Bad Kissingen
Feuerwehr

Bad Kissingens Drehleiter wurde nach Georgien verkauft

40 Jahre hat die einst nagelneue Drehleiter ihren Dienst getan. Über das Internet wurde sie jetzt für 5200 Euro an einen Bieter in Tiflis verkauft.
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41 Jahre, länger als viele aktive  Feuerwehrmitglieder, war Florian KG30/1 im Dienst. Als erste nagelneue Drehleiter kam sie 1978 zur Kissinger Wehr, inzwischen ist sie im 4000 Kilometer entfernten Tiflis in Georgien im Einsatz. Kommandant Harald Albert nimmt Abschied von dem Oldie, der bis vor wenigen Monaten im Einsatz war. Peter Rauch
41 Jahre, länger als viele aktive Feuerwehrmitglieder, war Florian KG30/1 im Dienst. Als erste nagelneue Drehleiter kam sie 1978 zur Kissinger Wehr, inzwischen ist sie im 4000 Kilometer entfernten Tiflis in Georgien im Einsatz. Kommandant Harald Albert nimmt Abschied von dem Oldie, der bis vor wenigen Monaten im Einsatz war. Peter Rauch

Sie war Star und Arbeitspferd zugleich, die Bad Kissinger Drehleiter DL 30, Baujahr 1978. Unter Kommandant Walter Brust und dem damaligen Bürgermeister Dr. Hans Weiß wurde die auf einem Magirusfahrgestell befindliche Drehleiter damals, also 1978, für etwas mehr als 300 000 DM beschafft. "Sie war zwar nicht Kissingens erste Drehleiter, aber sie war die erste nagelneue Drehleiter, die wir bekamen" erklärt etwas wehmütig der heutige Kommandant Harald Albert, "alle vorhergehenden Drehleitern waren gebraucht, kamen aus 2. Hand, meist von der Berufsfeuerwehr München zu der auch der damalige Oberbürgermeister gute Kontakte pflegte". "Nun hatten wir das erste nagelneue Drehleiterfahrzeug, das nun nach über 40 Jahren im Dienst der Kissinger Wehr nach Georgien verkauft wurde".

"Florian Kissingen DL30/1" wie das Gerät lange im Funksprechverkehr gerufen wurde, war nicht nur der Star, weil es neu war. Mit seiner bis auf 30 Meter Höhe ausfahrbaren Drehleiter war es auch Fotoobjekt und Mittelpunkt zahlloser Übungen. Da störte es wenig, dass der seitlich mitgeführte Arbeitskorb erst an der Leiterspitze eingehängt werden konnte - die Technik funktionierte, und in den 41 Jahren ihres Arbeitslebens gab es kaum Ausfälle, auch wenn alles noch mechanisch bedient werden musste.

Einmal im Jahr, und das bis in die neunziger Jahre, lieferte die Kissinger Drehleiter wirklich großes Kino: Wenn in der US-Kaserne vor angetretenem Militär und deren Angehörigen der riesige Weihnachtsbaum zum Leuchten gebracht wurde, war dies die Aufgabe des Weihnachtsmannes. Hoch von der Leiter herab verkündete er, dass Weihnachten vor der Tür steht.

Aber auch als Arbeitspferd wurde die DL 30/1 in der Kaserne benötigt. Sowohl bei den Großbränden der Bowlingbahn wie auch der PX-Commissary war sie im Einsatz. Ihre große Bewährungsprobe hatte Leiter allerdings schon Mitte des Jahres 1980 gehabt, als innerhalb von vier Wochen mit dem "Waldschlösschen", dem "Sunset" und dem "Studio 4" gleich drei Kissinger Lokale brannten. Immer war die Drehleiter bei den Einsätzen dabei.

Weil die Kissinger fast immer zwei Drehleitern haben, stand auch für die 30 Meter Leiter irgendwann eine Namensänderung an. Aus der DL30/1 wurde die DL30/2, denn auf Grund ihres Alters rutschte sie automatisch in die zweite Reihe, was aber nicht hieß, dass sie nicht weiterhin gebraucht wurde. Noch als gut "Dreißigjährige" musste sie wegen einer Brandserie öfter Mal in Richtung Burkardroth ausrücken - größere Strecken wollte man der alten Dame allerdings nicht mehr zumuten, sie blieb meist als Sicherheit für die Kissinger im Stall, wenn jüngere Leitern zu überörtlichen Einsätzen ausrückten.

Ihren letzten großen Einsatz hatte sie allerdings erst im Februar 2019, als es in Waldfenster zu einem größeren Brand eines Carports kam. Dann allerdings war Schluss, und sie wurde im Internet zum Verkauf angeboten. Für über 5200 Euro erhielt ein Bieter aus Georgiens Hauptstadt Tiflis den Zuschlag.

Bevor die Bad Kissinger Drehleiter in ihre neue Heimat aufbrechen konnte, sorgte sie jedoch noch einmal für große Aufregung. Überführungskennzeichen werden heute nur noch von der Zulassungsstelle ausgegeben. "Kein Problem, da der TÜV für das Fahrzeug ja noch bis 2020 gültig ist" dachte man bei der Kissinger Wehr, als man am Gründonnerstag mit Papieren und dem Abholer zur Zulassungsstelle fuhr. Dort allerdings musste man sich sagen lassen, dass die jährliche Sicherheitsüberprüfung um ein Monat überfällig sei und daher keine Kennzeichen ausgegeben werden dürften. Sicherheitsüberprüfung heißt, in eine für Lkw zugelassene Werkstatt zu fahren. Am Gründonnerstag schlossen aber sowohl Werkstätten wie auch Zulassungsstelle früher als üblich. Dennoch gelang es schließlich, die erforderlichen Papiere samt Stempel zu bekommen und sogar das Überführungskennzeichen wurde noch ausgedruckt. Allerdings galt dann über die Osterfeiertage ein Fahrverbot für Lastkraftwagen.

Also kam der Abholer, der im Ruhrgebiet wohnt, am Ostermontag ein zweites Mal, machte das Fahrzeug reisefertig und wollte wissen, ob er Mautpflichtig sei oder nicht, denn im Normalfall zahlen Feuerwehrautos keine Autobahnmaut. Am Ostermontag war darüber natürlich keine Antwort irgendeiner Behörde zu bekommen, und so ging es kurz vor 22 Uhr auf die Autobahn in Richtung Bamberg, Tschechische Grenze und von da weiter Richtung Rumänien und Bulgarien, um eine im voraus gebuchte Fähre zu besteigen, die über die Türkei dann auf dem Schwarzen Meer nach Georgien schippert.

Fast 4000 Kilometer sind es von Bad Kissingen nach Tiflis. Eine ganze Woche hat Dimitri Kiknadze für die Fahrt eingeplant, dann geht es mit dem Flieger wieder von Georgien zurück nach Essen, um in den kommenden Wochen weitere Lkw in die ehemalige Sowjetrepublik zu bringen.

Die Kissinger Drehleiter wird vermutlich noch jahrelang in dem jungen Staat ihren Dienst verrichten, auch wenn es mit Originalersatzteilen gerade für den Leiteraufbau noch schwieriger sein wird als hier bei uns.

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