Bad Kissingen
Verkehr

Ballonbrücke als Protest gegen Ortsumgehung Nüdlingen

Die Nüdlinger stimmen über ihre Ortsumgehung ab. Im Ort wird emotional gestritten. Die Bürgerinitiativen versuchen ihre Argumente an den Mann zu bringen, unter anderem mit einer Protestaktion.
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Ein auf 20 Meter Höhe gespanntes Stahlseil mit Luftballons soll zeigen, wo die Talbrücke der Ortsumgehung künftig laufen soll. Foto: Benedikt Borst
Ein auf 20 Meter Höhe gespanntes Stahlseil mit Luftballons soll zeigen, wo die Talbrücke der Ortsumgehung künftig laufen soll. Foto: Benedikt Borst
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Die Nüdlinger stimmen darüber ab, ob die vorgeschlagene Ortsumgehung gebaut werden soll oder nicht. Bis Montag, 15. Juli, haben sie noch die Gelegenheit, an der Bürgerbefragung zur Ortsumgehung teilzunehmen. Umgehungsbefürworter und -gegner nutzen die Zeit, um die Menschen von ihren Argumenten zu überzeugen. So hatte die Bürgerinitiative (BI) Contra Umgehung am Montag zu einer Aktion in den Mühlweg geladen. "Wir versuchen zu simulieren, was es heißt, wenn die Umgehung so gebaut wird, wie sie in der Planung ist", sagt Sprecher Marcus Lipsius.

Ein großer Kritikpunkt der Gegner ist die rund 20 Meter hohe und 400 Meter lange Brücke, die vom Sinnberg aus über das Nudelbachtal führen soll. Das Staatliche Bauamt Schweinfurt hatte die Planung in einer Bürgerversammlung an Pfingsten umfassend vorgestellt. Die Kritiker bemängeln, dass die Visualisierungen geschönt waren und dass die Zuschauer keine Eindruck von der Brücke bekommen konnten. Um die Dimension anschaulich zu machen, "haben wir eine Drehleiter im Tal aufgestellt und ein 200 Meter langes Drahtseil mit 100 Luftballons zum Sinnberg gespannt", erklärt Lipsius. Das Seil verläuft ungefähr an der Stelle, an der die Brücke vorgesehen ist.

Bereits vergangene Woche hat die BI ihre Infoflyer verteilt. Sie lehnt den Bau der Umgehungsstraße ab, wegen der von elf auf 45 Millionen Euro gestiegenen Kosten, weil Natur zerstört und Wiesen versiegelt werden und weil die Straße das Landschaftsbild verschandelt. Ferner fürchtet die Interessengemeinschaft, dass die Umgehung die Entwicklung der Gemeinde beschränkt und den Einzelhändlern im Ort schadet. Sie fordert stattdessen Durchfahrtsverbote für Lkws und bauliche Maßnahmen an der B287, etwa dass die Fahrbahn verengt und Flüsterasphalt aufgebracht wird. "Wir wollen eine echte Verkehrsentlastung", sagt Lipsius. Unterstützung kommt vom Bayerischen Bauernverband (BBV).

Edgar Thomas (CSU), Kreisobmann beim BBV und zweiter Bürgermeister von Nüdlingen, führt an, dass die Ortsumgehung landwirtschaftliche Flächen stark beeinträchtigt. Als Bürgermeister werde er zwar dem Votum der Bürgerbefragung zustimmen. "Als Privatmann habe ich aber eine andere Meinung", sagt er. In der Zeit von Klimademos und Volksbegehren für Artenschutz, könne er dem Bau nicht zustimmen.

Anwohner fordern Solidarität

Die Gegenseite ist ebenfalls aktiv. Die BI Verkehrsentlastung Nüdlingen hat in einer neun-seitigen Infobroschüre ihre Argumente gesammelt. "Zeig Solidarität mit deinen Mitbürgern", steht ganz oben. "Ich habe das Gefühl, wenn das Vorhaben abgelehnt wird, wird es einen Riss im Dorf geben", sagt Anita Haub, Sprecherin der BI, Anwohnerin an der B287 und Gemeinderätin. "Die Gemeinde hat 50 Jahre gekämpft und soll jetzt ein Geschenk über 45 Millionen Euro ausschlagen? Das wäre Wahnsinn", sagt sie. Aus Sicht der BI braucht es die Umgehung, weil die Verkehrsbelastung weiter steigen wird, weil die Ortsdurchfahrt gefährlich ist und weil eine Entlastung für die Anwohner nur möglich ist, wenn der Verkehr um den Ort fährt. "Die Straße wird sich in die Landschaft einfügen, da redet in 20 Jahren keiner mehr darüber", ist sie sicher. Die Umgehung werte den Innenort auf. Auch das Naturschutzargument sei relativ zu bewerten, weil ökologisch bepflanze Böschungen und Aufschüttungen mehr Lebensräume für Fauna und Flora bieten würden als Ackerland.

Befragung nicht rechtsbindend

Einig sind sich die Bürgerinitiativen in ihrer Kritik an der Gemeinde. Beide befürchten, dass die verteilten Stimmzettel manipulierbar sind und es zu Mehrfachabstimmungen kommt. Das Landratsamt hat sich aufgrund einer Bürgeranfrage mit dem Vorwurf befasst, teilt aber mit, dass alles korrekt ist. Es handle sich um eine formlose Befragung, die ein Meinungsbild ermitteln und dem Gemeinderat helfen soll, seine Entscheidung zu treffen. Die Gemeinde muss keine strikten Regeln wie bei einem Bürgerentscheid beachten. Das Ergebnis der Befragung ist nicht bindend. "Auch wenn der Bürgermeister angekündigt haben sollte, der Gemeinderat werde sich an das Votum der Bürger halten, so ist der Gemeinderat nicht zwingend daran gebunden", erklärt Pressesprecherin Melanie Hofmann.

Stefan Funk, geschäftsleitende Beamte im Nüdlinger Rathaus, teilt mit, dass die Verwaltung die Stimmzettel möglichst am Dienstag, 16. Juli, auszählt. Den Wunsch der BIs, dabei anwesend zu sein, "können wir gern organisieren". Zwei verschlossene Wahlurnen verwahren bis dahin die abgegebenen Stimmzettel. Bis jetzt sei eine rege Beteiligung zu beobachten. Der Gemeinderat wird sich am 23. Juli mit dem Ergebnis befassen. "Es soll aber schon vorher veröffentlicht werden", sagt Funk. Aufgrund des zu großen öffentlichen Interesses soll die Aussprache voraussichtlich nicht im Sitzungssaal des Rathauses, sondern in einer größeren Örtlichkeit stattfinden.

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