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Sinntal
Missbrauchs-Prozess

Lebenslanges Berufsverbot für Sporttherapeut

Der 46-jährige Angeklagte muss ins Gefängnis. Ein weiteres Opfer sagte am letzten Prozesstag aus.
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Der 46-jährige Angeklagte ist wegen körperlich und sexuell motivierte Übergriffe auf Kinder und Jugendliche verurteilt worden. Foto: Ulrich Schwind
Der 46-jährige Angeklagte ist wegen körperlich und sexuell motivierte Übergriffe auf Kinder und Jugendliche verurteilt worden. Foto: Ulrich Schwind

Zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und zehn Monaten ist der 46-jährige Angeklagte im Sinntaler Missbrauchs-Prozess verurteilt worden. Damit ahndete die erste große Strafkammer am Landgericht Hanau 50 körperlich und sexuell motivierte Übergriffe von ihm auf Kinder und Jugendliche.

Angeklagt war der Kampfsporttrainer und Sporttherapeut ursprünglich wegen 330 Einzeltaten an jungen Menschen im Alter von fünf bis 21 Jahren, die sich in seinem Sportstudio in Sinntal-Sterbfritz im Zeitraum von Januar 2012 bis Dezember 2017 zugetragen haben sollten. Staatsanwältin Juliane Thierbach hatte ein Strafmaß von vier Jahren und zehn Monaten gefordert, Verteidiger Matthias Reuter von drei Jahren. Die weiteren 280 Fälle wurden eingestellt, weil sie laut Richter Dr. Peter Graßmück bei der Urteilsfindung nicht ins Gewicht gefallen wären. Die Entscheidung wurde erneut vor leeren Zuschauerrängen bekannt gegeben.

Im Einzelnen wurde der Beschuldigte in insgesamt 50 Fällen wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes in Tateinheit mit Körperverletzung, sexuellen Missbrauchs unter Ausnutzung eines Behandlungsverhältnisses, sexuellen Missbrauchs eines Jugendlichen sowie einfacher und gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Graßmück berücksichtigte beim Strafmaß eine verminderte Schulfähigkeit des Angeklagten und verhängte gegen ihn ein lebenslanges Berufsverbot. Der 46-Jährige darf nie mehr als Sporttrainer und Therapeut mit jungen Menschen bis zum 21. Lebensjahr arbeiten.

Der Verurteilte nahm das Urteil äußerlich regungslos auf. In seinem Schlusswort hatte er zuvor erstmals vor Gericht einen Redebeitrag geliefert. Er bedauerte die Vorfälle. Er habe "sehr viel angerichtet". Ob er dieses jemals wieder gut machen könne, wisse er nicht. Er wolle es aber zumindest versuchen. Er betonte, von sich aus künftig nicht mehr als Therapeut arbeiten zu wollen. Wichtig sei nun, dass es den "Jungs" wieder gut gehe.

Richter Graßmück erklärte, die verurteilten Taten hätten sich von der Schwere her jeweils im unteren Bereich der Delikte bewegt. Gleichzeitig habe sich auch das Geständnis des Mannes bei den Körperverletzungen strafmildernd ausgewirkt. Die sexuellen Übergriffe hatte er bis zuletzt bestritten. Der Vorsitzende stützte sich bei seinem Urteil auf die absolut glaubwürdigen Aussagen der insgesamt fünf Opfer. Nachdenklich machten ihn die "deutlichen Parallelen" zu den Taten in seiner Heimatstadt Rheda-Wiedenbrück, die zu einer Verurteilung des 46-Jährigen im Jahr 1996 vor dem Amtsgericht Gütersloh zu einer Bewährungsstrafe von 22 Monaten führten.

Der gestrige Prozesstag hatte mit der Vernehmung eines weiteren Opfers begonnen. Der 22-Jährige hatte im Jahr 2011 mit Kampfsporttraining in dem Sportstudio begonnen. Im Frühjahr 2012 hatte er Leistenprobleme und ließ sich vom Angeklagten behandeln. Wie andere Opfer auch schilderte er, wie er sich zur Behandlung regelmäßig komplett entkleiden musste. Dabei habe der 46-Jährige auch regelmäßig seinen Penis angefasst. Bei anderen Situationen riss er Haare aus seinem Gesäß-Bereich und schlug ihn zur Bestrafung an diese Stelle. Am heftigsten war eine "Untersuchung", um angeblich eine Durchfall-Erkrankung zu erkennen. Dabei steckte der Angeklagte auch einen Finger in den After des Opfers. Als Jugendlicher habe er damals nicht daran gedacht, sich gegen die Übergriffe zu wehren. Im Laufe der Zeit hätten ihn die Vorfälle stark psychisch belastet und beispielsweise Schlafprobleme ausgelöst.

Der psychiatrische Gutachter Dr. Thomas Holzmann bestätigte noch einmal seine Einschätzung über das Krankheitsbild des Angeklagten. Narzisstische und sadistische Züge und Minderwertigkeitsgefühle, was zu einer Persönlichkeitsstörung führe.

Richter Graßmück betonte, es komme nicht auf einen Monat mehr oder weniger beim Strafmaß an. Wichtig sei, was nach der Haftentlassung mit dem 46-Jährigen passiere. Für den Angeklagten sei nun "eine Linie gezogen". Sollte er nach seiner Haftentlassung wieder in diesen Bereich straffällig werden, drohe ihm die Sicherungsverwahrung. Ohnehin werde er in Freiheit zunächst einer Führungsaufsicht und Bewährungshilfe unterstellt. Möglicherweise gebe es dann auch therapeutische Auflagen. Und er gab dem Verurteilten mahnende Worte mit auf den Weg: Er solle sich vor Augen führen, wie er hier Menschen fürs Leben geschädigt habe. ls

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