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Volkers
Heiligabend

(Eine weitere) Stille Nacht in der Flüchtlingsunterkunft

Zu Weihnachten sieht die Gemeinschaftsunterkunft in Volkers aus wie das ganze Jahr. Doch es gibt wenige, die feiern, wie Berhance Abebekasse aus Äthiopien. Eher still geht es in den Unterkünften dennoch zu.
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Berhance Abebekasse und seine Tochter Ruth feiern mit ihrer Familie am 24. Dezember in der Christuskirche Weihnachten. Das eigentliche Weihnachtsfest der Äthiopier findet aber erst am 7. Januar statt. Foto: Stephanie Elm
Berhance Abebekasse und seine Tochter Ruth feiern mit ihrer Familie am 24. Dezember in der Christuskirche Weihnachten. Das eigentliche Weihnachtsfest der Äthiopier findet aber erst am 7. Januar statt. Foto: Stephanie Elm
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Die Weihnachtstage werden still sein - aus verschiedenen Gründen. Besinnlichkeit, wie sie in deutschen Familien und Haushalten an Heiligabend einkehrt, ist es in der Flüchtlingsunterkunft jedoch nicht. Auch zu Weihnachten sieht die Gemeinschaftsunterkunft aus, wie das ganze Jahr. Mistel- oder Tannenzweige, ein Adventskalender oder Strohsterne hängen hier nicht. Warum es dort an Heiligabend ruhig zugeht, liegt an der bunten Mischung verschiedener Religionen.

Berhance Abebekasse ist einer von wenigen, die Weihnachten feiern. Der orthodox-evangelische Äthiopier kennt das Weihnachtsfest aus seiner Heimat. Die Geburt Jesu wird dort ebenso gefeiert wie hier, nur nicht am 24. Dezember, sondern am 29. Tag des äthiopischen Monats "Tahsas". Das wird im kommenden Jahr der 7. Januar sein. Trotzdem wird er zusammen mit seiner Familie und anderen Christen aus der Flüchtlingsunterkunft zum evangelischen Weihnachtsgottesdienst in Bad Brückenau gehen. Singen, und vor allem zusammen sein, sind Traditionen, die ihn geprägt haben. "Ich vermisse es", sagt er, obwohl die deutsche Weihnacht dem Weihnachtsfest in Äthiopien "sehr ähnlich" ist. "Es ist die gleiche Wurzel, die gleiche Bibel und die gleiche Idee", die hinter beiden Weihnachtsfesten steht, betont der Vater der kleinen Ruth. Sie geht in den Kindergarten und lernt dort europäische weihnachtliche Traditionen kennen. "Sie erzählt nicht viel, aber sie singt und malt", berichtet Berhance Abebekasse. Und wenn der Fernseher Weihnachtsbilder sendet, ist Ruth schon ganz begeistert.

Zusammen gesungen und getanzt

Berhance Abebekasse und seine Familie feiern auch den Advent nach deutschem Vorbild. Doch sehnt er sich nach dem Zusammensein, wie er es aus Äthiopien kennt. Nach dem Gottesdienst versammelt man sich dort, um armen Menschen zu helfen. Es wird zusammen gesungen und getanzt. Man bereitet zusammen das Essen zu. Die traditionellen Brotfladen "Injera" kann man auch in Deutschland gut auf den Tisch bringen. Der Geschmacksinn lässt Berhances Weihnachten also ganz nah kommen. Im 25 Grad warmen Äthiopien findet sich zwar kein Tannenbaum, doch anderer Weihnachtsschmuck ist dort ebenfalls üblich. Die ältere Generation stellt Krippenfiguren und Kerzen auf, die jüngere Generation investiert auch schon mal in LED-Lichterketten oder Sterne. So gerne Berhance Abebekasse das europäische Weihnachtsfest mitfeiert, über die Figur des Santa Claus wundert er sich nur. Sie ist ihm zu amerikanisch und kommerziell.

Facebook und Whats App

Sein Landsmann Daniel Eliyas ist an Weihnachten nur traurig. Seit sechs Jahren ist er schon in Deutschland und muss erst mal überlegen, wann seine Familie in der Heimat eigentlich Weihnachten feiert: "Ich habe die äthiopischen Feiertage vergessen", stellt er frustriert fest. Per Facebook und Whats App hält er Kontakt nach Hause, doch auf diese Art Zusammensein fällt schwer.

Auch Jutta Ort von der Caritas-Asylsozialberatung ist mit manchen Flüchtlingen per Whats App verbunden und erhält von ihnen ebenfalls Weihnachtsgrüße. Dabei ist die 49-Jährige eigentlich für so sachliche Probleme wie Asylverfahren, Sprachkurse oder Jobsuche gefragt. Aber Verbundensein ist bei den Flüchtlingen groß geschrieben. Jutta Ort ist für den Bereich Münnerstadt und Ebenhausen zuständig, doch mit einem Kollegen alle zwei Wochen in Volkers Ansprechpartner. Genauso wie in Volkers ist Weihnachten in der Münnerstädter Gemeinschaftsunterkunft "eher still". Christen sind unter den Flüchtlingen die Ausnahme. Sie organisieren ihr Weihnachtsfest selbst.

"Ganz normale Tage"

Treffpunkt ist meist der Gang, auf dem ihre Zimmer liegen. Der überwiegende Teil der Bewohner in den Gemeinschaftsunterkünften ist muslimischer Herkunft. Sie feiern Weihnachten gar nicht.

Dennoch ist für sie Weihnachten "ein guter Tag". Mahamudabi Hussein sagt: "Es ist hier ein besonderer Tag, und ich respektiere das." Ein religiöses Hochfest der Muslime ist das Opferfest. Es wird zur Haddsch, der Wallfahrt nach Mekka, gefeiert. Auch das Fastenbrechen nach 30 Tagen Ramadan ist ein bedeutendes Fest im Islam. Heiligabend ist für sie allerdings ein Abend wie alle anderen auch und Weihnachten sind "ganz normale Tage". Sie fallen in ihrem Alltag nur insofern auf, weil dann keine Schule stattfindet und die Geschäfte geschlossen sind.

Hintergrund

In der Gemeinschaftsunterkunft in Volkers leben aktuell 74 Personen, davon 20 Kinder.

Weihnachtsfest im Dezember: Die meisten christlich geprägten Länder feiern Weihnachten zwischen dem 24. und dem 27. Dezember. Auch in Afrika begehen manche Länder am 25. Dezember das Weihnachtsfest, wie z.B. in Liberia oder Nigeria.

Weihnachtsfest am 7. Januar: Die orthodoxe Kirche feiert die Geburt Jesu erst am 7. Januar. Dies betrifft beispielsweise Menschen aus Russland, Serbien, Armenien und Äthiopien. Der Grund hierfür liegt in der anderen Zeitrechnung des Julianischen Kalenders. (Quelle: Wikipedia)

Kein Weihnachtsfest gibt es z.B. im Buddhismus, Hinduismus und Islam.

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