstaltung gegen die Verunglimpfung Andersdenkender, sprachen von regierungsnaher Gleichschaltung der Medien sowie übertriebener Angstmacherei und warnten die Zuhörer vor unbedachter Obrigkeitshörigkeit.

Etwa 40 angemeldete Demonstranten unterschiedlichen Alters, die sich nach eigener Aussage über soziale Medien zusammengefunden haben, besetzten Treppe und Vorplatz des Bad Kissinger Landratsamtes, während sich außerhalb dieses mit rot-weißem Flatterband abgesperrten Bereichs wechselnde Zuhörergruppen bis zu 60 Personen bildeten, so die Schätzung der Polizei. "Wir sind keine feste Gruppe, sondern nur Einzelpersonen", versicherte die Versammlungsleiterin, die unserer Zeitung ihren Namen verweigerte.

Scharf kritisierte Sebastian Rübner den Virologen Christian Drosten (48), der schon mehrmals durch widersprüchliche Aussagen aufgefallen sei. "Warum sollen wir auf diesen Virologen hören, der sich schon 2010 bei der Schweinepest geirrt hat?". Auch die Zahlen des Robert-Koch-Instituts seien "Bullshit", weshalb er aufrief: "Lasst uns dafür kämpfen, dass diese Maßnahmen beendet werden."

Rübner warnte zudem vor der Impfpflicht, da "Corona nicht gefährlicher als eine normale Influenca ist" und auch Impfstoffe bei Unverträglichkeit tödlich sein können.

Das Grundgesetz werde von der Regierung missachtet. "Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln", zitierte er Paragraph 8. Diese Demo habe man aber anmelden müssen. Auch die Pressefreiheit sei in den "gleichgeschalteten Medien" nicht mehr gegeben. Andersdenkende würden diffamiert, bezog sich Rübner auf die Vorgänge um den Thüringer FDP-Fraktionsführer Thomas Kemmerich und den Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne).

Im Januar habe Virologe Drosten noch gesagt, eine Maskenpflicht mache keinen Sinn, setzte Rübner seine Argumentation fort. Heute sollen auf einmal alle Masken tragen. Hier setzte Psychotherapeut Günter Wimschneider mit seiner Kritik an: "Wo Masken gebraucht werden, in Alten- und Pflegeheimen, fehlen sie." Unter Berufung auf seine 30-jährige Praxiserfahrung bezweifelte er die medizinische Eindeutigkeit aller Corona-Tests: "Nicht jeder positiv Getestete ist tatsächlich infiziert." Die vielen Toten in Italien oder den USA seien nicht primär Folge von Corona, sondern das Ergebnis schlechter Gesundheitssysteme. Zudem sei nicht Corona alleinige Ursache bei Todesfällen, sondern die Kombination mit bakteriologischen Infekten.

Jährlich sterben in Deutschland etwa 30 000 Menschen an Krankenhauskeimen, worüber nicht öffentlich gesprochen wird, argumentierte Wimschneider weiter, während es nur 8 000 Tote durch Corona gibt. Vor zwei Jahren seien 25 000 Menschen durch Grippe gestorben. "Das hat niemanden interessiert." Gefährdet seien vor allem alte Menschen, deren Immunsystem man deshalb stärken müsse. "Seit Wochen wird Panik gemacht. Das ist nicht gut fürs Immunsystem." Ängste und Depressionen, auch bedingt durch Arbeitslosigkeit, nehmen zu, warnte der Psychotherapeut. Ein Anstieg der Suizide sei die Folge. "Behaltet euren gesunden kritischen Menschenverstand", empfahl er deshalb.

Während seine Vorredner mit sachlicher Argumentation überzeugen wollten, versuchte es Lehramtsstudent Christopher Freibott mit Philosophie und Psychologie, zitierte aus mitgebrachten Fachbüchern, bemühte Autoren von Saint-Exupéry bis Goethe und stellte mit Blick auf die allen staatlichen Vorschriften folgende Bevölkerungsmehrheit fest: "Unsere Gesellschaft ist mehr als krank." Er beschuldigte die Regierung, die Bevölkerung zu traumatisieren. "Ich habe definitiv die Schnauze voll", schimpfte der 30-Jährige. Freibott lobte die vier abseits stehenden Polizeibeamten, kritisierte aber die unverhältnismäßigen Zugriffe der Polizei bei Demos in Berlin und Stuttgart sowie die falsche Berichterstattung im "betreuten Fernsehen" ARD und ZDF. "Wo sind denn hier die Neonazis, Linksextremisten und Verschwörungstheoretiker?" Zum Zeichen des friedlichen Protests stimmten die Demonstranten das Lied "Die Gedanken sind frei" an. Freibott: "Wir sind aufgeklärte Menschen, die sich eine eigene Meinung bilden." Hierzu bezog er sich auf die jüdische Publizistin Hannah Arendt (1906-1975) mit den Worten: "Niemand hat das Recht zu gehorchen."

Kommentar von

Sigismund von Dobschütz

Schon der französische Philosoph Voltaire wusste im 18. Jahrhundert: "Alle Menschen sind klug - die einen vorher, die anderen nachher." Dies gilt auch jetzt beim Abschwung der Corona-Pandemie. Wenn die Anti-Corona-Redner schon eher wussten, dass alle von Virologen und Epidemiologen genannten Zahlen und Empfehlungen sowie die von Bundes- und Landesregierung getroffenen Maßnahmen "Bullshit" sind, bleibt die Frage: Wo waren denn die Protestler, als die Pandemie ihren Höhepunkt hatte? Warum haben sie denn nicht schon vor Wochen gegen die damals viel drastischeren Einschränkungen demonstriert und ihre verunsicherten Mitmenschen frühzeitig aufgeklärt? Einen Nachweis, dass die Krankheits- und Todesfälle nicht höher ausgefallen wären, hätte die Regierung nicht zu diesen harten Maßnahmen gegriffen, legten die Redner übrigens nicht vor.

Für viele der Zuhörer mögen die Vorträge schlüssig erschienen sein. Doch wer hatte denn vor dem Landratsamt die Möglichkeit einer sachlichen Prüfung? Nehmen wir Beispiele: Sebastian Rübner sieht das Grundgesetz in Teilen außer Kraft gesetzt und warnt vor "Zeichen einer Diktatur". Dies belegt er mit Paragraph 8, Artikel 1. War dies Absicht? Denn der zweite Artikel hätte seine Behauptung, das im Grundgesetz verankerte Recht auf freie Versammlungsfreiheit ohne Anmeldung sei außer Kraft, widerlegt: "Für Versammlungen unter freiem Himmel kann dieses Recht durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes beschränkt werden." Genau dies ist momentan der Fall.

Kritische Stimmen würden unterdrückt, wurde behauptet, die Medien seien gleichgeschaltet. Selbst wenn die Demonstranten klassischen Medien misstrauen und auf die angeblich bessere Informationsmöglichkeit im Internet verweisen, müsste ihnen auch dort die überall verbreitete harsche Kritik des Weltärztepräsidenten Montgomery zur Maskenpflicht aufgefallen sein. Dass über den Ausschluss amtierender Politiker aus einer Partei beraten wird, wenn sich diese öffentlich gegen die Parteilinie stellen, ist keine Diffamierung, wie behauptet, sondern entspricht jeder Parteisatzung. Christopher Freibott ermunterte die Zuhörer zum politischen Ungehorsam mit dem Zitat "Niemand hat das Recht zu gehorchen". Als Lehramtskandidat hätte er wissen sollen: Das korrekte Zitat der jüdischen Publizistin Hannah Arendts zur kläglichen Selbstverteidigung Adolf Eichmanns heißt "Niemand hat das Recht, ein falsches, unrechtmäßiges Handeln damit zu begründen, gehorcht zu haben". Diese und andere Fehler dürfen Rednern, wollen sie ernst genommen werden, nicht passieren. Es sei denn, sie sind beabsichtigt.