Bad Kissingen

Brittens Sterben in Tönen

Das Elias String Quartet aus Manchester spielte das 3. Streichquartett des Engländers - sein letztes Werk.
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Nach diskussionswürdigem Beginn lieferten sie ein fulminantes Konzert: Sara Bitlloch (1. Violine), Donald Grant (2. Violine), Martin Saving (Viola) und Marie Bitlloch (Violoncello). Foto: Ahnert
Nach diskussionswürdigem Beginn lieferten sie ein fulminantes Konzert: Sara Bitlloch (1. Violine), Donald Grant (2. Violine), Martin Saving (Viola) und Marie Bitlloch (Violoncello). Foto: Ahnert
Ihre Heimat ist Manchester, wo sie sich während ihres Studiums am Royal Northern College of Music kennen gelernt haben. Aber eigentlich kommen die Mitglieder des Elias String Quartet aus allen Himmelsrichtungen Europas: die beiden Schwestern Sara und Marie Bitlloch (1. Violine und Violoncello) aus den Pyrenäen, der 2. Geiger Donald Grant aus Schottland, der Bratscher Martin Saving aus Schweden. Seit 1998 spielen sie als Quartett international zusammen, mit einigen bemerkenswerten Wettbewerbserfolgen und eigenen Serien in der Londoner Wigmore Hall. Insofern fiel es nicht ganz leicht, sie beim Winterzauber vorbehaltlos in der Reihe "Junge Streichquartette" einzuordnen. Aber die vier scheinen "behutsame Karrieristen" zu sein. Denn auch die BBC hatte das Elias String Quartet trotz aller internationaler Beachtung erst 2009 für ihr jeweils über zwei Jahre laufende "New Generation Artists Scheme" entdeckt.
Und damit natürlich auch geadelt.

Verstörend für die Zeitgenossen

So gesehen waren - ob jung oder nicht ganz so jung - die Erwartungen hoch. Durchaus zu Recht, auch wenn sie zu Beginn, bei Mozarts "Dissonanzen-Quartett" C-dur KV 465, Irritationen zu überstehen hatten, und zwar aus interpretatorischen, aber auch technischen Gründen. Der langsame Beginn des ersten Satzes, der dem Werk seinen Beinamen gegeben hat, hat Mozarts Zeitgenossen wegen seiner harmonischen Ungereimtheiten so verstört, dass Giuseppe Sarti eine "korrigierte" Fassung gefertigt hat, die, was noch schlimmer ist, bis weit ins 20. Jahrhundert gespielt wurde.

Die Verstörung ist heute noch nicht ganz gewichen. Auch die vier Eliasse konnten nicht klar machen, warum Mozart so verquer komponiert hat. Dabei ist die Sache eigentlich ganz einfach - und war damals auch nicht ganz neu, findet sich auch bei Haydn, dem das Quartett gewidmet ist: Im Grunde geht es um das Erwachen der Musik und die Versuche ihrer Selbstfindung. Das Cello eröffnet mit leise pulsierenden Herztönen; dann setzen allmählich die vier Stimmen ein, jede für sich, noch nicht wissend, wo sie eigentlich hin sollen, suchen sich, brechen ab, beginnen von Neuem, bis sie sich nach 22 geradezu quälenden Takten in einem reinen C-dur-Akkord, der strahlenden Pointe, treffen. Von dieser gesicherten Basis aus kann die Musik starten, kann das heitere, ein bisschen stürmische Allegro loslegen.

Klärender Effekt verschenkt

Diesen Effekt verschenkte das Quartett, weil es in diesem Erwachensprozess viel zu schnell auf Konfrontation setzte, die Lautstärke forcierte und ins Affektiert-Posenhafte abglitt, weil die Muskelspiele auf dem Weg zu dem gemeinsamen Ziel sinnlos waren. Die Pointe geriet so in den Schatten, wurde in ihrer Wirkungskraft geschwächt.

Aber so wie die Musik müssen sich auch die Musiker mitunter finden. Mozarts Quartett litt in den ersten beiden Sätzen an einer unausgeglichenen Balance. Zum einen tat sich Sara Bitlloch eingangs schwer, ihre Führungsrolle zu übernehmen, Impulse zu geben - dafür sprang auf der anderen Seite mit prägnanter Dominanz Marie Bitlloch ein. Aber sie bewegte sich auch nur in einem relativ schmalen dynamischen Korridor. Und der wunderschöne langsame zweite Satz hätte eine stärkere gestalterische Präsenz der beiden Mittelstimmen sehr gut vertragen können. Aber spätestens beim vierten Satz hatten sich auch die vier Musiker gefunden zu einem außerordentlich vitalen, manchmal vielleicht noch ein bisschen hartem Spiel. Ein Vergleich mit der vier Jahre alten Einspielung des Werkes in der Wigmore Hall macht übrigens auffallend deutlich, wie sehr sich auch ein Quartett auf diesem Niveau artikulatorisch noch weiterentwickeln kann.

Man soll ja mit Superlativen sparsam sein. Aber das Streichquartett Nr. 3 von Benjamin Britten war grandios musiziert. Es ist ein Werk, das überschattet ist vom Tod - vom "Tod in Venedig", der Oper, deren Komposition Britten fast bis zuletzt beschäftigt hat und die das Werk deutlich beeinflusst hat; vor allem im letzten Satz, "La Serenissima", der auf Brittens letzten Besuch in Venedig Bezug nimmt. Aber auch überschattet vom Tod des Komponisten. Denn Britten wusste, wie es nach einer erfolglosen Herzoperation um ihn stand, dass das sein letztes Werk werden würde. Und er hat es auch nur noch in einer Fassung für zwei Klaviere gehört . Die Uraufführung spielte das Amadeus-Quartett wenige Tage nach seinem Tod beim Aldeburgh Festival in Snape Maltings.

Unerbittliche Vergänglichkeit

Den Aspekt der Vergänglichkeit, der fortschreitenden persönlichen Hinfälligkeit mit kleinen, aber hoffnungslosen Ausbrüchen spielte das Quartett mit gnadenloser messerscharfer Eindringlichkeit. Da war jeder Ton kalkuliert und genau ausgehorcht, hatte jeder Ton seine eigene Spannung, zog sich die emotionale Bandbreite von Unerbittlich über Grotesk bis zu einem beklemmenden Verlöschen zum Schluss. Wobei genauso eindrucksvoll wie die Musik die konditionelle Leistung der Musiker bei dieser schnörkellosen und doch technsich enorm schwierigen Musik war. Ein Kompliment an Sara Bitllock für den dritten Satz (Solo) mit seinen extremen Flageolettpassagen).

Schumann hatte doch Humor

Entspannung, wenn auch kein Nachlassen der Spannung bot da Robert Schumanns Streichquartett A-dur op. 41/3, dem die vier Eliasse mit ziemlich respektlosem Zugriff einen erstaunlichen Gehalt an Unterhaltsamkeit abgewannen, im letzten Satz mit seinem stürmischen Reitermotiv sogar an Humor, den man bei Schumann nie erwartet hätte. Da gab es keine Note Langeweile, keinen Takt Nachlassen im darstellerischen Impetus. Da machte das Zuhören ganz einfach Spaß. Und deshalb gab es als Zugabe auch Benjamin Brittens 2. Divertimento für Streichquartett aus seinen frühen Schaffensjahren.
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