Riedenberg
Versorgung

In Riedenberg lässt Tante Emma grüßen

Die Situation vieler Lebensmittelläden in den Dörfern hat sich dramatisch verschlechtert. In Riedenberg halten dagegen Norbert Hahn und seine Lebenspartnerin Rita Kreuzpaitner mit ihrem Gemischtwarenladen die Tradition aufrecht.
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Rita Kreuzpaitner und Norbert Hahn mit Tochter Elke: Sie betreiben gemeinsam den letzten Gemischtwarenladen in Riedenberg. Foto: Julia Raab
Rita Kreuzpaitner und Norbert Hahn mit Tochter Elke: Sie betreiben gemeinsam den letzten Gemischtwarenladen in Riedenberg. Foto: Julia Raab
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Im Gemischtwarenladen der Familie Hahn in Riedenberg ist das Gesprächsthema an diesem Morgen der Anschlag von Istanbul. Ein Kunde aus dem Ort kauft schnell die Zeitung. Er hat es eilig, aber für einen kurzen Meinungsaustausch reicht es dann doch. "Das ist es, was es so interessant macht", erklärt Rita Kreuzpaitner, die Lebensgefährtin von Norbert Hahn. Zusammen führen sie den Gemischtwarenladen in Riedenberg, der seit mehreren Generationen in Familienbesitz der Hahn ist.


Waren der Lebenshilfe

Bis unter die Decke ist der kleine Raum des Ladens gefüllt. Gemischtwaren, das trifft es genau: Hier gibt es alles zu kaufen, was man zum Leben braucht. Manch einer komme von einem Einkauf aus Bad Brückenau ins Dorf zurück, erzählt Rita Kreuzpaitner, und findet genau hier, was er in "der Stadt" nicht gefunden hat. Das Angebot des Ladens lässt sich kaum zusammenfassen: von Shampoo über Lebensmittel, frisches Obst und Gemüse, Bäckereiwaren, Süßigkeiten für die Kinder natürlich, bis hin zu Tassen, Dekoratives, Geschenke, Schreibwaren - und was diesen Laden ganz besonders ausmacht, Waren der Lebenshilfe. Dazu gehören Holzspiele für Kinder und Erwachsene, Kinderspielzeug, Geschenkartikel und Kunstprodukte. Alles in liebevoller Arbeit der beiden zusammengestellt.

Seit 1996 bieten sie diese zusätzliche Ware an. Durch die jüngste Tochter Elke, die in Hammelburg bei der Lebenshilfe arbeitet, kamen sie auf die Idee. Sie helfe auch abends oder am Samstag mit, den Laden zu bestücken, betont Rita Kreuzpaitner. Zeitweise waren sie auf Märkten unterwegs, um die Waren dort anzubieten, beispielsweise im Staatsbad in der Wandelhalle zur Adventszeit. Doch das lohne sich nicht mehr, sagt Hahn.


Geschenkkörbe für Jubiläen

Für Jubiläen im Dorf allerdings, für die Vereine oder zu Geburtstagen, stellen sie gerne Geschenkkörbe zusammen, das sei sehr beliebt. Und aus dem örtlichen Kinderdorf kommen die Kinder, um sich - wie früher - für fünf Cent Süßigkeiten aus großen Plastikdosen in Papiertüten abfüllen zu lassen.

Die Urkunde der ersten Anmeldung aus dem Jahre 1899 hängt an der Wand zwischen Bildern eines großen Dorffestes und Bildern der Gebäudesanierung vor einigen Jahren. "Ich finde das schön, diese Bilder immer wieder anzuschauen. Sie sind Erinnerung, und oftmals kommt jemand in den Laden und spricht über die Personen auf den Bildern und die Geschehnisse", meint Rita Kreuzpaitner. Norbert Hahn, gelernter Bäcker, führte den Laden zunächst mit seiner Mutter, bis im Jahre 1995 seine Lebensgefährtin hinzukam.


Von Metallwerk in den Laden

Beide waren bis vor wenigen Jahren im Metallwerk in Bad Brückenau in Vollzeit tätig und stemmten die zusätzliche Arbeit zusammen mit der Familie und einer Aushilfskraft. Seitdem Rita im Jahr 2008 in den Ruhestand ging, können sie den Laden familienintern betreiben. Es gab immer wieder schwere Zeiten, in denen es mühselig war, erzählt das Paar, aber auch jetzt, wo beide im Ruhestand sind, gebe es für sie keinen Grund, den Laden zu schließen. "Solange die Gesundheit mitmacht", meint Hahn. Ihm gehört das Haus, in dessen Erdgeschoss sich der Laden befindet.

Die Wohnküche ist gleich neben dem Verkaufsraum, und das Paar hört immer, wenn jemand in den Laden kommt. Sie haben den Laden in ihr Leben integriert. Er gehört einfach dazu. "Natürlich hat sich sehr viel geändert", sind sich die beiden einig. Früher kam das ganze Dorf zum Einkaufen. Heute fahren die jungen Leute zum Arbeiten in größere Städte und bringen ihren Einkauf von dort mit nach Hause. "Die Oma, die ihre Glasflasche mitbringt, um Öl oder Senf bei uns abfüllen zu lassen, die gibt es nicht mehr", denkt Hahn traurig an früher. Aber wenn jemand nur eine Knolle Knoblauch, eine Zwiebel oder einen halben Kohl braucht, dann seien sie da sehr flexibel, erzählen sie.


Früher vier Läden

Früher gab es vier Läden dieser Art in Riedenberg. Der Laden der Hahns "war der erste und wahrscheinlich auch der letzte dieser Art", sagt Hahn. Sie überlegen oft, was sie ohne den Laden machen würden, meint Kreuzpaitner mit einem Lächeln, "aber wir haben schon so viel gesehen: Paris, London, Skandinavien...meistens für ein verlängertes Wochenende, weil wir dienstags ja sowieso geschlossen haben." Manchmal kommen Fremde vorbei, erzählt Hahn, und die seien dann begeistert von der Fülle des Angebots und kommen ins Schwärmen über alte Tante-Emma-Läden und wie wenige es davon noch gibt und dass es Wunder sei, dass sie diesen kleinen Laden hier entdeckt haben.









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