Bad Kissingen
Ethik

Beim Hospiztag wurde das Sterben thematisiert

Viele Krankheiten, die noch vor 100 Jahren tödlich geendet hätten, können heute kuriert oder zumindest zurückgedrängt werden. Durch die neuen Behandlungsmöglichkeiten werden aber auch viele Fragen aufgeworfen. Beim Hospiztag unter dem Titel "Ethische Entscheidungsfindung am Lebensende" wurde über diese Fragen diskutiert.
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In einem Seniorenzentrum in Frankfurt (Oder) - hier eine Archivaufnahme aus dem Jahr 2004 -  füttert ein Pfleger eine Heimbewohnerin, die im Bett liegt.  Foto: Patrick Pleul/dpa/Archiv
In einem Seniorenzentrum in Frankfurt (Oder) - hier eine Archivaufnahme aus dem Jahr 2004 - füttert ein Pfleger eine Heimbewohnerin, die im Bett liegt. Foto: Patrick Pleul/dpa/Archiv
Allgemein gültige Antworten kann man auf die wenigsten Fragen geben, doch es gab interessante Denkanstöße. Pfarrer Bernhard Stühler ist seit 13 Jahren Seelsorger am Juliusspital in Würzburg. Dort wird er im Seniorenstift und besonders auf der Palliativstation immer wieder mit dem Thema "Tod und Sterben" konfrontiert.

"Es ist nicht leicht, ein würdiges Sterben in der Realität umzusetzen" gibt der Geistliche unumwunden zu. Wichtig sei es jedoch, die Menschenwürde und die Autonomie auch des Sterbenden zu achten. "Einem kranken Menschen muss Respekt gezeigt werden - es ist auch eine gesellschaftliche Aufgabe, sie nicht einfach abzuschieben, sondern das Leben zusammen mit ihnen zu gestalten" so Stühler.

Die Gesellschaft dürfe das Thema Sterben und Tod nicht einfach wegschieben, sondern müsse sich damit auseinander setzen.
Trauerphase und Abschied nehmen müssten schon viel früher thematisiert werden - allerdings tendiere die Gesellschaft dazu, diese Themen auszublenden.

Prognose ist schwierig

Stühler meinte, dass dass es gut sei, dass die Palliativmedizin heute in die Ärzteausbildung integriert sei. Nicht nur das technisch machbare, sondern auch der Tod würden so ein Thema, über das man sich als Mediziner auch in ethischer Hinsicht Gedanken machen müsse.

Antonius Lülf, Facharzt für Innere Medizin, beleuchtete das Thema "Ethische Entscheidungsfindung" von der wissenschaftlichen Seite. "Man steht beispielsweise bei der Krebsbehandlung immer vor der Frage: kann man Heilung erreichen und den Tod nur aufschieben?", so der Mediziner.

Dabei stelle sich natürlich auch immer wieder die Frage, ob es besser sei, dem Patienten noch einige erfüllte Tage zu gewährleisten, oder den Tod so weit als möglich hinauszuzögern - eventuell auch auf Kosten der Lebensqualität. Für einen Arzt sei es immer schwierig, abzuschätzen, wie eine Krankheit verläuft. Schon die Diagnose berge enorme Fehlerquellen, auch eine Prognose des Verlaufs einer Krankheit sei schwer.

Die Frage nach der Ethik

Bei der Therapie hingegen müsse man abwägen: Ist eine Operation sinnvoll? Wie hoch ist das Risiko für den Patienten? Eine Frage sei auch, ob es sein dürfe, dass finanzielle Wägbarkeiten über die Behandlung oder eine Aussetzung derselben entscheiden dürften. So gebe es zum Beispiel in Großbritannien feste Regeln, wie viel Geld eine Behandlung kosten dürfe - eine Entwicklung, die wohl auch in Deutschland so kommen werde, vermutet Antonius Lülf.

"Und das ist nur die rationale Ebene, auf die man sich als Mediziner stützen kann", so Lülf. Oft würde er gefragt: "Herr Doktor, was würden sie tun?" - eine Frage, die nicht leicht zu beantworten sei. "Man ist als Mediziner immer im Spannungsfeld, ob das Wohlergehen und der Wille des Kranken im Vordergrund steht oder das Ausreizen der Lebenszeit", meinte der Mediziner. "Ethische Entscheidungsfindung ist und bleibt eine Sisyphusarbeit, bei der viele Faktoren hineinwirken."

In der Diskussion stellten sich die Experten den Fragen des Publikums. Wichtiges Thema war die Patientenverfügung. Sinnvoll sei es, so Moderator Reinhard Höhn, diese an mehreren Orten zu hinterlegen. Im Notfall stehe allerdings erst einmal die patientenorientierte Versorgung im Vordergrund, so Notarzt Ralph Brath.

Dass der persönliche Wille eines Kranken immer entscheidend sein muss, führte Bernhard Stühler noch einmal aus. "Man muss immer überlegen, was für einen Menschen sinnvoll und würdig ist", sagte er. So könne es durchaus sein, dass man auch das Sterben zulassen müsse.

Das Sterben zulassen

Klaus Wutke, Privatdozent, erklärte, dass man das Sterben als Prozess verstehen müsse, bei dem langsam die Kräfte schwinden. "Nicht immer ist es unerhörter Schmerz, sondern eher ein Kraftlos-Werden des Patienten" meinte er. Pfarrer Markus Vaupel sah es ähnlich: Nicht immer muss der Tod unerträglich schmerzhaft sein - dies könne man mit Schmerzmitteln lindern. "Viel schlimmer ist es, das Sterben zu verdrängen."
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