Wildflecken
Erinnerung

Bewegte Vergangenheit in Bild und Ton

Ein Film über die Militärhistorie Wildfleckens soll beitragen, dass wichtiges Wissen nicht verloren geht. Die Beiträge sparen auch schlimme Phasen nicht aus
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Der Truppenübungsplatz Wildflecken ist heute meist Sperrgebiet. Lediglich zu bestimmten anlässen, wie Anfang August beim Wandertag (im Bild), können Besucher das Areal besichtigen. Damit seine Geschichte nicht verloren geht, wurde jetzt ein Film erstellt. Foto: Joachim Rübel/Archiv
Der Truppenübungsplatz Wildflecken ist heute meist Sperrgebiet. Lediglich zu bestimmten anlässen, wie Anfang August beim Wandertag (im Bild), können Besucher das Areal besichtigen. Damit seine Geschichte nicht verloren geht, wurde jetzt ein Film erstellt. Foto: Joachim Rübel/Archiv
"Wildflecken hat eine militärische Vergangenheit", sagte Bürgermeister Gerd Kleinhenz (PWW) in der Sitzung des Marktgemeinderates. Das wichtige Wissen um die bewegte Wildfleckener Zeitgeschichte dürfe auch in Zukunft nicht verloren gehen. Aus diesem Grund wird derzeit mit finanzieller und organisatorischer Unterstützung aus dem Konversionsmanagement des Landkreises Bad Kissingen ein Film über die Historie Wildfleckens produziert, in dem es in erster Linie um die Entstehung des Truppenübungsplatzes geht.
Cordula Kuhlmann vom Konversionsmanagement machte am Rande der Sitzung deutlich, dass im Rahmen der Filmproduktion mehrere kleinere Bausteine veröffentlicht werden sollen. "Es musste umfangreiches Material ausgewertet werden", so Kuhlmann. "Aber daraus sollte man möglichst viele kleinere Sequenzen machen. Das verlangt der User heute. Er möchte kurze Filmbeiträge sehen."


Arbeit fast abgeschlossen

Dem Gemeinderat wurde zunächst eine komprimierte Rohfassung präsentiert. Thomas Rübbeck von der Firma Singularity Film machte deutlich, dass man mit den Arbeiten schon sehr weit fortgeschritten sei. In dieser fast fertig gestellten Version wird die komplette Militärhistorie von den 1930er Jahren bis heute dargestellt. Dabei kommen unter anderem die beiden Alt-Bürgermeister Walter Gutmann (CSU) und Alfred Schrenk (SPD) zu Wort.
Mit rund 7000 Hektar ist das militärische Übungsgelände bis heute ein prägender geografischer Bestand der Rhön. Die Vorarbeiten für das Truppenlager begannen schon im Herbst 1936 mit den Vermessungen des Geländes. Danach ging es darum, ein Gemeinschaftslager mit Wohn- und Freizeitbaracken, Wirtschaftsgebäuden, Großküche und Sanitätsrevier für rund 3000 Arbeiter zu errichten. Doch im damaligen Arbeitslager konnte nur ein Teil der für die Großbaustelle benötigten Arbeitskräfte untergebracht werden. Zu Beginn der Bauarbeiten wurden täglich mit mehr als 100 Bussen weitere 6000 Arbeiter, Handwerker und Techniker aus der Umgebung zu ihrer Arbeitsstätte gebracht.
Der neue Truppenübungsplatz war von Beginn an ein Garant für Arbeitsplätze in der von Ackerbau und Viehzucht geprägten Rhön. Die eigentliche Errichtung des Kasernengeländes setzte umfangreiche Vorarbeiten voraus, weil das schwer zugängliche Areal erst durch den Bau von Straßen erschlossen werden musste. Die 156 geplanten Gebäude wurden in sechs parallel zum Berg gestaffelten Terrassen angelegt, die mit Ringstraßen und acht bergwärts führenden Verbindungsstraßen erschlossen wurden. Die eigentlichen Bauarbeiten begannen 1937. Heute kaum noch in Erinnerung: Das Stall- und Pferdelager für insgesamt 1500 Tiere war das letzte in dieser Größenordnung für militärische Zwecke.
Von Anfang an waren die Dimensionen des militärischen Areals gewaltig. Das zeigt der Film mit eindrucksvollen Bildern. Die Dörfer im Truppenübungsplatzes wurden abgesiedelt. Viele Rhöner mussten ihre Heimat verlassen.
Zum Ende des Zweiten Weltkrieges kam die US-Armee nach Wildflecken und löste das Kriegsgefangenenlager offiziell auf. Allerdings: Während die französischen und belgischen Gefangenen sofort in ihre Heimat zurückkehrten, mussten Russen und Polen noch für mehrere Monate oder sogar Jahre in Wildflecken bleiben.
Es folgte ein tragisches, ja unmenschliches Kapitel des Truppenübungsplatzes. Auch das spart der Film nicht aus. Eine Gedenktafel auf dem Polenfriedhof in Wildflecken erinnert an ein trauriges Schicksal. Bis zu 20 000 Polen mussten hier dicht gedrängt zusammenleben. Die Hungersnot war groß im Lager, es kam zu einer Vielzahl von Plünderungen, Raubüberfällen, Diebstählen und Mordfällen. "Diesen Menschen ging es wirklich dreckig", sagt ein nachdenklicher Alt-Bürgermeister Walter Gutmann im Film. Die einst perfekte Tarnung des Truppenlagers fiel wegen des Feuerholzbedarfs nahezu einem Kahlschlag zum Opfer.
Als die US-Truppen das Truppenlager und den Truppenübungsplatz übernahmen, sorgten sie für einen wirtschaftlichen Aufschwung Wildfleckens. "Das Leben pulsierte", sagt Gutmann und beschreibt den urbanen Charakter der einst eher beschaulichen Rhöngemeinde. "Bei uns war die Welt zu Gast." Doch nach dem Ende des Kalten Krieges ziehen sich die US-Truppen 1994 aus Wildflecken komplett zurück. Das Panzerartilleriebataillon 355, die Panzerpionierkompanie 350 sowie die 5. Kompanie des Nachschubbataillons 102 ziehen in das US-Truppenlager um. Dieses erhielt am 26. April 1994 den Namen der im gleichen Jahre in Oberwildflecken aufgelösten Rhön-Kaserne. Heute sind am Übungsplatz das Gefechtssimulationszentrum des Heeres, die Truppenübungsplatzkommandantur und eine Außenstelle des Bundeswehr-Dienstleistungszentrums Hammelburg untergebracht.
Großes Lob gab es von den Gemeinderäten, die den Film für gelungen halten. Es müssen noch kleinere Arbeiten durchgeführt werden, dann wird er zur Veröffentlichung freigegeben.


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