Roßbach
Interview

Vogelschutz in der Rhön: Klimawandel als größte Bedrohung

Er ist der erste Vogelschützer im Landkreis und verdient privat mit Windrädern Geld. Für Norbert Schmäling ist das kein Widerspruch - ganz im Gegenteil.
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Norbert Schmäling ist Geschäftsführer des Windparks Langes Schiff bei Münnerstadt. Gleichzeitig engagiert er sich als Kreisvorsitzender  beim Landesbund für Vogelschutz. Foto: Archiv/Thomas Malz
Norbert Schmäling ist Geschäftsführer des Windparks Langes Schiff bei Münnerstadt. Gleichzeitig engagiert er sich als Kreisvorsitzender beim Landesbund für Vogelschutz. Foto: Archiv/Thomas Malz
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Mit seiner positiven Haltung zur Nutzung der Windenergie hat sich Norbert Schmäling, Kreisvorsitzender des Landesbundes für Vogelschutz (LBV), zumindest großes Unverständnis bei vielen Roßbachern und Weißenbachern eingefangen. Im Gespräch mit der Saale-Zeitung stellt er klar: Er ist gegen Windräder im Roßbacher Forst, auch wenn er den Bau von Windkraftanlagen nachdrücklich unterstützt.

Als Vogelschützer kommentieren Sie den geplanten Windpark im Roßbacher Forst. Privat verdienen Sie am Bürgerwindpark bei Münnerstadt mit. Hat das nicht ein Geschmäckle?

Norbert Schmäling: So könnte nur jemand fragen, der mich nicht kennt. Ich bin seit 40 Jahren aktiver Vogelschützer und genauso lange jemand, der aktiv daran arbeitet, für erfolgreichen Vogel- und Artenschutz die grundlegende Voraussetzung zu schaffen - nämlich stabile Klimaverhältnisse. Windkraft und Artenschutz, für mich ist das ein Tandem, das die Welt in eine bessere Zukunft führt.

Wie meinen Sie das?

Wenn ich meine Mit-Welt schützen will - und jetzt rede ich als Norbert Schmäling und nicht als Vertreter des LBV -, dann muss ich mir die Frage stellen, wovor ich die Natur schützen will. Da gibt es kleine und große Bedrohungen und alles ist im Fluss. Für die meisten Menschen auf der Welt - und auch für mich - ist die mit Abstand größte Bedrohung für Tiere und Menschen langfristig die schon jetzt spürbare, menschengemachte Erderhitzung. Biologen sprechen inzwischen vom sechsten großen Artensterben der Erdgeschichte. Unsere gewohnten Arten haben es schwer, sich an diese Klimaveränderung anzupassen.

Ein Beispiel?

Nehmen wir das Rotmilan-Projekt im Biosphärenreservat: 77 Revierpaare wurden untersucht. Nahezu die Hälfte der Bruten im Jahr 2018 hatte keinen Erfolg. Viele Tiere kamen mit dem Extremwetter, dem kalten März und dem trockenen und heißen April, nicht zurecht. Ähnlich erging es dem Steinkautz! Diese Wetterextreme nehmen laut den Fachleuten immer weiter zu. Fragen Sie Professor Heiko Paeth von der Universität Würzburg! Der hat das für Unterfranken durchgerechnet und kommt zu katastrophalen Ergebnissen. Um den Klimawandel einzudämmen, müssen wir so schnell wie möglich aus fossiler Energienutzung aussteigen. Und da niemand ohne Strom leben will und kann, muss die Alternative erneuerbare Energien heißen - mit den zwei stärksten Säulen Solarenergie und Windenergie.

Laut der Deutschen Wildtierstiftung sterben jährlich bis zu 250.000 Fledermäuse und mehr als 12.000 Greifvögel durch Windkraftanlagen. Können Sie als Vogelschützer diese Zahlen ignorieren?

Ich muss diese Zahlen sogar ignorieren, weil sie völlig aus der Luft gegriffen sind und von einer privaten Einrichtung verbreitet werden, deren Alleinvorstand der glühende Atombefürworter und Deutschlands bekanntester Leugner des menschengemachten Klimawandels ist: Fritz Vahrenholt. Ich vermute, dass sich die Basisdaten dieser tendenziösen Hochrechnung auf die zentrale Fundkartei der Staatlichen Vogelschutzwarte im Landesamt für Umweltschutz Brandenburg stützen. Hier werden registrierte Todschlagfunde unter Windkraftanlagen seit dem Jahr 2002 gesammelt. In Bayern stehen zum Ende des Jahres 2018 insgesamt 1160 Windkraftanlagen, und es gab zwei registrierte Totschlagfunde beim Rotmilan innerhalb von 17 Jahren.

Und wie steht es um die Fledermäuse?

Seit mindestens fünf Jahren ist Bestandteil jeder Genehmigung eines Windrades, den Fledermausschutz wenn nötig durch einen Abschalt-Algorithmus zu gewährleisten. Das heißt: Von März bis Oktober schaltet sich die Windkraftanlage jede Nacht, in der Fledermaus-Flug wahrscheinlich ist, automatisch ab. Diese technische Weiterentwicklung hat sich zum Schutz der Fledermäuse bestens bewährt. Es gibt keinen nennenswerten Totschlag von Fledermäusen durch Windräder mehr.

Die Deutsche Wildtierstiftung spricht sich ausdrücklich gegen Windräder im Wald aus. Der LBV sieht sie zumindest kritisch. Ist der Roßbacher Forst überhaupt für einen Windpark geeignet?

Eine Stellungnahme dazu hat der LBV ja bereits abgegeben. Grundsätzlich vertrete ich privat die Auffassung, dass das Landschaftsschutzgebiet Bayerische Rhön nicht für alle Zeiten von erneuerbaren Energieanlagen befreit bleiben kann. Sicher, in den Orten stehen PV-Anlagen auf vielen Dächern, aber das genügt nicht, wenn Deutschland die Klimaziele des Pariser Abkommens erreichen möchte. Das bedeutet für mich: Windkraftanlagen an geeigneter Stelle und Solarparke entlang der Autobahn, auch im Schutzgebiet. Wir sind das der Generation Greta und ihrer Bewegung "Fridays for Future" schuldig. Am 15. März wird es übrigens den ersten Schulstreik und eine Demo fürs Klima in Münnerstadt geben. Die jungen Veranstalter baten mich, hier schon mal dazu einzuladen.

Sie sind also für den Windpark im Roßbacher Forst?

Ich bin niemals ein Freund und Verfechter von Windkraftanlagen im Roßbacher Forst gewesen. Experten sollten untersuchen, wo im Landschaftsschutzgebiet Windräder gebaut werden könnten, damit auch dieser Teil des Landkreises seinen Beitrag leistet. Nicht geeignet erscheint mir dafür der Roßbacher Forst.

Gibt es Schwarzstörche im Roßbacher Forst?

Definitiv. Der Schwarzstorch ist da und er brütet auch in der Region. Außerdem gibt es eine Menge Rotmilane. Im Roßbacher Forst gibt es eine Artenvielfalt, die das Herz jedes Ornithologen höher schlagen lässt.

Das Gespräch führte Ulrike Müller.

Zur Person

Vita Norbert Schmäling ist 59 Jahre alt und stammt aus Römershag. Er ist Kreisvorsitzender des Landesbunds für Vogelschutz (LBV) und sitzt seit 2014 für die ödp im Kreistag. 2008 kandidierte er - noch parteilos - als Landrat. Zudem ist er als Permakultur Selbstversorger-Gärtner bekannt und bietet regelmäßig Vogelstimmen-Wanderungen an.

33 Windräder stehen im Landkreis Bad Kissingen. Zwölf weitere sind genehmigt und werden heuer gebaut. Zum Vergleich: Im benachbarten Main-Kinzig-Kreis (Hessen) gibt es 98 Windkraftanlagen.

60 Prozent der Fläche des Landkreises Bad Kissingen ist von Windkraftnutzung ausgeschlossen - wegen des Naturparks und Landschaftsschutzgebiets Bayerische Rhön. Auch der Roßbacher Forst zählt dazu.

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