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Fulda
Anweisung

Bürokratie bremst Berufsausbildung in Hessen

Vorher ging alles problemlos. Nun müssen Azubis viel längere Wege zur Berufsschule zurücklegen, weil das Land Hessen auf Bezirksgrenzen pocht. Einziger Ausweg ist ein Antrag, dem fünffach zugestimmt werden muss.
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Bernd Günther (links) und Ulla Heuser ärgern sich, dass die Schulbürokratie es Azubi Christoph Apel erschwert, eine nahe Berufsschule zu besuchen.      Foto: Volker Nies
Bernd Günther (links) und Ulla Heuser ärgern sich, dass die Schulbürokratie es Azubi Christoph Apel erschwert, eine nahe Berufsschule zu besuchen. Foto: Volker Nies

Unternehmer Bernd Günther (55) von der Firma Anlagenbau Günther in Angersbach ist stinksauer: Sein Unternehmen macht manchen Klimmzug, um alle Lehrstellen zu besetzen - derzeit 15 Azubis bei 130 Mitarbeitern. Aber von der Schulverwaltung fühlt er sich mächtig ausgebremst.

Christoph Apel (19) aus Lauterbach hat in der Firma eine Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik begonnen. "Die Berufsschule wäre eigentlich zweimal die Woche in Gießen", berichtet Personalchefin Ulla Heuser (61). Weil Gießen weit und Fulda nah ist, meldet die Firma ihre angehenden Lagerlogistiker seit sieben Jahren immer an der Richard-Müller-Schule in Fulda an. "Das gab nie Probleme. Eine Mail reichte", berichtet Heuser. Ebenso problemlos hatte sie ihre Produktdesign-Azubis nicht nach Gießen, sondern an die Ferdinand-Braun-Schule Fulda geschickt.

"Gestattung" beantragen

In dieser Woche allerdings wurde der Anlagenbau-Azubi Apel an der Richard-Müller-Schule von Vize-Schulleiter Horst Pfau angesprochen: Die Schule könne ihn wegen der Schulbezirksgrenzen nicht aufnehmen. Christoph Apel müsse die Berufsschule in Gießen besuchen. Er könne allerdings eine Erlaubnis ("Gestattung") beantragen, nach Fulda zu gehen. Diesem Antrag müssen die abgebende und die aufnehmende Schule, die Schulträger Stadt Fulda und Stadt Gießen sowie das Staatliche Schulamt zustimmen.

Anderen Vogelsberger Azubis ging es jetzt ähnlich. Wie über die Anträge entschieden wird, ist noch offen. "Wir würden die Vogelsberger Schüler gern weiter nehmen. Aber wir erhielten eine klare Anweisung vom Schulamt, dass wir die Schulbezirksgrenzen einzuhalten haben", berichtet Richard-Müller-Schule-Vizechef Pfau. Der Fuldaer Schulamtschef Stephan Schmitt sagt, die Rechtslage sei unverändert: "Die Bezirksgrenzen galten schon immer. Sie wurden aber oft nicht eingehalten. Wir haben die Schulleitungen gebeten, da jetzt genauer hinzusehen."

Mehr Flexibilität gefordert

Stefan Schunck, Hauptgeschäftsführer der IHK Fulda, fordert Flexibilität von der Schulverwaltung: "Bei allem Verständnis dafür, dass Berufsschulen ihre Klassen sichern müssen: Das darf nicht zu Lasten junger Menschen gehen. Wir müssen alles dafür tun, Ausbildung attraktiv zu machen. Dazu gehören kurze Wege zur Berufsschule. Dafür müssen unbürokratisch Lösungen gefunden werden."

Das hessische Kultusministerium ließ die Fragen unbeantwortet.

Gäste

Berufsschüler aus anderen Kreisen an Schulen des Kreises Fulda (ohne Stadt Fulda): gesamt 320, davon: Hersfeld-Rotenburg 115; Main-Kinzig 60, Vogelsberg 59. Berufsschüler aus dem Kreis, die Schulen in anderen Kreisen besuchen (ohne Stadt Fulda): gesamt: 418; davon Hersfeld-Rotenburg 112, Vogelsberg 96, Stadt Kassel 72, Main-Kinzig 53. Volker Nies