Oberbach
Biosphärenreservat

Manche mögen's kalt und feucht

Pflanzen, Insekten, Schnecken, Pilze und Vögel wurden seit vier Jahren in der Rhön kartiert. Allein rund 700 Käferarten wurden beim Monitoring gezählt, eine Vielzahl ist vom Aussterben bedroht. Und noch ein Phänomen wurde beobachtet.
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Totholz in Kernzonen ist ein optimaler Lebensraum für Kleinstlebewesen.  Foto: Marion Eckert
Totholz in Kernzonen ist ein optimaler Lebensraum für Kleinstlebewesen. Foto: Marion Eckert
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In der Kernzone des Biosphärenreservates soll sich die Natur vom Menschen möglichst unbeeinflusst, gemäß ihrer eigenen Dynamik entwickeln. Der Mensch tritt hier lediglich als Beobachter auf. 104 Kernzonen auf 7369 Hektar Gesamtfläche gibt es im gesamten Biosphärenreservat. Dr. Tobias Gerlach von der Bayerischen Verwaltungsstelle des Biosphärenreservates betreut Forschungsprojekte und das ökologische Monitoring im bayerischen Teil des Biosphärenreservates Rhön. Er ist verantwortlich für die Konzeption und Koordination von Kernzonenforschung und -monitoring.

Seit vier Jahren wurde eine Kartierung der vorhandenen Arten vorgenommen, die nun abgeschlossen sei; Pflanzen, Insekten, Schnecken, Pilze und Vögel wurden kartiert. Im Biosphärenzentrum Haus der Schwarzen Berge in Oberbach sprach er über die Ersterfassung der verschiedenen Käferarten und erste Erkenntnisse. Auffallend sei, dass in der Rhön auch ausgesprochen wärmeliebende Arten, die sonst nur in warmen Flusstälern von Weinbauregionen vorkommen, heimisch sind. Dazu zähle der vom Aussterben bedrohte Trauerrosenkäfer, der vor allem in Nordafrika und dem restlichen Mittelmeerraum vorkomme.

Ob dieses Vorkommen ein Anzeichen für den Klimawandel sei, diese Frage könne derzeit nicht eindeutig beantwortet werden. Es sei ein Phänomen, das beobachtet werde. "Es könnte ein Trend sein", so Gerlach, denn gleichzeitig seien Kälte liebende Arten nicht mehr gefunden worden. Ob dies nur ein Zufall war und die Arten noch da sind und sich bei späteren Kontrollen wieder zeigen müsse abgewartet werden. Dennoch gebe es auch in den  Kernzonen Lebensräume für Kälte und Feuchtigkeitsliebende Käfer, sie finden im "Urwaldklima" der Rhön in den schattigen Schluchtenwäldern wie am Lösershag ihren Lebensraum.

Wie auf kleinen Inseln

Die Kartierung zeigte ein großes Netz an ganz unterschiedlichen Lebensräume für Kleinstlebewesen. "Viele Arten leben wie auf kleinen Inseln, die großflächige Vernetzung von Lebensräumen fehlt aber." Das bedeute, dass die Arten bei der Veränderung ihrer Lebensräume kaum eine Möglichkeit haben, diesen zu verlassen und sich neue Bereiche zu suchen, die besser zu ihren Anforderungen passen. "Diese Verinselung verhindert eine Anpassung an den Klimawandel und führt zur genetischen Verarmung, der Austausch fehlt", sagt Gerlach. Welche Erkenntnisse für das Biosphärenreservat Rhön und die Vernetzung der Kernzonen zu ziehen sind, das müsse gesondert diskutiert werden.

Rund 700 Käferarten wurden beim Monitoring kartiert, eine Vielzahl befindet sich auf der Roten Liste, ist also vom Aussterben bedroht. Dies sei eine große Vielfalt, betonte Gerlach, denn die Rhön biete eben auch ganz unterschiedliche Lebensräume von trocken bis sehr feucht. Die Käfer wurden per Hand gesammelt oder durch Insektenfallen sogenannte Lufteklektoren. Die Bestimmung der Arten wurde zum Teil von Tobias Gerlach und seinem Team vorgenommen, vieles musste aber auch an externe Experten weitergeleitet werden. Manche Käfer seien nicht größer als zwei Millimeter. Die Bestimmung sei nur unter dem Mikroskop möglich. Zudem sei die Artenvielfalt so groß, dass nur Experten die Bestimmung korrekt vornehmen können. Alleine in Deutschland gibt es 7000 Käferarten.

Die Kernzonenforschung sehe vor, dass in einem Intervall von einigen Jahren erneut überprüft werde, wie sich die Artenvielfalt verändere. Abhängig von der Art werde der Intervall individuell angepasst. "Die Kernzonenforschung hat gerade erst begonnen", zeigte Gerlach auf. Doch die Rhön sei ein Schatz mit einer große Artenvielfalt durch unterschiedliche Waldlebensräume. Die Nutzungsaufgabe sei die "Stunde Null" der natürlichen Walddynamik. Vegetationsaufnahmen werden jährlich erfolgen, wobei auch die Einflüsse von Niederschlagsmengen und Temperaturen beim Kernzonenmonitoring eine große Rolle spielen.

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