Bad Brückenau
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Bad Brückenau: Wolle gesucht!

Seit über 40 Jahren treffen sich Frauen im evangelischen Gemeindehaus, um gemeinsam für bedürftige Menschen Kleidung zu stricken.
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Mechthild von Czettritz und Neuhaus führt den Strickkreis im evangelischen Gemeindehaus seit über 40 Jahren. Für den Verkauf vor Weihnachten haben die Frauen immer neue Ideen. Foto: Julia Raab
Mechthild von Czettritz und Neuhaus führt den Strickkreis im evangelischen Gemeindehaus seit über 40 Jahren. Für den Verkauf vor Weihnachten haben die Frauen immer neue Ideen. Foto: Julia Raab
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Wer Begriffe wie Nasenwolle und Brennprobe kennt, der weiß sicherlich auch, wie ein paar Socken gestrickt werden. Die jüngere Generation hat in der Schule kaum noch Strickunterricht gehabt. Doch früher war das Standard: "Wir haben das sehr früh in der Schule und Zuhause gelernt, uns blieb gar nichts anderes übrig", sagt Mechthild von Czettritz und Neuhaus, die das Stricktreffen in Bad Brückenau in den 1970er Jahren ins Leben gerufen hat. "Wir haben das im Blut", so erzählt sie weiter und meint damit die Frauen, die den Krieg zumindest als Kinder miterlebt haben.

Socken für Soldaten

Zuhause und in der Schule haben die Mädchen und Frauen für die Soldaten des Zweiten Weltkrieges gestrickt. Socken für die warmen Füße an der Front. Da gab es dann auch so kriegerische Umschreibungen wie "den Kragen evakuieren", was so viel bedeutet wie einen Kragen aus einem anderen Stoffstück neu anzunähen. Alle diese Erinnerungen teilen die Meisten der zwölf Frauen, von denen viele weit über 80 Jahre alt sind. Hilde Wiesner ist die älteste mit 87 Jahren. Sie läuft seit vielen Jahrzehnten jede Woche von Römershag in das evangelische Gemeindehaus. "Das ist das Highlight der Woche", sind sich die Frauen einig. Zwei Stunden stricken, lachen, Geschichten erzählen und natürlich Kaffee trinken - das darf nicht fehlen. Für die Frauen eine willkommene Abwechslung in ihrem Alltag. "Wir stricken alle auch Zuhause vor dem Fernseher und so entsehen unheimlich viele Kleidungsstücke mit der Zeit", sagt von Czettritz und Neuhaus. Sie rechnet zusammen. Bestimmt 1000 Decken im Laufe der gesamten Zeit haben sie in diesem Kreis gestrickt.

Spenden für Afghanistan

Sechs volle Umzugskartons waren es alleine im vergangenem Jahr, die die kleine Gruppe Frauen an ein Hilfsprojekt in Afghanistan geschickt hat. Seit einigen Jahren schon spenden sie Kleidung, Decken und auch gesammelte Rollstühle, orthopädische Schuhe und Stützen an das Projekt Empor E.V. des Afghanischen Orthopädietechniker Wali Nawabi. Hier kennen sie den Weg der Spenden genau, so von Czettritz und Neuhaus, und pflegen auch den einen oder anderen privaten Kontakt dahin. Aus einer Idee zu spenden hat sich der Strickkreis in den 1970er Jahren auch gegründet: Die Orgel in der evangelischen Kirche war kaputt, daraus entsand der Strickkreis, erinnert sich von Czettritz und Neuhaus. "Wir haben gestrickt, um Geld für die Orgel zu sammeln", erklärt sie ihre Motivation. Und das hat sich bis heute fortgesetzt. Auch am jährlichen Weihnachtsbasar werden einige der Meisterwerke verkauft. "Was wir immer brauchen, ist Wolle", so die Frauen. Und es wird alles verwendet, was sie bekommen, sei es auch noch so klein. "Aufgestrickt wird radikal alles", so die Frauen

Stricken gegen Langeweile

Was die Motivation der Frauen aus dem Raum Bad Brückenau ist, Woche um Woche, seit vielen Jahren, Decken, Pullover und Socken im mühevoller Arbeit sticken, um sie dann mit einem Hilfsprojekt nach Afghanistan zu schicken, erklärt von Czettritz und Neuhaus: "Die Meisten von uns stammen aus einer Generation der Schaffer". Die könnten nicht rumsitzen und nichts machen. Egal ob Zuhause oder in der Gemeinschaft. Nebenbei wird immer gestrickt.

INFOKASTEN

Wollspenden

Jeden Dienstag um 14 Uhr findet der Strickkreis im evangelischen Gemeindehaus statt. Wer noch Wolle übrig hat und spenden möchte oder gerne strickt, der ist herzlich eingeladen.

KOMMENTAR

Stricken mit Sinn

Die Meisten von uns haben billige T-Shirts im Schrank, die nur wenige Saisons getragen werden. Kaufen und Wegschmeißen, das ist das Schicksal vieler Kleidungsstücke. Die Qualität lässt meist zu wünschen übrig. Viel zu selten verlieren wir einen Gedanken an die Hintergründe und die Herkunft der massenproduzierten Waren. Lieber nicht darüber nachdenken, ob das Kleidungsstück womöglich von einem Kind in einem armen Land produziert wurde. Umso bewundernswerter ist die Arbeit der Frauen des Strickkreises. Viele Stunden arbeiten sie an einem Kleidungsstück, das wundervoll warm und langlebig daherkommt. Trotz des vertaubten Images der gestrickten Kleidung ist es in der heutigen Zeit ein richtiges Statement, einen selbst gestrickten Pulli oder Schal zu tragen. Auch die Idee hinter dem Treffen, stricken, erzählen und die Erinnerungen leben lassen, ist höchst unterstützenswert. Denn die Frauen finden einen Sinn im Zusammensein und einen Halt in unserer schnelllebigen Zeit. Davon haben sogar die Menschen am anderen Ende der Welt etwas.

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