Bad Brückenau
Fachkräftemangel

Bad Brückenau: Heimleiter reden Klartext

Seit 14 Jahren arbeitet Roberto Ranelli im Pflegeheim Schloss Römershag, elf davon als Heimleiter. Er sagt: Wer Fachkräfte gewinnen will, muss sie wertschätzen.
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Im Pflegeheim Schloss Römershag sind alle Plätze belegt. Heimleiter Roberto Ranelli muss vielen Angehörigen Absagen geben. Foto: Ulrike Müller
Im Pflegeheim Schloss Römershag sind alle Plätze belegt. Heimleiter Roberto Ranelli muss vielen Angehörigen Absagen geben. Foto: Ulrike Müller
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Eigentlich hat Roberto Ranelli geladen, weil zwei Jubiläen ins Haus stehen: Vor 350 Jahren wurde der Südflügel der schmucken Schlossanlage gebaut, in der heute das Pflegeheim Schloss Römershag zu finden ist. Im Jahr 1884 - also vor nunmehr 135 Jahren - richtete die damalige Kreisregierung dort ein "Spital für Unheilbare" ein, berichtet der Heimleiter. Seitdem heißt die Einrichtung im Volksmund "Anstalt", auch wenn sich das Ansehen des Pflegeheims inzwischen deutlich gebessert hat.

Ranelli aber hat er etwas ganz anderes auf dem Herzen. "Noch nie war die Pflege so gut wie jetzt", sagt er, lange bevor es um Pflegenotstand, Fachkräftemangel und den demografischen Wandel geht. Nie zuvor seien die Mitarbeiter so gut qualifiziert worden. Das Wissen über Erkrankungen wie Demenz sei immens. Im Pflegeheim Schloss Römershag gibt es Themenwochen über den Apfel oder Weltkulturerbestätten, Therapiehunde besuchen die Bewohner und die Musikschule bietet mit "Musik für Herz und Hirn" ein auf Senioren abgestimmtes Programm an.

Und doch überstrahlt der Fachkräftemangel in der Pflege all diese Erfolgsmeldungen. Im vergangenen Jahr sorgte das Institut der deutschen Wirtschaft mit einer Studie für Aufsehen. Bis zum Jahr 2035 werde die Zahl pflegebedürftiger alter Menschen auf vier Millionen anwachsen. Zum Vergleich: Im Jahr 2015 waren rund drei Millionen Menschen auf Pflege angewiesen. Seitdem ist der Ruf nach mehr Pflegepersonal nur noch lauter geworden.

Pflegebetten bleiben leer

Viele Einrichtungen suchen händeringend nach Pflegekräften. Im Pflegeheim Schloss Römershag sollte die Situation besser sein. Die Einrichtung gehört dem Bezirk Unterfranken, die Beschäftigten werden nach dem Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst bezahlt. Und doch, "seit etwa zwei Jahren haben selbst wir Schwierigkeiten, Fachkräfte zu finden", sagt Heimleiter Roberto Ranelli. "Der Markt ist leer."

Diesen Satz sagt auch Hans-Karl Diederich, Geschäftsführer des Kurstifts. Im Haus gibt es eine Pflegestation und einen ambulanten Pflegedienst für die Mieter. "Ich würde sofort vier Leute einstellen", sagt er. Der Fachkräftemangel sei "akuter denn je". Es gebe immer weniger Personal, das immer mehr Bürokratie leisten müsse, um beispielsweise die Behandlung zu dokumentieren. Gelingt es nicht, neue Pflegekräfte einzustellen, hat das eine Konsequenz: "Die Betten stehen leer", sagt Diederich. Von 43 Plätzen auf der Pflegestation seien aktuell nur 28 belegt.

Auch im Seniorenzentrum Waldenfels blieben schon Betten leer, weil nicht genug Pflegekräfte zu finden waren. Das bestätigt Martin Pfeuffer, stellvertretender Vorstand der Carl von Heß'schen Sozialstiftung. Das komme immer wieder vor, auch in anderen Einrichtungen der Stiftung. Aktuell sei die personelle Situation jedoch sehr gut. Leere Pflegebetten kann sich eine Gesellschaft, die immer älter wird, schlicht nicht leisten. An dem Tag, an dem Ranelli eigentlich über die Jubiläen hatte sprechen wollen, musste er fünf Anrufern, die einen Pflegeplatz für ihre Angehörigen suchten, eine Absage erteilen. Schloss Römershag ist voll. "Früher hatte ich vielleicht drei Anfragen im Monat", erinnert er sich.

Entwicklung war lange bekannt

Was Ranelli ärgert: "Wir haben gewusst, was auf uns zukommt", sagt er und erzählt, wie er während seiner Ausbildung vor 25 Jahren die Alterspyramide der Gesellschaft kennengelernt und vom demografischen Wandel gehört hat. "Jetzt sind die Folgen spürbar." Dass sich mittelfristig die Situation ändert, daran glaubt er nicht. Er will die Leute halten, die er hat. Nicht umsonst entwickelte er kürzlich einen Aufsteller, auf dem zu lesen ist, was Altenpfleger alles leisten: Motivator, Zuhörer und Tröster steht darauf, aber auch Sterbebegleiter und Manager.

Im Willy-Brandt-Haus der Awo spricht auch Leiterin Sabine Preisendörfer über mehr Wertschätzung für Mitarbeiter in der Pflege. Vergangenes Jahr habe das Seniorenheim schwer zu kämpfen gehabt, genug Fachkräfte zu finden, berichtet sie. Aktuell sei die Lage aber stabil. Und wenn sie dann spricht und wenn sie dann zurückschaut, wie es einmal war in der Pflege, dann hat sie eine ganze Liste an Wünschen an die Politik. "Dass man Menschen nicht in irgendwelche Pflegestufen steckt, sondern als Menschen behandelt", lautet der erste.

Sabine Preisendörfer wünscht sich aber auch ein einheitlicheres System der Krankenkassen und dass die Ärzte vor Ort wieder mehr Verantwortung für die Patienten in den Heimen übernehmen. Sie findet wichtig, dass die Pflegekräfte wieder näher am Kunden sind. Dafür müsste die umfangreiche Bürokratie abgebaut werden. Kontrolle sei wichtig, sagt sie. Dennoch sollten die Prüfkriterien deutlich verschlankt werden.

Die Vergänglichkeit des Lebens, sagt Ranelli, blende die Gesellschaft aus wie wohl noch nie. Dass der Zivildienst abgeschafft wurde, spürt er genauso wie die Leiter anderer Einrichtungen. "Meine Zivis kamen als Bubis und sind als Männer gegangen", stellt er fest. Er habe die Erfahrung gemacht, dass einige junge Menschen umdenken, wenn sie mit dem Beruf des Altenpflegers in Berührung kommen.

"Es ist ein ehrenwerter Beruf", sagt Ranelli. "Ein schöner", sagt Preisendörfer. Dann gehen beide wieder an die Arbeit.

91 Menschen leben im Pflegeheim Schloss Römershag, sechs in der Wohngemeinschaft Sinngrund.

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