Staatsbad Brückenau
Konzert

Open Air im Staatsbad: Pur und das graue Haar

Vor drei Jahren spielten "Pur" schon mal im Staatsbad Brückenau. Jetzt tauchten die Pop-Rocker "Zwischen den Welten" ab. Was das mit kostümierten Affen, Indianern und grauen Haaren zu tun hat.
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Er hat's noch immer drauf: Pur-Sänger Hartmut Engler feierte mit den Fans beim Open Air im Staatsbad Brückenau, gab aber auch sehr Persönliches preis.Steffen Standke
Er hat's noch immer drauf: Pur-Sänger Hartmut Engler feierte mit den Fans beim Open Air im Staatsbad Brückenau, gab aber auch sehr Persönliches preis.Steffen Standke
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Wie war das mit dem "Grauen Haar"? Vor 24 Jahren hatte Pur-Frontmann Hartmut Engler über erste Anzeichen fürs Altwerden gesungen. Und heute? Müssen die Herren sich bald selbst mit der Pop-Rock-Rente auseinandersetzen. Altersschwach geriet der Auftritt von Pur im Staatsbad Brückenau aber nie.

"Zwischen den Welten" heißt das Motto der Pur-Tour 2019, genauso wie das erste Album der Schwaben seit drei Jahren. Im Staatsbad Brückenau bedeutete das zunächst ein ständiges Wechseln zwischen Songs der neuen Platte und Hits der 1990er. Wobei die Klassiker wie das als Drittes gespielte "Ich lieb' dich (Egal wie das klingt)" eindeutig besser ankamen. Die Fans sangen Wort für Wort mit - egal, ob Ü40 oder ganz jung von Mutti und Papi ans Gesamtwerk herangeführt. Pur - das scheint Musik für Generationen zu sein; auch wenn zuletzt große Hits ausblieben.

Auch auf "Hör gut zu" brauchten die Besucher nicht lange zu warten. Dann kam der Bruch. Engler, bis dahin professionell dynamisch und gut gelaunt unterwegs, kündigte "das Lieblingslied meiner Mama" an. "Wenn sie diesen Tango hört" von 1991 handelt von einer Frau, die ihren geliebten Mann verloren hat, mit dem sie sich in den schweren Jahren nach dem Krieg Existenz und Familie aufbaute. Es folgte "Anni", der Zwillings-Song, den Engler seiner Mutter zu deren 90. Geburtstag 2015 widmete.

Als wäre das nicht persönlich genug, schickte der Frontmann, sich Tränen verkneifend, bewegende Worte hinterher. Den 91. Geburtstag, sagte er, habe er noch mit seiner Mutter feiern dürfen. "Den 92. hat sie schon da oben erleben dürfen", ergänzte Engler, auf den Himmel deutend. Der emotionalste Moment des Konzertes, auch, weil der Sänger nachschob: "Und ich hoffe, sie hat den Papa dort getroffen und sie haben es beide krachen lassen." Vor der Bühne betretenes Schweigen.

Weiter ging's mit "Prinzessin", dann der erneute Break: Plötzlich stand der Sänger in Ledermantel, Offiziersmütze und Sonnenbrille auf der Bühne. Dazu hämmerte das den Populismus anklagende "Bis der Wind sich dreht" durch die Boxen, gefolgt von "Neue Brücken" über die Gleichgültigkeit der Wohlstandsmenschen gegenüber den Nöten der 3. Welt.

Songs, die vor einem Vierteljahrhundert entstanden. Engler gab zu, dass er gehofft hatte, "dass wir solche Lieder nicht mehr spielen müssen". Doch es sehe aktuell böse aus in der Welt. Sagte Engler und schickte ein starkes Bekenntnis zu Demokratie und einem toleranten Miteinander hinterher.

"Affen im Kopf", ein Stück vom neuen Album, schmälerte den starken Eindruck etwas. Die um Engler herumhüpfenden Menschen in Affenkostümen hätte es nicht gebraucht. Sei es, wie es sei: Das Konzert steuerte auf sein Finale zu. "Abenteuerland", das der 57-Jährige im alten Zirkusumhang sang, brachte die Partystimmung zurück. Ein Medley, laut Engler "gut gemixt und wohlgerockt", handelte Songs wie "Guter Stern", "Herzbeben" und "Wenn du da bist" kurz und prägnant ab. "Indianer" sahen die Zuschauer mit einem Frontmann im bunten Federschmuck. "Funkelperlenaugen" kündigte der 57-Jährige als "Klassiker, neu erfunden" an. Was vor allem bedeutete, dass er das Lied spontan mit dem Publikum zusammen Karaoke und als Kanon sang. Jetzt gehorchte das Publikum ihm voll und ganz. "Lena" endete als letztes Stück des offiziellen Teils in einem Lichtgewitter und einem Brei aus Jubeln und Brüllen.

Die erste Zugabe erfuhr ihre besondere Würze durch den Gastauftritt der Sängerin Leonie Karakaya, die mit einem Pur-Cover bei einer ProSieben-Musiksendung brilliert hatte. Gemeinsam gab's noch mal "Abenteuerland", aber auch "Drachen sollen fliegen" und "Hab mich mal wieder an dir betrunken".

Und "Ein graues Haar"? Spielte die Band gar nicht, zumindest nicht bis nach der ersten Zugabe. Doch als die Lichter erloschen und Pur scheinbar endgültig von der Bühne verschwand, stimmten die Fans in den vorderen Reihen das Lied an: "Ein graues Haar, wieder geht ein Jahr. Alles Gute, Danke, klar..." Und ließen sich auch durch die immer länger werdende Stille auf der Bühne nicht beunruhigen.

Ihr Gesang wurde erhört, auch wenn Hartmut Engler zunächst gemeinsam mit der Vorband "Die Fünf" "Zu Ende träumen" anstimmte.

Doch dann kündigte der Frontmann ihn an, den "Problemsong, der nicht so einer ist", weil ein Besuch beim Friseur "ab und zu" das Problem ja lösen würde. Und so stimmten die Fans ein, ebenso Sängerin Leonie und die "Fünf": "Ein graues Haar, wieder geht ein Jahr. Immer noch ein Grund zu feiern..." Immer wieder, immer gern, mit Pur im Staatsbad Brückenau.

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