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Bad Kissingen
Religion

Bad Kissingens Rabbiner erklärt die Bräuche

Marlies Walter und Rabbiner Tuvia Hod beantworteten im "Josef Weissler-Betsaal" in Bad Kissingen Fragen zu jüdischem Leben und Gottesdienst.
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Rabbiner Tuvia Hodt und Martlies Walter gaben Auskunft über die Gebräuche der jüdischen Gemeinden. Fotos: Christian Dijkstal
Rabbiner Tuvia Hodt und Martlies Walter gaben Auskunft über die Gebräuche der jüdischen Gemeinden. Fotos: Christian Dijkstal
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Fast jeder, der den Parkplatz Tattersall einmal in Richtung Promenadestraße verlassen und nicht nur vor sich auf den Boden geschaut hat, hat im zweiten Stock des Jüdischen Gemeindehauses die beiden Bleiglasfenster gesehen, in deren Mitte sich der "Magen David", der Davidsstern, befindet. Sie flankieren den Thoraschrein, den wichtigsten Einrichtungsgegenstand des jüdischen Betsaals, der sich hier befindet.
Die wenigsten Bürger und Besucher der Stadt dürften ihn jemals von innen gesehen haben. Ab und zu bietet sich allerdings die Gelegenheit, ihn außerhalb eines Gottesdienstes anzuschauen. Wie am Sonntag im Rahmen der "Jüdischen Kulturtage".

Über den jüdischen Gottesdienst

Marlies Walter und Rabbiner Tuvia Hod, der - neben Essen und Chemnitz - auch für die Bad Kissinger Gottesdienstgemeinde zuständig ist, erläuterten die Besonderheiten des Betsaals und erzählten Wissenswertes über den jüdischen Gottesdienst. Manches erscheint auf den ersten Blick sehr fremd. Die Stellage mit dem durchsichtigen Vorhang etwa, der den Raum, der ungefähr so groß ist wie ein Klassenzimmer, längs in zwei Bereiche trennt. Die rechte Seite des Raums ist den Männern vorbehalten, auf der linken sitzen die Frauen beim Gottesdienst.

Die Anzahl der versammelten Männer kann auch darüber entscheiden, ob ein Gottesdienst mit Lesung aus der Thora überhaupt stattfindet: Mindestens zehn männliche und voll mündige Juden, ein so genannter "Minjan", müssen dazu versammelt sein. Wie viele Frauen anwesend sind, spielt keine Rolle. Zumindest in einer orthodoxen Gemeinde, wie derjenigen, der Rabbiner Hod in Bad Kissingen vorsteht. Anderes wirkt vertraut: Der Thoraschrein beispielsweise, ein großer Schrank, in dem die nach strengen Vorschriften handgeschriebenen Thorarollen aufbewahrt werden, erinnert an einen Hochaltar oder einen großen Tabernakel. Kein Wunder: Hier wird das Wort Gottes in Schriftform aufbewahrt; der Schrein symbolisiert das Allerheiligste des Tempels. Er ist mit einem bestickten Vorhang versehen; Rabbiner Hod hat ihn für die Besucher extra geöffnet, sodass der Blick auf die zwei Thorarollen frei ist.

Mit kostbarem Mantel verziert

Auch sie sind mit einem kostbar bestickten Mantel verziert und mit silbernen Kronen geschmückt. "Eigentlich", erklärt Hodt, "braucht eine Synagoge drei Thorarollen." In seltenen Fällen nämlich - wenn bestimmte Feste oder Anlässe zusammenkommen - kann es sein, dass drei verschiedene Abschnitte aus der Thora zu lesen sind. Und dann müsste die Schrift zeitaufwändig weitergerollt werden. Der Thoraschrein steht an der Stirnseite des Betsaals, die nach Osten, also nach Jerusalem, ausgerichtet ist.

Schon vor über 100 Jahren, erzählt Marlies Walter, war an dieser Stelle ein Betsaal. Zusammen mit der 1902 errichteten Syna goge wurde das Gemeindehaus gebaut, in dem auch die Familie des Schächters, des Kantors und der "Shabbes-Goi" - der nicht jüdische Hausmeister, der die erforderlichen Arbeiten übernahm, die einem Juden am Sabbat verboten sind - wohnten. Hier wuchs Jakob (Jack) Steinberger, Sohn des Kantors und späterer Nobelpreisträger, auf. In der großen Synagoge fand der Gottesdienst nur am Shabbat und an Feiertagen statt; die Werktagsgebete wurden im Betsaal verrichtet. 1938 wurde die Synagoge durch Brand zerstört und bald darauf abgerissen; das Gemeindehaus blieb erhalten. 1959 wurde der Betsaal, der seit 1996 nach seinem Gründer und langjährigen Vorbeter "Josef Weissler-Betsaal" benannt ist, wieder eröffnet.

In den Sommermonaten hält Rabbiner Tuvia Hodt hier den Sabbat-Gottesdienst. Während des Winters sind die Thorarollen ausgelagert; am kommenden Samstag wird das erste Mal in diesem Jahr wieder daraus gelesen werden. In hebräischer Sprache wird der rund anderthalbstündige Gottesdienst gefeiert. In der Regel kommen um die 50 bis 60 Gläubige: einige Privatleute und Gäste aus dem Hotel Edenpark, in dem der Gottesdienst in der Winterzeit gefeiert wird. Eine eigene jüdische Gemeinde hat Bad Kissingen nicht mehr.

Persönliche Erinnerungen

Was jüdisches Leben ausmacht, konnten die Besucher anschließend im Hotel Edenpark erfahren, wo bei einem "Jüdischen Nachmittag" Rabbiner Joel Bargas und Noemi Berger aus Stuttgart Vorträge zu diesem Thema hielten.
Rabbiner Tuvia Hod kann sich gut an eine Führung vor einigen Jahren erinnern. "Da war ein Mann dabei, der stand hier im Betsaal und schaute vor sich hin. Plötzlich fing er an zu weinen." Der Rabbiner sprach ihn an. Der Mann sagte immer wieder: "Es tut mir so leid. Es tut mir so leid." Rabbiner Hod erfuhr mit etwas Geduld, was den Mann bewegte. 1938 war er zehnjährig mit seinen Mitschülern zur ausgebrannten Synagoge kommandiert worden. Schauen sollten sie, Steine werfen und ausspucken. "Es tut mir so leid." Den Rabbiner hat das sehr bewegt.



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