Detter
Nach vier Generationen ist Schluss

Nach vier Generationen ist Schluss: Traditionsbäckerei in Franken muss schließen

Trotz intensiver Suche keinen Bäcker gefunden und der Lieferant auch noch weg: Peter und Marianne Hartmann verkauften ihre Bäckerei in Detter. Vier Generationen lang war das Geschäft der Dorfmittelpunkt.
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Die Öfen sind aus. Die Bäckerei Hartmann hat den Betrieb geschlossen. Marianne und Peter Hartmann haben die Bäckereiräume verkauft.  Foto: Stephanie Elm
Die Öfen sind aus. Die Bäckerei Hartmann hat den Betrieb geschlossen. Marianne und Peter Hartmann haben die Bäckereiräume verkauft. Foto: Stephanie Elm
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"Wo ist denn das Brot?" Mit erschrockenem Gesichtsausdruck steht eine Kundin in der Tür und schaut in die fast leeren Regale. "Die Bäckerei ist geschlossen", erklärt Peter Hartmann. Der Bäckermeister hat am ersten Juni-Wochenende zum letzten Mal gebacken. Die Räumlichkeiten sind schon verkauft. Dort sollen Mietwohnungen entstehen.

Eigentlich hätte Hartmann noch einen weiteren Bäcker einstellen wollen, der den Betrieb unterstützt hätte - keine Chance. Weder durch Eigenbemühungen noch über das Arbeitsamt war ein Mitarbeiter im Bäckereigewerbe zu finden. Dann fiel auch noch ein Lieferant weg. So sagten sich Peter Hartmann und seine Frau Marianne: "Es ist wohl an der Zeit, aufzuhören."

Bäckerei in Dettel: Restposten zu verkaufen

Inmitten des entstandenen Chaos um die Räumung gibt es viel zu regeln: Was passiert mit den verschiedenen Geräten, Teigmaschinen und dem ganzen Equipment wie Bleche, Formen und Rührbesen? Bis Ende Juni haben sie noch Zeit, verschiedene Restposten aus dem Laden abzuverkaufen. Auch die Post ist bis dahin noch jeden Tag eine Stunde geöffnet. Dann macht auch dieser Schalter dicht.

In der vierten Generation hat Hartmann die Bäckerei 37 Jahre lang geführt, anfangs nicht ganz freiwillig. Da wog die Verpflichtung dem väterlichen Erbe gegenüber schwerer als die Liebe zur Musik. Hartmann hätte Chancen für das Münchner Musikkonservatorium gehabt, aber: "Was der Vater sagte, war Gesetz." So lernte Peter von 1967 bis 1970 das Bäckereihandwerk, schloss 1980 mit der Meisterschule ab und übernahm zwei Jahre später das Geschäft von Vater Willi Hartmann.

"Bevor ich mich nur ärgere, mach' ich das lieber richtig", sagte sich der damals 29-Jährige und investierte. Die Bäckereiräume, die der Vater 1923 gebaut hatte, wurden erweitert und umgebaut. Das erste Hartmann'sche Backhaus hatte der Urgroßvater bereits 1884 an anderer Stelle im Dorf errichtet. Dieses hatte der Großvater Adam allerdings abgerissen, um gegenüber der Kirche größere Bäckereiräume bauen zu können. Der Vater übernahm nach dem Zweiten Weltkrieg das Geschäft.

Der von diesem noch angeschaffte Holzbackofen wich einem ersten kleinen Elektrobackofen. Es folgten noch weitere Neuerungen, wie der Gärunterbrecher, die so manchen Streit mit dem konservativen Vater mit sich brachten. Doch Peter Hartmann war von seinem Tun überzeugt: "Mit dem Gärunterbrecher kannst du schon mal zwei Stunden länger schlafen".

Lieferung bis an die Nordseeküste

Sein Zeitmanagement wurde jeden Morgen gefordert. Um Mitternacht ging die Schicht los. Als erstes setzte er den Brotteig an. Während des Gärprozesses buken die Brötchen und Plunder, zum Schluss die Brote. Um 7 Uhr war die Produktion für den Tag abgeschlossen. Einen Teil fuhr Peter Hartmann zu seiner 1990 erworbenen Filiale in Oberleichtersbach. Auch dieser Verkaufsladen ist nun geschlossen. Sogar Hausbesuche mit Brotlieferungen waren Teil seines Lieferservice. Im ganzen Umkreis belieferte Hartmann Gaststätten und Ferienhäuser. Sogar bis an die Nordseeküste verschickte er Brote und Christstollen.

"Es sind schon viele enttäuscht", erzählt er von den Reaktionen seiner Kunden. Sowohl in Detter, als auch in Oberleichtersbach, sowohl die ältere Generation, als auch die Jugend trauert verschiedenen Spezialitäten nach. Das Bauernbrot war der "Publikumsmagnet, deswegen kamen die Leute". Fertigmischungen kamen Hartmann nicht in die Tüte: "Bei mir gab's den Sauerteig wie vor 300 Jahren, das habe ich mir nicht nehmen lassen. Sonst hätte ich das Handwerk nicht lernen brauchen." Nicht selten kam auch die Jugend in die Bäckerei, nachts um 3 Uhr, nachdem die Disco- und Kneipentour beendet war, und nahm einen Schwung ganz frische Schinkenhörnchen mit.

Ins kalte Wasser geworfen

Ein echter Dorfmittelpunkt war der Laden "schon immer", erzählt Marianne Hartmann, die seit 1974 aus dem Bäckerladen nicht mehr wegzudenken war. Gleich zu Beginn fühlte sie sich wie ins kalte Wasser geschmissen, denn Peter war zu der Zeit bei der Bundeswehr. Aber die gelernte Textilfachverkäuferin konnte auch mit Teigwaren und mit Kunden sowieso: "Das fehlt mir jetzt." An manche skurrile Begebenheit denkt sie heute mit Schmunzeln zurück. So kam eines Tages ein älterer Herr in den Laden, legte zwei mitgebrachte Äpfel ins Regal und nahm aus demselben zwei andere Äpfel mit. "Er wollte mal eine andere Sorte probieren", erklärt Marianne Hartmann.

Doch nicht nur Brot und Süßes ging im Laden über die Theke, das Sortiment war von jeher vielseitig. Um versorgt zu sein, musste man Detter eigentlich gar nicht verlassen. Wo bis Anfang Juni Marmeladengläser, Salatkräutermischungen, Obst und Gemüse lagen, waren früher Gummistiefel, Nägel und Saatgut zu finden gewesen. Einige Sortimentserweiterungen wurden ausprobiert, manche wieder verworfen. Aber dem Bauernbrot blieben der Bäckermeister und die Kundschaft treu. Die lange Gärzeit wurde honoriert, denn: "Das Fertigzeug kann auch ein Maurer machen."

"Ein kleiner schöner Dorfladen", lautet eine Google-Rezension über die Bäckerei Hartmann. Genau das wollte er beibehalten, nicht expandieren. "Zeit ist das große Manko beim Bäcker", so Hartmann. Mehr hätte nicht geklappt. Hier hörte er doch auf seinen Vater, der schon wusste: "Weniger ist manchmal mehr."

Emotionen, Emotionen

Aufhören und loslassen - das klappt gar nicht so schlecht: "Ich genieße die Nächte", lächelt der 66-Jährige. Die innere Uhr ist noch nicht umgestellt. Er kann zwar noch nicht durchschlafen, steht um 1 Uhr in der Nacht auf, kann sich aber jetzt "in aller Gemütsruhe wieder hinlegen". Tagsüber steckt die Unruhe noch in ihm: "Ich bin emotional noch dabei."

Ganz emotional wurde es am letzten Wochenende, an dem die Bäckerei geöffnet war. Kunden brachten Blumen, Abschiedsbriefe und Geschenke. "Wir haben wohl nicht alles verkehrt gemacht", blickt Peter Hartmann auf ein arbeitsreiches und erfülltes Bäckerleben zurück.

Was verdienen eigentlich Bäcker, Friseure oder Kfz-Mechatroniker?

Handwerkliche Berufe oder Tätigkeitsfelder aus dem Dienstleistungssektor bauen auf eine solide Ausbildung in lokalen Betrieben. Als Grundlage für spätere Selbstständigkeit oder einen Meisterbrief müssen jedoch zuerst die Lehrjahre absolviert werden - meist mit mauer Ausbeute. inFranken.dehat einige der klassischen Ausbildungsberufe in Lehre und späterem Arbeitsmarkt verglichen.

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