Früher, vor der Agenda 2010, war zwar nicht alles gut, aber doch manches möglicherweise besser. Das ist das Ergebnis einer Studie, die die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung für den DGB erstellt hat. "Die Entwicklung des Arbeitsmarktes im Landkreis Bad Kissingen war und ist Besorgnis erregend", sagt dazu Frank Firsching, DGB-Regionsvorsitzender Schweinfurt-Würzburg.
Firsching begründet sein Fazit so: Entgegen jedem Trend sei die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten leicht zurück gegangen. Es drohe die "Amerikanisierung" des Markts. Klartext: Heuern, feuern, weniger Rechte und Altersarmut. Firsching: "Es geht nur darum, die Arbeit billig zu machen. Es interessiert die Verantwortlichen nicht, ob jemand auch davon leben kann."
Nach DGB-Angaben hat es Ende 2010 im Landkreis 30 229 sozialversicherungspflichtige Jobs geben - 627 weniger als 2003. Im Vergleichszeitraum hätten sich die Mini-Jobs um 25,8 Prozent auf jetzt 9815 vermehrt. 6904 Menschen hatten ausschließlich eine solche Beschäftigung, 2911 waren hier nebenberuflich tätig. Firsching: "Die Tendenz geht zu weniger gut bezahlten Vollzeitstellen." Das gelte vor allem für die Gastronomie und den Handel. Zahlreiche Jobangebote bei Geschäften, Restaurants und Kneipen geben ihm offensichtlich Recht.
Viele Arbeitsplätze seien umgewandelt worden. Das führe zu unfreiwilliger Teilzeitbeschäftigung. Immer mehr Menschen hätten zusätzlich einen Mini-Job, um über die Runden zu kommen. Davon seien Rentner betroffen und vor allem Frauen.

Viele Rentner verdienen dazu

Nach Angaben von Peter Schönfelder, Sprecher der Agentur für Arbeit in Schweinfurt, wohnen im Landkreis Bad Kissingen 513 Leiharbeiter, die in aller Regel außerhalb beschäftigt sind, sowie 8078 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Teilzeit und 9813 Mini-Jobber vor allem in Gastronomie und Handel. Davon seien 1800 zwischen 55 und 64 Jahre, mehr als 1000 seien noch älter. Das heißt, dass viele Rentner etwas dazu verdienen wollen - oder auch müssen.
Peter Schönfelder gesteht zu, dass der DGB in seiner Schlussfolgerung nicht ganz Unrecht habe. Er gab aber zu bedenken, dass durch die Reform viele Menschen in eine Beschäftigung gekommen seien, die das sonst wohl nicht geschafft hätten.
Während Heinz Stempfle, der Kreisvorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes, der Argumentation von Frank Fisching nicht ganz folgen kann, sagt Direktor Hans Markwalder, im Hotel "Sonnenhügel" - 400 Zimmer, 800 Betten - seien, wenn überhaupt, nicht viele Stellen umgewandelt worden. Hier arbeiten fast 120 Menschen, plus etwa 70 Aushilfen,
Es gebe aber auch Beschäftigte, die nur sechs Stunden am Tag arbeiten wollen. Als Beispiel nannte Markwalder die Zimmermädchen. Das kommt auch den Sachzwängen im Haus entgegen: Die Reinigungs- und Aufräumarbeiten müssen am Morgen konzentriert werden.

Auf Saisonkräfte angewiesen

Markwalder verweist auf die erheblichen Schwankungen in der Auslastung, die, je nach Monat, bis 300 Prozent betragen können. Das werde zum Teil durch Teilzeit- und befristete Verträge ausgeglichen: "Natürlich löst man das durch Saisonkräfte", sagt Markwalder Die kommen auch aus dem Ausland: Das Hotel "Sonnenhügel" beschäftigt zur Zeit elf Slowaken.
Auch Heiko Grom widerspricht der Darstellung des DGB. Grom ist Vorsitzender der Werbegemeinschaft Pro Bad Kissingen und Inhaber eines Modehauses. Er sagt, es könne sein, dass der eine oder andere Vollzeitstellen in Teilzeitjobs umwandele, ihm sei aber kein konkreter Fall bekannt. Grom: "Es ist eine ganz andere Frage, ob man seinem Geschäft damit etwas Gutes tut." Grom hält Vollzeitkräfte für unverzichtbar, aber Aushilfen seien auch wichtig. Ohne komme man nicht aus. Das Verhältnis müsse passen. Der Personalmix in seinem Haus mit zwölf Beschäftigten sei, trotz Einsparungen, "wie früher". Etwa die Hälfte seien Vollzeitkräfte.

Die Region Schweinfurt-Würzburg des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) gibt es in dieser Form seit 2009. Sie vertritt rund 64 000 Menschen und ist die Dachorganisation von acht Mitgliedsgewerkschaften. Die beiden stärksten sind die IG Metall (ca. 50 Prozent) und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi mit 30 Prozent Anteil. Vorsitzender ist Frank Firsching. Der Bereich Aschaffenburg soll 2014 dazu kommen.
Im Landkreis Bad Kissingen gibt es drei Ortsverbände: Bad Kissingen, Maßbach/ Poppenlauer und Ramsthal.
Der DGB verlangt unter anderem eine Erhöhung der Tarifbindung, gleichen Lohn für gleiche Arbeit, einen Mindeststundenlohn von 8,50 Euro, die Einschränkungen von Befristungen und auskömmliche Vollzeitstellen.