Bad Kissingen
Unesco-Serie

Bismarck in Bad Kissingen: Kur, Mordanschlag und Politik

Otto von Bismarck war 15 Mal an der Saale zur Kur. Wie wichtig sind der Eiserne Kanzler und sein Kurquartier für Kissingens Welterbe-Bewerbung?
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Der Mordanschlag auf den populärsten Politiker des Deutschen Kaiserreichs ging als Sensationsmeldung um die Welt. Hier das Attentat in Kissingen an der heutigen Rosenklinik nach einer Darstellung in der "Illustrierten Zeitung" vom 25. Juli 1874. Quelle: Stadtarchiv Bad Kissingen
Der Mordanschlag auf den populärsten Politiker des Deutschen Kaiserreichs ging als Sensationsmeldung um die Welt. Hier das Attentat in Kissingen an der heutigen Rosenklinik nach einer Darstellung in der "Illustrierten Zeitung" vom 25. Juli 1874. Quelle: Stadtarchiv Bad Kissingen
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Mitarbeiterin Annette Späth deutet auf die Durchreiche - ein viereckiger Durchbruch oberhalb der Kasse im Museum Obere Saline. Bei der Durchreiche handelt es sich um ein Überbleibsel aus Bismarcks Zeiten. Hinter der Wand befindet sich der Gebäudetrakt, in dem der Reichskanzler während seiner Kuraufenthalte in Kissingen gewohnt hat. Vor der Wand, dort wo jetzt die Kasse steht, befand sich früher eine Telegraphenstation. "Wir würden heute sagen: Das war Bismarcks Standleitung ins Regierungsviertel nach Berlin", erklärt Späth. Der Politiker habe während seiner Besuche nicht nur etwas für seine Gesundheit getan, sondern auch die Regierungsgeschäfte erledigt.


Obere Saline als Regierungssitz

Fürst Otto von Bismarcks Kuraufenthalte und die bis heute erhaltenen Wohnräume sind wichtig für Bad Kissingens Vorhaben, Unesco-Weltkulturerbe zu werden. Die Stadt ist Teil der seriellen, transnationalen Bewerbung "Great Spas of Europe", bei der sich elf europäische Kurorte um die Aufnahme auf der Welterbeliste bemühen. Kulturreferent Peter Weidisch erklärt, wieso Bismarck und Obere Saline so eine große Bedeutung haben. "Ein Merkmal aller Great Spas war ihre Funktion als politische Bühne", sagt er. Dieses Merkmal ist ein nicht greifbares, also ein immaterielles. Immaterielle Werte fallen bei der Unesco zwar ins Gewicht, der Titel Weltkulturerbe ist aber "site-based", also an Denkmäler geknüpft. Hier sieht Weidisch eine große Stärke. "Bad Kissingen hat als einzige Kurstadt der Bewerbergruppe ein materielles Dokument (das Kissinger Diktat, Anm. d. Red.) und ein Denkmal, das mit dem immateriellen Merkmal verknüpft werden kann", sagt der Historiker.


Politisches Schwergewicht

Die Obere Saline war nicht nur Kurquartier eines bedeutenden Politikers, die Wohnräume seien darüber hinaus auch "authentisch, integer und einmalig" erhalten. "Es ist das einzige Gebäude in Deutschland, das die historische Wohnsituation Bismarcks bietet. Wir können zeigen, wie er gelebt und gearbeitet hat", erläutert er.

In den vielen Wochen, in denen Bismarck die Obere Saline bewohnt hat, ist sie zur Stätte bedeutender Politik geworden. Zum einen ist da die Außenpolitik, greifbar am Kissinger Diktat (siehe Text daneben). Weidisch: "Es ist ein Dokument von weit überregionaler Bedeutung, dessen Original noch existiert. Bismarck entwarf darin eine gesamteuropäische Friedensordnung für das ausgehende 19. Jahrhundert." Außerdem wurden hier die Grundlagen für die deutsche Sozialgesetzgebung angedacht. Bismarck empfing während eines Kuraufenthalts Männer, die sich mit dem Problemfeld gründlich auseinandergesetzt hatten (siehe Text daneben). "Die Sozialgesetze haben ihre Bedeutung bis heute. An der Oberen Saline haben wir die weltpolitische Bedeutung einer Person eingebrannt in ein Gebäude", schwärmt er.


Schuss verfehlt knapp

Bei seinem ersten Kuraufenthalt 1874 bezog Fürst Otto von Bismarck Quartier in der heutigen Bismarckstraße. Täglich um die Mittagszeit pflegte er mit der Kutsche ins Salinenbad zu fahren. Am 13. Juli verübte der Böttchergeselle Eduard Kullmann einen Pistolenanschlag auf den Politiker. Kullmann handelte aus Erbitterung über Bismarcks antikatholische Gesetze, die die Macht der Kirche eindämmen sollten. Ein Schild an der Rosengarten Klinik erinnert an den Ort des Anschlags. Bismarck wurde nur leicht verletzt und setzte seine Kur fort. Kullmann wurde verhaftet und zunächst zu 14 Jahren Haft verurteilt. (Quelle: Museum Obere Saline)


Außenpolitik im Kurquartier

In seinem Arbeitszimmer in der Oberen Saline skizzierte Bismarck erstmals die groben Zielpunkte seiner Außenpolitik. Seine Vorstellungen diktierte er am Nachmittag des 15. Juni 1877 seinem Sohn Herbert - daher auch der Name Kissinger Diktat.

Der gesundheitlich angeschlagene Reichskanzler hatte bereits im April Urlaub von den Berliner Amtsgeschäften genommen, Ende Mai kam er mit seiner Familie zur Kur nach Kissingen. Fast täglich nahm er Bäder gegen seine akuten Beschwerden (Bismarck litt an Gicht, einer Venenentzündung und an Übergewicht). Seine Regierungsgeschäfte ließ er allerdings nicht ruhen. Er nahm einen diplomatischen Bericht, der ihm während des Aufenthalts vorgelegt wurde, zum Anlass für eine grundsätzliche Lagebeurteilung. Das Ganze spielte vor dem Hintergrund der Orientkrise, die sich zwischen England, Russland und Österreich-Ungarn zugespitzt hatte. Das Kissinger Diktat war zunächst als Dienstanweisung für einen Vertrauten Bismarcks im Auswärtigen Amt gedacht, die Geschichtsschreibung sieht in dem Text heute ein politisches Schlüsseldokument des 19. Jahrhunderts. (Quelle: Museum Obere Saline)


Wiege für soziale Reform

Deutschland hat unter Bismarck schon in den 1880er Jahren die Weichen hin zum modernen Wohlfahrtsstaat gestellt: Kranken-, Unfall- und Altersversicherungengesetze traten zwischen 1883 und 1889 in Kraft. Die geistige Wiege für eine Politik, die die Arbeitnehmer absichert, stand in der Oberen Saline. Im August 1880 traf sich Bismarck dort zunächst mit dem Präsidenten des Reichskanzleramtes, Karl von Hofmann, wenig später lud er den Großindustriellen Louis Baare ein. Es ging darum, die Versicherungsgesetzgebung zu reformieren. Baare forderte eine staatliche Versicherung gegen Arbeitsunfälle. Bismarck machte sich die Argumente des Unternehmers zu eigen. (Quelle: Museum Obere Saline)


Jubiläum am Bismarck-Museum, Festakt, Bürgerfest und Unesco-Serie

Museum Das Museum Obere Saline feiert am Montag, 30. Juli, sein 20-jähriges Bestehen. Zum offiziellen Festakt am Vormittag wird der bayerische Justizminister Winfried Bausback (CSU) erwartet. Die Stadt hat das ehemalige Kurquartier Bismarcks 1997 vom Freistaat erworben, umgebaut und ein Jahr später am 100. Todestag von Fürst Otto von Bismarck eröffnet.

Bürgerfest Ab 17 Uhr beginnt das Museumsfest mit Bewirtung und Jubiläumsprogramm. Das Museum ist bis 22 Uhr bei freiem Eintritt geöffnet. Um 17, 18 und 19 Uhr finden Sonderführungen etwa zu Bismarck und dem Weltbad Kissingen statt. Zudem gibt es Sonderaktionen wie eine Erlebnis-Station zum Salzsieden und eine Fotobox. Außerdem stehen die Fachleute aus dem Kulturreferat derStadt unter dem Motto "Museumsexperten vor Ort" für Fragen zur Verfügung.

Serie Welche Kriterien legt die Unesco an, warum sind der Kurgarten, Fürst Otto von Bismarck und die Promenaden an der Saale und wichtig für Bad Kissingens Weltkulturerbe Bewerbung? Sind leerstehende und dem Verfall preisgegebene Kurhäuser dagegen ein Hindernis? Die Saale-Zeitung gibt in einer Artikelserie einmal im Monat Antworten auf Fragen rund um die Great Spas of Europe Bewerbung.


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