Bad Brückenau
Bahnverkehr

Doppelter WM-Vize aus dem ICE geworfen

Der halbseitig gelähmte Para-Radsportler Maximilian Jäger musste auf der Fahrt nach Bad Brückenau trotz gültiger Fahrkarte den Zug verlassen. Der Grund: sein schweres Gepäck.
Artikel drucken Artikel einbetten
Maximilian Jäger mit seinem schweren Radkoffer und dem vollen Rucksack, die er auf der Fahrt mit sich führte. Foto: Thomas Jäger
Maximilian Jäger mit seinem schweren Radkoffer und dem vollen Rucksack, die er auf der Fahrt mit sich führte. Foto: Thomas Jäger

Es sollte eine gemütliche Heimfahrt werden, nach Wochen in der Fremde. Am 2. Oktober saß Maximilian Jäger, doppelter Vize-Weltmeister im Para-Radsport aus Bad Brückenau, im ICE Richtung Heimat. Doch die Reise entwickelte sich unerfreulich für den halbseitig gelähmten 19-Jährigen. Am Ende warf ein Zugbegleiter den erfolgreichen Sportler aus dem Zug. Wegen eines Koffers.

Maxi Jäger war unterwegs von Cottbus, wo er in einer Behinderten-Radsportgruppe trainiert und an der Eliteschule des Sports lernt, zu seinen Eltern. Seine Route führte ab 14 Uhr per Regionalexpress nach Berlin-Hauptbahnhof. Dort bestieg er den ICE 377 Richtung Fulda. Dort sollten seine Eltern ihn gegen 19.45 Uhr per Auto abholen.

Kein Platz für schweren Koffer

Der 19-Jährige hatte mit der Fahrkarte online einen Sitzplatz gebucht. Wollte er doch im vollen ICE nicht stehen müssen. Was Jäger nicht bedachte: Für seinen schweren Koffer, in dem er sein auseinandergebautes Fahrrad mitführte, fand sich im vollen Zugteil kein Platz. Zumal der Brückenauer noch einen prallen Rucksack dabei hatte. Er stellte den Koffer in den Gang.

Dies missfiel dem Zugbegleiter. Er habe ihn darauf aufmerksam gemacht, dass der Gang freizubleiben habe, sagt Jäger. Der bot an, den Koffer im Behindertenabteil unterzubringen. Der Schaffner dazu: Dieser abgetrennte Bereich sei nur für Rollstuhlfahrer und Mütter mit Kinderwagen vorgesehen.

Vielleicht hätte Jägers Behindertenausweis den Zugbegleiter umgestimmt. Doch der 19-Jährige war nach eigener Aussage so perplex, dass er nicht daran dachte, ihn vorzuzeigen. So setzte der Bahn-Bedienstete ihn in Berlin-Spandau vor die Zugtür. "Er hat nicht mal beim Ausladen der schweren Sachen geholfen, obwohl ich ihn darum gebeten hatte. Er hat gesagt, das sei zu gefährlich", erinnert sich Jäger.

Seine Behinderung ist durchaus zu erahnen. Er zieht das linke Bein deutlich nach. Seine linke Hand kann er nur schwer bewegen; er spürt darin nur sehr starke Reize wie große Wärme oder Kälte - als kurzes Stechen. Für ihn gestaltet es sich schwierig, große schwere Gepäckstücke zu tragen oder eine Tasche mit Rollen in der Spur zu halten.

In Spandau informierte der Bad Brückenauer seine Eltern über das Geschehene. Dann ging er zum Info-Point im Bahnhof. Die Mitarbeiter dort entgegneten dem 19-Jährigen - unerwartet - mit großem Wohlwollen. "Sie haben mir einen Anschlusszug besorgt und abgeklärt, dass ich ins Behindertenabteil konnte. Der dortige Zugbegleiter sah kein Problem darin, dass ich den Radkoffer mit hineinnehme." Er habe sich für den Schaffner im anderen Zug entschuldigt.

Letztlich kam Maximilian Jäger wohlbehalten in Fulda an - nur eine Stunde später als geplant. Seinen Rauswurf nennt er "eine echte Frechheit, was sich die Bahn erlaubt zu machen."

Bahn verweist auf die Sicherheit

Bei der bayerischen Pressestelle der Bahn in München sieht man die Sache auf Nachfrage anders. Leiter Michael-Ernst Schmidt tut es leid, "wenn Herr Jäger Unannehmlichkeiten bei seiner Zugreise hatte". Vielleicht wäre die Situation mit besserer Reiseplanung nicht entstanden.

Jäger sei "zur nachmittäglichen Hauptverkehrszeit am stärksten Reisetag des Jahres von DB Fernverkehr mit einem sperrigen Gepäck" gereist. Dass der Zugbegleiter den Radkoffer monierte, sei korrekt gewesen. "Es ist Pflicht unserer Zugbegleiter, in einem völlig überfüllten Zug für die Sicherheit aller Reisenden und die Einhaltung von Fluchtwegen zu sorgen." Die Entscheidung und Verantwortung liege beim Zugchef.

Das Behindertenabteil, in das der 19-Jährige seinen Radkoffer stellen wollte, nennt Schmidt "kein Gepäckfach für Sperrgepäck". Der Sprecher verweist auf eine "Reservierung der Fahrradmitnahme im Fernverkehr". Die sei in allen IC-Zügen möglich, zudem eingeschränkt bei einzelnen ICE. Eine Alternative sei der DB-Gepäckservice.

Dass Maxi Jäger in einem späteren ICE mitreisen durfte, habe auf Kulanz der Mitarbeiter beruht, so Schmidt weiter. Dieser Zug war möglicherweise nicht so stark ausgelastet wie der erste.

Es wäre besser gewesen, hätte Jäger seinen Behindertenausweis vorgezeigt. "Wie soll unser Zugpersonal ansonsten verfahren? Wir bewerten Reisende keinesfalls nach Aussehen oder körperlichen Handicaps."

Dass die Reise offensichtlich im Internet gebucht wurde, hält Schmidt für schwierig. "Wir hätten bei telefonischer Beratung oder Beratung im DB-Reisezentrum vermutlich eine ganz andere Zugverbindung empfohlen, mit ordentlicher Fahrradmitnahme, einer entspannteren Reisezeit und vielen Hinweisen, die wir Menschen mit Behinderung an die Hand geben." Er verweist auf die Internet-App "Barrierefrei" und Broschüren.

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren