Bad Brückenau
Vortrag

Vortrag in Bad Brückenau: Liebe kann auch schiefgehen

Altphilologe Niklas Holzberg gastiert mit Ovid und Petron am Bad Brückenauer Franz-Miltenberger-Gymnasium.
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Aufmerksam lauschten die Schüler den Ausführungen des Altphilologen Niklas Holzberg. Foto: Leonhard Salzer
Aufmerksam lauschten die Schüler den Ausführungen des Altphilologen Niklas Holzberg. Foto: Leonhard Salzer

Nicht weniger als die komplette Bandbreite an Kompositionselementen und Erzählstrategien der drei klassischen literarischen Gattungen der antiken Literatur - Lyrik, Drama und Erzählliteratur - in nur 90 Minuten schildern? Das war auf den ersten Blick das tollkühn wirkende Ansinnen des emeritierten Professors für Lateinische Philologie der LMU München, Niklas Holzberg, das seinem Vortrag vor den am Fach Latein interessierten und Schülern der 10. und 11. Klasse des Franz-Miltenberger-Gymnasiums zugrunde lag.

Bogen zu Komödienstadel oder Telenovela geschlagen

Hierfür illustrierte der anerkannte Experte für die Dichtung der Zeit des Kaisers Augustus am Beispiel der Erzählung vom unglücklichen Liebespaare Pyramus und Thisbe aus den Metamorphosen des Dichters Ovid. Als Lyriker begann Ovid seine Karriere mit Elegien in seinem Erstlingswerk "Amores", Liebesgedichten, in denen ein unglücklicher Verliebter seiner Geliebten Corinna vor ihrer verschlossenen Haustür seine Liebe offenbart. Das elegische Motiv tritt zu Beginn der Episode von Pyramus und Thisbe ins Übertriebene gesteigert zutage, sind doch die beiden Haus an Haus aufgewachsenen jungen Verliebten nach dem Willen ihrer Väter voneinander weggesperrt, sodass sie sich gegenseitig ihre wehmütigen Liebesklagen durch eine Ritze in der beide Häuser trennenden Wand zuflüstern müssen. Diese Konstellation erinnere, so Holzberg, zugleich an die antike Komödie als Vertreterin des Dramas, in dem traditionell am Ende - wie in einem zünftigen Komödienstadel oder einer schmachtfetzernen Telenovela-Folge - ein in unmittelbarer Nähe lebendes Liebespaar nach mehreren Irrungen und Wirrungen zusammenfinde. Wobei sich das Verwirrspiel den Gegebenheiten der antiken Theaterbühnenarchitektur mit einer feststehenden Bühnenfassade (altgriechisch skené) an nur einem Ort abspiele.

Als die Verliebten sich aber eines Tages dazu entschließen, nächtens das Elternhaus zu verlassen und sich an einem idyllischen Ort außerhalb der Stadt zu treffen, wird dem versierten Leser klar, dass Ovid durch den Wechsel der Szenerie ein typisches Merkmal der Erzählliteratur, nämlich des Epos und des in der Antike zweitrangigen Romans, verwendet und nun mit all ihren, für ein junges Pärchen eher unannehmlichen Implikationen, nämlich Abenteuern und lebensbedrohlichen Gefahren, zu rechnen ist.

Folglich flieht die als erste am Treffpunkt eingetroffene Thisbe vor einem Löwen, der ihren verlorenen Schleier mit seinem blutverschmierten Maul in Stücke reißt, in eine Höhle. Ovid spiele laut Holzberg im Folgenden ganz bewusst mit der Erzähltradition, indem er Pyramus beim Anblick der Schleierfetzen glauben, sie sei von einem Löwen verschlungen worden, und eine lange todessehnsüchtige Klage sprechen lasse, sodass mit einer für die Erzählliteratur typischen Rettung in letzter Sekunde, wie sie noch heute in Filmen, wie beispielsweise in "Toy Story 3". eingesetzt werde, zu rechnen wäre. Doch ein Happy End bleibt überraschenderweise aus: Pyramus entschließt sich zum Suizid und Thisbe, deren Liebe maximal elegisch nicht mehr erwidert werden kann, schließt sich ihm daraufhin an.

Diesem literarisch virtuosen Spiel stellt der Altphilologe die parodistische Kombination unterschiedlicher Stilelemente im nur fragmentarisch überlieferten Roman "Satyricon" des Petron gegenüber. Dieser verwendet anstelle des obligatorischen Liebespaares drei homosexuelle Protagonisten, die wie im Epos üblich auf Irrfahrten unterwegs sind und bei einem Gastmahl des Neureichen Trimalchio landen, das durch einzelne Anspielungen und die häufige Todesthematik auf den für das Epos typischen Gang in die Unterwelt verweist.

Zeitlosigkeit der antiken Literatur

Somit ist Holzberg der einleitend angekündigte Parforceritt nicht nur inhaltlich geschickt und gewitzt, kurzweilig und pünktlich zum am Stundenende erschallenden Gongschlag geglückt. Vielmehr vermochte er es ferner, mit den unterschiedlichen Querbezügen zu Film, Fiction und Fernsehen letztlich Einfluss wie auch Zeitlosigkeit der Hauptwerke antiker Literatur anschaulich und einleuchtend zu vermitteln.Leonhard Salzer

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