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Riedenberg
Entdeckerwochen

In der Nähe von Riedenberg gibt es steinerne Naturgewalten aus der Urzeit

Die Langen und Großen Steine oberhalb von Riedenberg laden zum Eintauchen in die Vergangenheit ein.
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Wer könnte den Koloss schon aufhalten? Fabian versucht es für den Fotografen. Foto: Stephanie Elm
Wer könnte den Koloss schon aufhalten? Fabian versucht es für den Fotografen. Foto: Stephanie Elm
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Wo vielleicht einst die Rhöner Urbevölkerung mit Ger und Axt noch das Ur oder ein Wildschwein gejagt hat, toben Fabian und Dominik über die Millionen Jahre alten Felsen. Die steinernen Riesen lassen die Fantasie der Jungs aufblühen: Zwischen Fichten, Buchen und Steinen müssen im Spiel Leib und Leben gegen Druiden oder Grizzlybären verteidigt werden und am Abend noch ein imaginäres Feuer entzündet werden.

Ein Stückchen oberhalb vom Röderhof bei Riedenberg geben steinerne Vorboten schon einen Geschmack auf die Langen und Großen Steine. Je höher der Wanderer gelangt, umso größer und mächtiger werden die Zeugen millionenlanger Erdgeschichte. Dominik ist überrascht, "dass die schon so alt sind". Alt und mächtig - für Fabian "eine tolle Gelegenheit zu klettern".

Auch Ingo Queck ist von den Langen und Großen Steinen begeistert. Der Biologie- und Chemie-Lehrer ist passionierter Geologe, kann zu der Entstehungsgeschichte der Monumente einiges erzählen. Das heutige Profil der Langen und Großen Steine hat seine Zeit gebraucht. Sedimente lagerten sich im Erdmittelalter vor 250 Millionen Jahren ab. "Das sind lange Zeiträume. Da kann viel passieren", so Ingo Queck.

Das tat es auch: Im Tertiär waren vor 65 Millionen Jahren nicht nur die Dinosaurier ausgestorben, die afrikanische Erdplatte näherte sich der europäischen an und "hat im Süden Deutschlands für Furore gesorgt". Die Alpen bildeten sich heraus und auch der "Rhöner Vulkanismus hängt damit zusammen", erklärt Ingo Queck.
Vor circa 20 Millionen Jahren schließlich hob tektonische Aktivität die Sedimentsablagerungen aus der Trias-Zeit, der ersten Formation des Erdmittelalters, empor. Nun waren sie der Witterung ausgesetzt, die ihren Teil zu der heutigen Beschaffenheit der Langen und Großen Steine beitrug. Geologisch "stecken wir in der ältesten Formation des Erdmittelalters" erklärt Ingo Queck. Weiter im Südwesten, in Bad Kissingen, ist mehr Muschelkalk zu finden, das Grabfeld wird von Keuper beherrscht.

Wechsel von Wärme und Frost

Durch Solifluktion, oder Rutschung, gelangten die Steine an ihren heutigen Platz. Die letzte Eiszeit näherte sich dem Ende und das Erdreich befand sich im sogenannten Permafrost-Zustand. "Der Boden war mit Wasser gesättigt und unten gefroren, und dieser Brei fließt nun die Hänge runter", weiß Ingo Queck. Hänge, die damals noch ohne Vegetation waren, die den Abtransport der Langen und Großen Steine hätte aufhalten können. Zudem wird in diesem Zusammenhang auch der Begriff "Bodenkriechen" genannt. Durch den Wechsel von Wärme und Frost und dem damit verbundenen Quellen und Schrumpfen von tonigem Erdmaterial bewegen sich Hänge abwärts. Auch durch das sogenannte "Kammeis", das sich an feuchten Hängen bildet, wurden die Steine im 90 Grad-Winkel zur Neigung angehoben. Nach Abschmelzen des Eises rutschten diese talwärts. Durch all diese vielen und lange andauernden Einflüsse zerbrach das angehobene Sedimentgestein in größere und kleinere Brocken. Auf beiden Seiten des Disbachs erfolgte die gleiche Entwicklung, die Langen und Großen Steine sind quasi verwandt. Der Disbach wurde zum Schluss der Eiszeit noch zwischen die Monumente in den Grund eingegraben. "Die großen Steine am Hirschgraben liefern schöne Einblicke in das Schichtenpaket", schwärmt Ingo Queck . Da gibt es dickere und gröbere sowie feinere und tonigere Sandsteine. Letztere konnten von Wind und Wasser leichter erodiert werden. Zurück blieb der harte Felssandstein. Dieser ist mit Kieselsäure als Bindemittel vermischt und daher erosionsbeständig. Gerade bei den Großen Steinen kann man die vulkanischen Gewalten erkennen. Riesige Quader liegen übereinandergestapelt, teilweise abenteuerlich verkeilt. Auf den mächtigen Steinkolossen fühlt man sich - nicht nur als Kind - wie der Herr der Welt.

Zerknautschte Felsen

Die Felsen sind zerknautscht, gefaltet, zerbrochen und zusammengestoßen - im eiszeitlichen Pleistozän muss es hoch her gegangen sein, allerdings teilweise in Zeitlupe. Wie langsam die Felsen zu Tal geflossen sind, darüber kennt Ingo Queck keine Daten, vermutet aber: "Langsamer als die Gletscher". Die Flussgeschwindigkeit ist zudem vom Boden abhängig: "Auf tonigem Untergrund ist das was ganz anders als auf sandigem", sagt der 42-Jährige. Und die Entwicklung der Langen und Großen Steine ist noch nicht abgeschlossen. Ingo Queck ist sich sicher: "Das ist eine instabile Geschichte. Da kann noch viel passieren." Im Laufe der Zivilisation haben Menschen versucht, sich der Steine zu bemächtigen. Die Felsen würden wahrlich haltbares Baumaterial liefern. So habe man für den Bau des Kur-saales im Staatsbad die Steine beschaffen wollen. König Ludwig I. war jedoch der Meinung, dass die Steine nicht zerstört werden sollten.
Als er jedoch den größten der Langen Steine ins Staatsbad transportieren und dort aufstellen wollte, scheiterte man an dessen Gewicht. Im oberhalb der Langen Steine gelegenen "Wildmannshäuschens" wird der ehemalige Unterschlupf einer Räuberbande vermutet, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihr Unwesen getrieben hat. Inzwischen sind die Langen und Großen Steine zu Naturdenkmälern und Geotopen erklärt worden. Auf der Seite des Bayerischen Landesamts für Umwelt (http://www.lfu.bayern.de/geologie/geotope_daten/geotoprecherche/672/index.htm) werden die Geotope in PDF-Dateien beschrieben. Die Langen und Großen Steine sind wissenschaftlich klassifiziert worden, doch vor Ort umweht die Felsen immer noch ein gewaltig-mythischer Reiz.

Waren sie Zeugen von Götterverehrungen, wurde dort Gericht gehalten oder die Walpurgisnacht gefeiert? Die Oberbacher und Riedenberger wissen vielleicht um den Schatz aus grauer Vorzeit. Aber die Langen und Großen Steine jedoch muss jeder für sich entdecken.
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