Bad Kissingen
Rückkehrer

Bad Kissingen: Zum High Tech Job in die Heimat

Anna-Lena Van de Weyer forscht am Max-Planck-Institut. Jetzt zieht es die Bioinformatikerin nach Hause: in die Molekularbiologie eines Großlabors.
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Bioinformatikerin Anna-Lena Van de Weyer betreibt derzeit noch Grundlagenforschung beim Max-Planck-Institut in Tübingen Foto: Benedikt Borst
Bioinformatikerin Anna-Lena Van de Weyer betreibt derzeit noch Grundlagenforschung beim Max-Planck-Institut in Tübingen Foto: Benedikt Borst
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Auf dem Flachbildschirm vor Anna-Lena Van de Weyer rattern Zahlenkolonnen vorbei. Der kleine Monitor rechts zeigt komplizierte Grafiken und Schaubilder. "Ich untersuche das Immunsystem von Pflanzen, also wie sich Pflanzen gegen attackierende Lebewesen wehren", sagt sie. Für ihre Doktorarbeit betreibt die Bioinformatikerin eigentlich Grundlagenforschung und zwar am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen. Zur Zeit arbeitet sie jedoch im Home-Office von ihrem Elternhaus in Thulba aus. So hat die Akademikerin Zeit für Ehemann Nico und das neun Monate alte Söhnchen Maximilian.

Forschung an Immungenen

Anders als Menschen und Tiere haben Pflanzen kein Immunsystem, das sich entwickelt und auf Erreger einstellt. Bei ihnen sind die Schutzmechanismen genetisch festgelegt. Van de Weyer untersucht die Gene der Acker-Schmalwand, einer weltweit verbreiteten Pflanzenart. "Ich untersuche, was die Pflanze für Gene hat und was sie bewirken." Im Endeffekt geht es darum, Gene herauszufinden, die für die Züchtung in Frage kommen, etwa weil sie eine Pflanze gegen einen Pilz widerstandsfähiger machen. "Über übliche Kreuzungsmethoden lassen sich die Immungene in eine Nutzpflanze einpflanzen", erklärt sie.

Bis Ende des Jahres will die Bioinformatikerin ihre Doktorarbeit weitestgehend abgeschlossen haben. "Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass ich dann zu Großkonzernen wie BASF und Bayer in die Zentren gehe", sagt Van de Weyer. Nach der Geburt ihres Sohnes ist sie davon aber abgerückt. Es zieht sie zurück in die Heimat. Im Januar wird sie in der molekularbiologischen Abteilung im Bad Kissinger Großlabor Laboklin anfangen. "Wir haben gemerkt, dass sich unsere Prioritäten verschoben haben, von ,das Beste für die Karriere' hin zu ,das Beste für das Leben", sagt die 29-Jährige. Wobei das nicht heißen soll, dass sie in Bad Kissingen auf ihre Karriere verzichtet. "Die Stelle passt wie die Faust aufs Auge. Das hätte ich in Würzburg so nicht gefunden."

Obendrauf zu einem guten Job bekommt sie Lebensqualität in der Heimat: Ein großer Familien- und Freundeskreis, die Mittelgebirgslandschaft der Rhön mit Naturpark und Biosphärenreservat, kurze Wege auf dem Land und deshalb keine verplemperte Zeit beim Pendeln zur Arbeit. Van de Weyer: "Du hast hier viele Möglichkeiten. Das ist kein Niemandsland."

Spezialistin für Datenmengen

Für Laboklin-Geschäftsführerin Elisabeth Müller ist ein Rückkehrer wie Anna-Lena Van de Weyer ein Glücksgriff. "Sie kommt aus der Region, hat eine gute Ausbildung und könnte überall in Deutschland einen Job finden", sagt die promovierte Tierärztin. Laboklin bietet tiermedizinische Labordienstleistungen, von der Blutuntersuchung für Tierärzte bis zur Genanalyse für Tierzüchter.

Ein Drittel der 400 Laboklin-Mitarbeiter ist Akademiker. Um den Fachkräftebedarf des Unternehmens zu decken, muss Müller "an allen Fäden ziehen". Ihre Labormitarbeiter findet sie in der Region, zum Beispiel über eine Kooperationen mit der Fachhochschule in Coburg. Im Akademiker-Bereich müht sich Müller bundesweit, um die benötigten Spezialisten zu bekommen. Ihrer Erfahrung nach sind Fachkräfte aus der Großstadt schwer für das Leben auf dem Land zu begeistern. Sie tun sich schwer, sich einzuleben und bleiben oft nicht lang im Betrieb. "Jemanden aus Berlin kriege ich nicht", sagt Müller. Das sei jedoch oft Einstellungssache, die Region dürfe ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen. "Natürlich gibt es Limitierungen was das Angebot angeht. Gerade für die Leute aus dem ländlichen Bereich gilt: Man muss einmal in in einer Großstadt gelebt haben, damit man schätzen lernt, was es heißt in zehn Minuten auf der Arbeit zu sein."

Bei Van de Weyers Untersuchungen fallen riesige Datenmengen an. Das Genom der Acker-Schmalwand besteht beispielsweise aus 170 Millionen Gen-Buchstaben. Bei Tieren ist das Genom zwar um ein Vielfaches größer, die Analysemethoden lassen sich aber übertragen. Für Laboklin soll Van de Weyer mit einer neuen Methode die Gene von Tieren untersuchen.

Bei Züchtern gehe der Trend zu Big Data. Deshalb will Laboklin mit einer einzigen Untersuchung möglichst viele relevante Gene unter die Lupe nehmen. "Da geht es um Identitätsbestimmungen und um die Erkennung von Erbkrankheiten", erklärt Müller. Stammt ein Welpe tatsächlich vom angegeben Rassehund ab oder hat er vielleicht Erbkrankheiten, so dass er später nicht zur Zucht taugt? "Es gibt eine Vielzahl an Daten pro Test abzugreifen und die müssen entsprechend verarbeitet werden", sagt die Geschäftsführerin. Und dafür braucht sie Experten wie Van de Weyer.

Infos, Zahlen und Fakten rund um Laboklin

Geschichte Das Labor für klinische Diagnostik wurde 1989 von Elisabeth Müller und den Gründern des L+S Labors Rüdiger Leimbeck und Bernd Sonnenschein aufgebaut. Anfangs war das "Labor für Tierärzte" in der Prinzregentenstraße untergebracht, 2006 zog es in die ehemalige US-Kaserne. 2012 wurde das Gebäude erweitert. 1997 eröffnete die erste Filiale im Ausland. Heute gibt es Zweigstellen und Repräsentanten in mehr als 20 Ländern.

Mitarbeiter Laboklin hat rund 400 Beschäftigte, davon arbeitet der Großteil am Hauptsitz in Bad Kissingen.

Bereiche Das Unternehmen hat sich auf vier Fachbereiche spezialisiert: Pathologie, klinisches Labor, Mikrobiologie sowie Molekularbiologie.



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