Sandberg
Torf

"Der Abbau war eine Knochenarbeit"

Herbert Stumpf (85) aus dem Gersfelder Stadtteil Sandberg war einer der letzten Rhöner Torfstecher. Bis 1984 hat er im Moor gearbeitet.
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"Der Job war hart, aber er hat mir immer Spaß gemacht", sagt der Sandberger, der ein Bild von sich aus den 1970er Jahren zeigt.     Foto: Jessica Vey
"Der Job war hart, aber er hat mir immer Spaß gemacht", sagt der Sandberger, der ein Bild von sich aus den 1970er Jahren zeigt. Foto: Jessica Vey
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Der Gersfelder Biologe Joachim Jenrich erklärt, was Torf eigentlich ist: abgestorbenes
Pflanzenmaterial, das nicht zersetzt wird und sich dadurch immer weiter im Moor bildet. Dieser Torfschicht ging es Ende des 18. Jahrhunderts an den Kragen. Der Torf wurde per Hand abgebaut, zunächst als Brennmaterial verwendet und später für Moorbäder. Es soll eine wirksame Therapie insbesondere für Rheuma-Kranke sein. In den Weltkriegen lief der Abbau weiter: "Aus Torf wurde unter anderem Verbandsmaterial für Verwundete hergestellt", erklärt Jenrich.

An den Abbau für Moorbäder erinnert sich Herbert Stumpf noch gut. "Wir haben 80 Prozent
der Bäder im Bundesgebiet beliefert: Bad Bocklet, Bad Brückenau, Bad Kissingen, Bad Salzschlirf", zählt er auf.


Als Torfstecher angefangen

Der 85-jährige Sandberger hat in den 50er Jahren als Torfstecher angefangen, bis 1984, dem Ende des Torfabbaus, also mehr als 30 Jahre lang. Danach war er als Waldarbeiter im Forst beschäftigt. Über seine Zeit im Moor sagt er: "Der Torfabbau war eine Knochenarbeit." Sie waren meistens zu viert im Moor. Anfangs wurde das Material noch mit der Hand "abgestochen". Seinen speziellen Moorspaten hat Stumpf 2012 in den Fundus des Fuldaer Vonderau-Museums übergeben.

Mit diesem Gerät hat er treppenförmig Schicht für Schicht den Torf in viereckigen Stücken
herausgestochen. "Besonders anstrengend war es, die Stücke mit Schwung in die dafür vorgesehene Lore zu werfen", sagt Stumpf. "Die unterste Schicht war die schwerste - durch die Nässe. Die Glieder haben abends wehgetan. Das Ganze kann man sich kaum vorstellen - das muss man erlebt haben."


Moorwand bis zu drei Meter hoch

Die Moorwand war bis zu drei Meter hoch. Im Abbaugebiet haben die Arbeiter Schienen verlegt,
auf denen die Loren, eine Art Waggon, zunächst mit der Hand gezogen wurden und später von zwei Dieselloks. Diese waren eine große Hilfe für die Arbeiter, genauso wie die Bagger, die in den 60er Jahren angeschafft wurden und den Torfabbau mit der Hand beendeten. In Lkws ist der Torf abtransportiert worden. Die Arbeiter mussten im Sommer so viel abbauen, dass es auch für den Winter reichte. Bei Frost war kein Torfstechen möglich. Die Bäder wollten aber weiter beliefert werden.

"Im Sommer waren wir montags bis freitags im Moor, von 7 bis 16 Uhr, bei Bedarf auch samstags",
sagt Stumpf. "Und bei Wind und Wetter." In einer Schutzhütte haben die Torfarbeiter gefrühstückt. Zwei bis drei Jacken haben sie dort deponiert - falls es regnete und sie die Klamotten wechseln mussten. "Unsere nasse Jacke hängten wir zum Trocknen über den Ofen. Wir sind oft nass geworden", sagt er. Vom Betrieb haben sie jedes Jahr neue Gummistiefel bekommen. Die Säure des Torfs nagte am Gummi. Das Rote Moor gehörte Freiherr von Waldthausen, der den Torfabbau startete, erklärt Biologe und Moor-Experte Jenrich.

Heute ist es Eigentum des Staates.

"Nach dem Winter war am meisten zu tun. Der Frost hat die Gleise angehoben. Da waren Reparaturarbeiten notwendig", sagt der ehemalige Torfstecher Stumpf. Er betont: "Langweilig wurde uns nie." Auch wenn es harte Arbeit war, sagt der Sandberger: "Wir haben unseren Job gern gemacht. In der Natur zu sein, hat mir gefallen. Ich kenne jede Ecke im Roten Moor. Es war damals wie eine zweite Heimat für mich." Auch heute ist er mit seiner Frau immer noch gerne mal "oben".

"Damals wussten die Torfarbeiter nicht, dass der Abbau umweltschädlich ist und den Klimawandel
fördert", erklärt Joachim Jenrich. "Seit 1984 wird nicht mehr abgebaut. Das Moor ist heute Naturschutzgebiet. Der Torf soll wieder nachwachsen, was allerdings noch Jahrtausende dauern wird." An einigen Stellen im Moor seien heute noch die Einstichstellen der Torfstecher zu sehen.
Jessica Vey
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