Bad Kissingen
Unesco-Serie

Bad Kissingens Infrastruktur aus der Weltbadzeit: Prachtbau statt Schlachthaus

Von Schlachthof bis Lindesmühle: Kissingens Infrastruktur war anders als in vergleichbaren Städten. Deshalb gehören viele Bauten zur Welterbe-Bewerbung.
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Eine Ansichtskarte Ende der 1920er Jahre zeigt den Schlachthof (links) und die Lindesmühle. Das Ensemble wurde damals als repräsentativ angesehen. Quelle: Stadtarchiv Bad Kissingen
Eine Ansichtskarte Ende der 1920er Jahre zeigt den Schlachthof (links) und die Lindesmühle. Das Ensemble wurde damals als repräsentativ angesehen. Quelle: Stadtarchiv Bad Kissingen
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Den alten Schlachthof hat Ingeborg Wacker in guter Erinnerung. Ihr Großvater war dort angestellt und auch ihr Vater fand dort nach dem Zweiten Weltkrieg eine gute Arbeit. Das Leben der Familie spielte sich in einem der beiden Wohnhäuser ab, die beim Bau des Schlachthofs für die leitenden Beamten auf dem Gelände gleich mit errichtet worden sind. "1949 sind wir dort runter gezogen. Ich war sieben Jahre alt. Für uns Kinder waren das goldene Zeiten", erzählt sie. 20 Kinder habe es damals in der Nachbarschaft gegeben. Mit denen habe man im Schatten der Ochsenkathedrale gespielt.

Bis heute erinnert die Seniorin sich an den Trubel, der auf dem Gelände geherrscht hat, etwa wenn die Bauern am Abend vor dem Schlachttag ihre Tiere lieferten. "Der Schlachtbetrieb war groß. Wir hatten damals viele Metzger in Kissingen", sagt Wacker. Die mussten mit frischer Ware versorgt werden. Als Hallenmeister hatte ihr Vater die Aufsicht. Er war dabei wenn zum Beispiel die Tiere und das Fleisch gewogen und kontrolliert wurden. "Für uns Kinder war der Schlachthof verboten, wenn Schlachttag war. Da haben wir uns ferngehalten", sagt die 77-Jährige.

Kleine Stadt, viele Menschen

Der Schlachthof ist eines von vielen Gebäuden, die die Infrastruktur der Kurstadt geprägt haben. Sie wurden verstärkt ab den 1830er Jahren bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts gebaut und waren dafür gemacht, Bürger und Kurgäste mit allem zu versorgen, was notwendig war und was dem damaligen Stand der Technik entsprach: Angefangen bei Lebensmitteln über Elektrizität und Gas bis zur Heilwasserver- und Abwasserentsorgung.

Des Besondere: Die Infrastruktur konnte deutlich mehr leisten, als das kleine Städtchen für seine Bewohner gebraucht hätte. Aber: "Bad Kissingen musste eine Infrastruktur für eine Anzahl an Menschen vorhalten, die in der Kursaison um ein Vielfaches höher war als ihre Einwohnerzahl", sagt Birgit Schmalz vom städtischen Unesco-Projektteam. 1913 zum Beispiel standen den 6000 Einwohnern mehr als 50 000 Kurgäste und Passanten (heute würde man Kurzurlauber sagen) gegenüber.

Die Infrastruktur, die in der Weltbadzeit entstand, hatten die Planer also gleich entsprechend groß angelegt. Bei der Planung des Schlachthofs wurde zum Beispiel darauf geachtet, dass er groß genug war, die Fleischversorgung auch in Spitzenzeiten zu gewährleisten, wenn die Hotels und Kurhäuser in der Stadt voll belegt waren.

Größe allein war nicht alles. "Es ging vor allem um die Verbindung von Funktion und Architektur", erklärt Kulturreferent Peter Weidisch. Die Infrastrukturbauten hatten nicht nur ihren Zweck zu erfüllen, sondern mussten auch optisch etwas hermachen. Beste Beispiele dafür sind die burgähnliche Lindesmühle (in der heutigen Form erbaut: 1899) und der kathedralenartig gestaltete Schlachthof (erbaut: 1925). Weidisch: "Der Schlachthof war für die Versorgung von großer Bedeutung. Um für ein Weltbad kompatibel zu sein, musste er gebaut werden, wie er heute noch da steht: ohne auffälligen Kamin".

Infrastruktur bis heute sichtbar

Die Infrastruktur ist auch für die Welterbebewerbung der Great Spas of Europe wichtig. "Die Infrastruktur hatte eine andere Qualität als die in Städten mit vergleichbarer Größe", sagt der Unesco-Projektleiter. Bad Kissingen zum Beispiel hatte als erste Stadt in Bayern eine Schwemmkanalisation, an der konsequent alle Haushalte angeschlossen wurden. Ebenfalls besonders war die Elektrizität. Das Luitpoldbad wurde schon ab 1898 elektrisch beleuchtet, mit Strom betriebene Straßenlampen kamen ab 1905. Zum Vergleich: In der deutlich größeren Industriestadt Schweinfurt gab es eine elektrische Straßenbeleuchtung erst ein Jahr später.

"Bei der Infrastruktur ist Bad Kissingen stark und sehr vielschichtig", sagt Weidisch. Das werde auch von Experten so gewürdigt. Viel davon - und das ist auch eine Stärke - ist bis heute im Stadtbild vorhanden: Von Pumpenanlagen über Strom-, Gas- und Wasserwerken bis zum Schlachthof.

Zur Unesco-Serie

Bewerbung Elf historische, europäische Kurorte bewerben sich als "Great Spas of Europe" darum, von der Unesco als Weltkulturerbe anerkannt zu werden. Welche Argumente führt Bad Kissingen an, welterbewürdig zu sein? Die Saale-Zeitung beleuchtet einmal im Monat die Hintergründe der Serie. Der nächste Teil beschäftigt sich mit der Architektur der Weltbadzeit.

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