Bad Kissingen
Geschichte

Bad Kissingens Goldenes Buch ist 130 Jahre alt

Seit 130 Jahren führt Bad Kissingen ein Goldenes Buch, in das sich nur berühmte Persönlichkeiten eintragen dürfen. Es darf die Stadtgrenzen nicht verlassen, und wo es aufbewahrt wird, ist das Geheimnis des Oberbürgermeisters.
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Oberbürgermeister Kay Blankenburg zeigt die Frontispiz-Malerei von Adolph von Menzel, gemalt am 5. August 1889. Sigismund von Dobschütz
Oberbürgermeister Kay Blankenburg zeigt die Frontispiz-Malerei von Adolph von Menzel, gemalt am 5. August 1889. Sigismund von Dobschütz
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Keine Geringere als die deutsche Kaiserin Augusta Viktoria weihte am 25. Juli 1889 mit ihrem Eintrag auf der ersten Seite das Goldene Buch der Stadt Bad Kissingen ein. "Das Buch hat damit sofort einen großen Werth bekommen", war drei Tage später in der Heimatzeitung zu lesen. In den nachfolgenden 130 Jahren durften sich bis heute weitere 605 Persönlichkeiten aus besonderem Anlass oder wegen ihrer Verdienste in dem neun Kilogramm schweren Buch mit ihrer Unterschrift für die Nachwelt verewigen.

Wo genau im Rathaus das Gedenkbuch der Stadt aufbewahrt wird, ist wohl das bestgehütete Geheimnis des Oberbürgermeisters. Nur eines verrät Kay Blankenburg: "Es liegt nicht mit der goldenen Amtskette im selben Tresor." Blankenburg ist als Oberbürgermeister wie alle seine Amtsvorgänger der Hüter dieses für die Stadt einmaligen Schatzes.

Wohl aus Anlass des kaiserlichen Besuches hatte die Stadt vor 130 Jahren dieses "Gedenkbuch" bestellt, "in welches sich einzuschreiben alle Fürstlichkeiten, berühmte Persönlichkeiten usw., welche unseren Badeort besuchen, gebeten werden sollen". Das aus 130 Blättern aus handgefertigtem Papier mit kostbarem Goldschnitt und in starkem braunen Leder gebundene Buch - 36 Zentimeter hoch, 30 Zentimeter breit und sechs Zentimeter dick - wurde in der Hofbuchbinderei Paul Attenkofer in München hergestellt. In den Deckel sind als Rahmen die Worte "Gedenkbuch der Stadt Kissingen" in Großbuchstaben eingeschnitten, in der Deckelmitte prangt ein farbig gemaltes Stadtwappen in Form eines Medaillons.

"Unser Goldenes Buch ist ein Stück lokaler Zeitgeschichte Bad Kissingens", betont Blankenburg dessen Wertigkeit und Bedeutung. Nicht nur zu den seltenen Terminen eines Eintrags wird der schwere Lederband aus dem Tresor geholt. Auch bei Rathaus-Besuchen von Grundschulklassen wird als abschließender Höhepunkt das Goldene Buch im Trauzimmer vor staunenden Kinderaugen präsentiert. "Damit lassen sich Kinder leichter für Geschichte begeistern als mit den alten Römern", ist Blankenburg überzeugt. Er allein entscheidet wie alle seine Amtsvorgänger allein darüber, wer sich in das Buch eintragen darf. "Entweder die Person oder das mit ihr verbundene Ereignis muss eine Bedeutung für Bad Kissingen haben."

Von Bedeutung für die Kurstadt waren sicherlich die Besuche zahlreicher Repräsentanten europäischer Königs- und Fürstenhäuser zur Sommerfrische ebenso wie die mehrfachen Aufenthalte des Berliner Malers Adolph von Menzel, dem die Stadt das von ihm am 4. August 1889 gemalte Frontispiz auf dem Vorblatt des Gedenkbuches zu verdanken hat, oder die Urlaubsbesuche des Schriftstellers Theodor Fontane, dessen oft und gern in Bad Kissingen zitiertes Gedicht aus dem Jahr 1890 auch Oberbürgermeister Blankenburg schätzt, obwohl "ich mit Fontanes Texten nicht so richtig warm werde".

Blankenburg erinnert sich umso lieber an die nächtliche Mondlandung der Apollo-11-Astronauten im Sommer 1969, "als in Bayern am nächsten Tag schulfrei war". Deshalb zeigt er auch gern den Eintrag des ersten Mondspaziergängers Neil Armstrong (1930-2012), der ein Jahr später am 8. August 1970 die Stadt mit einem 70-minütigen Blitzbesuch überraschte. Ihm zu Ehren wurde das Goldene Buch sogar in den Regentenbau gebracht. Blankenburg: "Eigentlich finden solche Einträge im Trausaal statt, nur ganz selten in anderen Räumlichkeiten der Stadt."

Ein Gebot gilt allerdings seit 130 Jahren: Das in seinem ideellen Wert unschätzbare Gedenkbuch darf niemals die Stadtgrenzen verlassen. Doch auch diese Regel wurde einmal verletzt: Zwei Monate nach der Machtergreifung Adolf Hitlers bemühte sich auch Bad Kissingen wie viele andere Gemeinden im März 1933 um einen Eintrag des neuen Reichskanzlers. Zu diesem Zweck musste ihm allerdings das Buch in Berlin vorgelegt werden. Noch heute sind Auswirkungen dieser einzigen Regelverletzung spürbar. Als vor knapp zehn Jahren Charlotte Knobloch als Präsidentin des Zentralrats der Juden um einen Eintrag gebeten wurde, Blankenburg sie aber fairerweise frühzeitig auf Hitlers Eintrag von 1933 verwies, verweigerte Knobloch ihre Unterschrift.

Doch auch die Stadt verweigerte schon einen Eintrag: Als im Juni 1890 eine heute namentlich unbekannte Freifrau darum bat, sich ins Gedenkbuch der Stadt einschreiben zu dürfen, wurde ihr dies mit der Begründung verwehrt, das "Goldene Buch" sei nur für Berühmtheiten bestimmt. Ob die Freifrau sehr gekränkt war, ist nicht überliefert. Überliefert ist allerdings, dass in dieser Begründung erstmals der Begriff "Goldenes Buch" für das städtische Gedenkbuch dokumentiert ist.

Über 600 Einträge sind in den vergangenen 130 Jahren seit 1889 im "Gedenkbuch der Stadt Kissingen" nachzulesen. In moderner Zeit, in denen Kaiser und Könige selten geworden sind, ist auch die Zahl der Einträge rückläufig. Von den insgesamt 130 Blättern sind noch 45 unbeschriftet. Statistisch berechnet sollte das Gedenkbuch also noch mindestens für die kommenden 70 Jahre ausreichen.

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